ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2021Gesundheitspersonal: Resilienz stärken

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Gesundheitspersonal: Resilienz stärken

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Coronaschlagzeilen reihen sich weiter aneinander, die stark ansteigenden Inzidenzraten werden emotionslos zur Kenntnis genommen, Deutschland steckt in der Pandemie fest. Viele sind einfach nur genervt und erschöpft. Wie schon im vergangenen Jahr mit dem „Beherbergungsverbot“ kreiert die Politik auch in diesem Jahr mit dem „kontaktarmen Urlaub“ einen neuen Begriff und scheitert krachend. Die Politiker beschäftigen sich mehr mit sich selbst und verlieren sich in Streitigkeiten: Bundesländer gegeneinander, die Regierungskoalition untereinander.

So können keine pragmatischen und bürokratiearmen Lösungen entstehen oder gar umgesetzt werden, um der Pandemie Herr zu werden. Dass Bund und Länder nicht an einem Strang ziehen, lässt die Bevölkerung politikmüde und damit unvorsichtig werden. Wie zwei verschiedene Strukturen erfolgreich zusammenarbeiten können, hat dagegen das deutsche Gesundheitswesen gezeigt. Gerade die erste Pandemiewelle ist so gut bewältigt worden, weil niedergelassene Ärztinnen und Ärzte und Krankenhäuser flexibel waren und einfach ihren Job gemacht haben. Genauso pragmatisch, wie jetzt einige Kommunen Modelregionen einführen, um mit einem festgelegten Testregime vorsichtige Öffnungen zu realisieren (Seite 655).

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Bei all den dennoch verständlichen Diskussionen um Lockdown- oder Öffnungsstrategien darf man aber nicht vergessen, dass das Gesundheitswesen nur dann so gute Arbeit leisten kann, wenn diejenigen, die die Hauptlast tragen, nicht in einer Dauerbelastung stecken. Und das ist kein neues Phänomen. Viele Bereiche des Gesundheitswesens leiden unter chronischem Personalmangel, der sich durch die demografischen Entwicklungen noch verstärken wird. Die Pandemie hat die Mangel- und die dadurch entstehenden Stresssituationen noch verschärft. Eine hohe zeitliche Beanspruchung, ausgelöst durch knappe Personaldecken, häufige Dienste, aber auch eigene Ansprüche an Erreichbarkeit und Präsenz belasten die eigene Gesundheit. Zudem fehlt der persönliche Austausch in der Pandemie durch die Kontaktbeschränkungen.

Junge Ärztinnen und Ärzte erleben folglich außergewöhnliche körperliche und psychische Belastungen in diesen Zeiten. Einer Umfrage zufolge konnten knapp 60 Prozent der Befragten Nachwuchsmediziner ihre internistische Fortbildung während der Pandemie nicht der Weiter­bildungs­ordnung entsprechend fortführen (Seite 670). Ein weitere Umfrage ergab, dass sich rund 30 Prozent der Pflegekräfte während der Arbeitszeit überfordert fühlen und daher sogar 32 Prozent der Befragten derzeit überlegen, ihren Beruf aufzugeben.

Aber nur weniger als zehn Prozent der Krankenhäuser in Deutschland machen ihren Angestellten Beratungs- und Hilfsangebote, um sie in ihren Belastungssituationen zu unterstützen, schätzt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Seite 665). Dies wird sicher ebenso als mangelnde Wertschätzung wahrgenommen wie die langen Diskussionen um die immer noch nicht geregelten Boni für Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte. All das macht deutlich, wo Handlungsbedarf besteht und dies nicht nur zu Pandemiezeiten. Das heißt, es müssen Angebote geschaffen werden, um die Resilienz des Gesundheitspersonals zu stärken, aber gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen kontinuierlich überprüft werden. Das eine geht nicht ohne das andere.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 2. April 2021, 14:55

Eine bessere Zusammenfassung gibt es nicht

Diese "SEITE EINS - Gesundheitspersonal: Resilienz stärken" Kolumne von Michael Schmedt ist eine der besten Zusammenfassungen zur gesundheitspolitischen Lage der Nation in diesen bewegt-umstrittenen SARS-CoV-2/COVID-19 Zeiten, die ich bisher gelesen habe.

Der Hinweis auf die Resilienz, also die psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, ist besonders wertvoll. Denn unsere Gesetzes- und derzeitig eher Verordnungsgeber verstehen sich brillant darauf, genau diese Resilienz immer wieder zu konterkarieren und zu untergraben.

In allen Verordnungen zum Infektionsschutzgesetz des Bundes und in allen Erlassen der Länder-Ge­sund­heits­mi­nis­terien zur Bekaempfung der CORONA-Pandemie findet sich an keiner Stelle auch nur der leiseste Hinweis auf unsere Mitbewohner/-innen in Deutschland, die
a) erfolgreich und angeblich sicher geimpft wurden
b) nach beweisbar abgelaufenen SARS-CoV-2-Infektionen/COVID-19 Erkrankungen genesen sind
c) aus anderen Gründen eine dauerhafte Immunität auch gegen SARS-CoV-2-Virusmutationen belegen können.

Das Dortmunder Gesundheitsamt schrieb mir am 1.4.2021 offiziell:
"Eine Ausnahme für wieder genesene [oder erfolgreich immunisierte] Personen gibt es in der Einreiseverordnung nicht, ob Sie in die häusliche Absonderung müssen entscheidet sich allein aus welchem Gebiet Sie einreisen und ob Sie eine Testung vornehmen.
Bitte bedenken Sie, dass sich die Verordnungen jederzeit kurzfristig ändern können.
Die aktuellen Informationen erhalten Sie unter:
www.mags.nrw/erlasse-des-nrw-gesundheitsministeriums-zur-bekaempfung-der-corona-pandemie"

Damit ist klar: Bundes- und Landespolitik spielen weiterhin lieber mit Ängsten, Panik und sinnlosen formaljuristischen Vorschriften, als Befreiungen von Reiseverboten, Mobilitäts-, Kontakt- und Kommunikations-Einschränkungen bei Ex-Infizierten, Genesenen, Immunen und Geimpften zu kommunizieren. Spekuliert man auf eher konservatives

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