ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2021SARS-CoV-2-Impfungen: Start in Arztpraxen mit BioNTech

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SARS-CoV-2-Impfungen: Start in Arztpraxen mit BioNTech

Haserück, André

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Die STIKO-Empfehlungen zum AstraZeneca-Impfstoff müssen auch bei den Impfungen in den Arztpraxen berücksichtigt werden. Zudem sind die Liefermengen noch ausbaufähig. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn ist angesichts des Engagements der Ärztinnen und Ärzte trotzdem zuversichtlich.

Vorstellung der Impfpläne: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn gemeinsam mit Dr. med. Andreas Gassen (KBV), Gabriele Regina Overwiening (ABDA), Marcus Freitag (Phagro) und Tim Szent-Ivanyi von der Bundespressekonferenz. Foto: picture alliance/Flashpic/Jens Krick
Vorstellung der Impfpläne: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn gemeinsam mit Dr. med. Andreas Gassen (KBV), Gabriele Regina Overwiening (ABDA), Marcus Freitag (Phagro) und Tim Szent-Ivanyi von der Bundespressekonferenz. Foto: picture alliance/Flashpic/Jens Krick

Der nächste Schritt bei der Coronaimpfkampagne werde „noch kein großer Schritt sein, aber ein wichtiger“, betonte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) anlässlich des Impfstarts in Arztpraxen direkt nach Ostern. Zunächst können 35 000 Hausarztpraxen ihre Patientinnen und Patienten mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer gegen SARS-CoV-2 impfen. Für die erste Woche haben die Praxen laut Spahn insgesamt 1,4 Millionen Impfdosen bestellt – lieferbar seien zunächst 940 000 Dosen. Die hohe Bereitschaft der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sei ein gutes Zeichen für die Zukunft.

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Nach Ostern sollen die gelieferten Dosen und somit die Impfzahlen allmählich hochgefahren werden. Zudem beginne man zwar mit den Hausarztpraxen, die weiteren Facharztpraxen und auch Privatärzte sollen aber zeitnah einbezogen werden. Spahn erläuterte, mit dem Impfstart in den Arztpraxen würden nun Strukturen und Abläufe etabliert, um die Impfzahlen in wenigen Wochen deutlich steigern zu können. Ende April seien bereits mehr als drei Millionen Dosen pro Woche für die Arztpraxen vorgesehen. Der Impfstoff gehe vom Bund an den Großhandel und dann über die Apotheken an die Praxen – hier nutze man bewährte Wege, so Spahn.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, sprach von „35 000 weiteren Impfzentren“. Er sicherte einen „guten und professionellen Start“ der Coronaimpfungen in den Praxen der niedergelassenen Ärzte zu. Insgesamt böten die Arztpraxen ein „Riesenpotenzial“ – man könne perspektivisch mehrere Millionen Dosen pro Woche verimpfen und so entscheidend dazu beitragen, die Coronapandemie zu kontrollieren.

Zunächst nur BioNTech-Vakzin

In den ersten beiden Wochen solle in den Arztpraxen ausschließlich der Impfstoff von BioNTech/Pfizer eingesetzt werden, so Spahn. Ab der Woche vom 19. April seien BioNTech und AstraZeneca vorgesehen, ab der Woche vom 26. April dann BioNTech, AstraZeneca und Johnson & Johnson. Allerdings seien aufgrund „aktueller Entwicklungen“ noch Anpassungen bei den Planungen möglich, betonte der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter. Damit bezog er sich unter anderem auf die Liefersicherheit der einzelnen Hersteller – vor allem aber auf die Turbulenzen rund um den AstraZeneca-Impfstoff.

Aus den neuen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zum Präparat von AstraZeneca – diese erfolgten aufgrund seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen – ergeben sich Konsequenzen für die gesamte Coronaimpfkampagne in Deutschland. Die Altersbeschränkung auf über 60-Jährige habe eine „etwas unbefriedigende Situation“ erzeugt, so KBV-Chef Gassen. Im Normalfall wäre das Vakzin aufgrund seiner unkomplizierten Transport- und Lagereigenschaften prädestiniert für die breite Verwendung in den Arztpraxen gewesen.

Nun stelle sich bei dem Impfstoff von AstraZeneca die Zuordnung der potenziellen Impflinge „kompliziert“ dar. Zwar seien die niedergelassenen Ärzte Fragen ihrer Patienten gewohnt und man werde vermutlich höheren Beratungsaufwand zu AstraZeneca stemmen – allerdings bleibe die STIKO-Empfehlung ausschlaggebend. „Wegempfehlen“ werde man die Einschränkungen nicht. Auch wenn es nach den geänderten Empfehlungen unter bestimmten Bedingungen weiterhin möglich sei, den AstraZeneca-Impfstoff an unter 60-Jährige zu verabreichen (Kasten), werde dies wohl kein „Massenphänomen“, betonte Gassen.

Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, verwies zuletzt auf den Zeitbedarf für eine umfassende Beratung und intensive Aufklärung jüngerer Patienten. Dieser stehe einer schnellen Impfkampagne diametral entgegen. Die KBV betont, man halte den AstraZeneca-Impfstoff gegen COVID-19 grundsätzlich für einen gut wirksamen und gut verträglichen Impfstoff. Vertragsärztliche Praxen könnten den Impfstoff gut vorhalten – auch weil er im Kühlschrank recht lange haltbar sei – und an diejenigen verimpfen, die den Impfstoff akzeptierten. Dass Vertragsarztpraxen in Zukunft mit immensem Aufwand Bürger „überreden“ würden, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen, lehne man aber „nachdrücklich ab“.

Impfziele weiterhin haltbar

KBV-Vorstandsvorsitzender Gassen hält das Versprechen der Bundesregierung, bis zum Ende des Sommers jedem Bundesbürger ein Impfangebot zu machen, trotz allem noch für einhaltbar. „Wenn die Impfzentren ihre Zahl von wöchentlich 2,2 Millionen Impfungen erreichen, die Arztpraxen jetzt starten und die Betriebsärzte helfen, dann glaube ich, dass wir das als gemeinschaftliche Anstrengung noch hinbekommen“, sagte Gassen. Die KBV hat zum Thema Coronaimpfungen ein umfangreiches Informationspaket zur Verfügung gestellt (Seite 740).

Nach seiner Einschätzung werde der AstraZeneca-Impfstoff „nun vorwiegend in den Impfzentren zum Einsatz kommen“, so Gassen. In den Praxen werde eher BioNTech und demnächst auch Johnson & Johnson eingesetzt werden – dies müsse man bei der Verteilung der Impfstoffe beachten. Grundsätzlich sei ohnehin die Nutzung von Impfstoffen mehrerer Hersteller „sinnvoll und machbar“. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn verwies hierzu darauf, dass man – da sei er sich sicher – auch für das AstraZeneca-Vakzin genügend Impfwillige finden werde. Schließlich seien in den Arztpraxen auch viele Patienten mit einem Alter von über 60 Jahren in Behandlung. Auf die Altersgruppe entfallen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt (Destatis) knapp 24 Millionen Personen.

Die Logistik steht

Eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Arztpraxen mit Impfstoffen spielen der pharmazeutische Großhandel und die Apotheken. Die Präsidentin der Bundesvereinigung der Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Gabriele Overwiening, betonte, die Apotheken vor Ort könnten jede zur Verfügung stehende Menge managen – trotz der „pharmazeutisch anspruchsvollen Vakzine“.

Auch der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels (PHAGRO), Marcus Freitag, versicherte, dass die Kapazitäten so ausgelegt seien, auch weitaus größere Mengen als zu Beginn der Impfungen in den Praxen zu verarbeiten. Da die Apotheken jeweils einzelne Durchstechflaschen erhalten würden, übernähmen die Großhändler das Auseinzeln und Umverpacken der Impfstoffe, so Freitag. Außerdem stelle man abhängig von Impfstoff und Anzahl der Dosen das jeweils passende Impfzubehör – wie etwa Spritzen, Kanülen und Kochsalzlösung zum Verdünnen der Impfstoffe – zusammen. Das Zubehör sei fester Bestandteil jeder COVID-19-Impfstofflieferung an die Apotheken. Man sei trotz des knappen Zeitrahmens und durchaus bestehender Herausforderungen gut vorbereitet, betonten Overwiening und Freitag unisono.

Von Herausforderungen – hier im Kontext der AstraZeneca-Problematik – sprach auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Entscheidung werde Folgen für die Organisation des Impfens haben. Dies werde man aber „gemeinsam anpacken und bewältigen“, betonte die Kanzlerin. Zugleich bekräftigte sie das Ziel der Bundesregierung, bis zum Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen. André Haserück

STIKO-Empfehlungen zum AstraZeneca-Impfstoff

Auf Basis der derzeit verfügbaren Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen wird der COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca nur noch für Personen im Alter ab 60 Jahren empfohlen. Dies teilte die Ständige Impfkommission (STIKO) am 30. März mit. Bund und Länder waren dieser Empfehlung gefolgt und beschlossen gemeinsam, dass das AstraZeneca-Vakzin in der Regel nur noch an Menschen über 60 Jahren verimpft werden soll.

Nach mehreren Beratungen habe man, auch unter Hinzuziehung externer Experten, mehrheitlich entschieden, diese Empfehlung auszusprechen, da diese Nebenwirkung vier bis 16 Tage nach der Impfung, ganz überwiegend bei Personen im Alter von unter 60 Jahren auftraten, so die STIKO. Für Personen im Alter von unter 60 Jahren, die bereits eine erste Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin erhalten haben, wird von der STIKO empfohlen, anstelle der zweiten AstraZeneca-Dosis eine Dosis eines mRNA-Impfstoffs 12 Wochen nach der Erstimpfung zu verabreichen. Hintergrund hierfür ist, dass der Schutz einer einmaligen AstraZeneca-Impfung nach 12 Wochen abzunehmen beginnt. Die STIKO empfiehlt eine Studie, die immunologische Effekte nach dem heterologen Impfschema untersucht.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) befand sich zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch in Beratungen zur Sicherheit des AstraZeneca-Mittels. Vorerst riet die EMA nicht zu Einschränkungen bei der Anwendung des Coronaimpfstoffs, da es nach dem jetzigen wissenschaftlichen Stand keine Belege gebe, die dafür sprechen, die Verwendung dieses Impfstoffs in irgendeiner Bevölkerungsgruppe zu beschränken. Die Überprüfung von neuen Hinweisen auf die Gefahr spezieller seltener Blutgerinnsel im Gehirn laufe aber noch.

Der britisch-schwedische Impfstoffhersteller AstraZeneca hat angesichts der neuen Altersempfehlungen für sein Coronavirus-Vakzin in Deutschland darauf hingewiesen, dass Zulassungsbehörden in Großbritannien und der Europäischen Union sowie die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zu dem Schluss gekommen seien, dass der Nutzen des Mittels die Risiken in allen Altersgruppen deutlich überwiege. Man respektiere aber die Entscheidung der STIKO.

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