ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2021Von schräg unten: Ungeheuerlich

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ungeheuerlich

Böhmeke, Thomas

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Wir Ärzte haben es in diesen Pandemiezeiten eigentlich richtig gut, liebe Kolleginnen und Kollegen, denn die AHA-Regeln wurden quasi in unsere DNA gekritzelt. Masken tragen ist für uns so selbstverständlich wie Haare kämmen, ohne die Maske kämen wir uns förmlich unangezogen vor. Das hat in Studententagen bei einem ersten hoffnungsvollen Rendezvous vielleicht zu Irritationen geführt, aber solche Störwirkungen sind selbstverständlich in Kauf zu nehmen.

Daher tue ich mich schwer damit, die Empörungsorgien der Coronagegner nachzuvollziehen, die sich gelegentlich ganz oben ohne zusammenrotten. Obwohl, gegen Corona bin ich auch, genauso wenig wie ich Vorderwandinfarkte und Aortendissektionen leiden kann – jedoch ist mir die übrige Argumentation der Coronagegner völlig fremd. Wir Ärzte haben Vorbildfunktion und so sitzt meine FFP3-Maske perfekter als ein italienischer Maßanzug, aus meinen Poren perlt kein Schweiß, sondern pures Desinfektionsmittel. Derart hygienisch einwandfrei gestylt eile ich in die Stadt, um einerseits mit besagten Accessoires zu glänzen, andererseits um nachzugucken, wie weit es dieser Trend ins tägliche Leben geschafft hat.

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Als erstes betrete ich einen Supermarkt. Streng werde ich am Eingang von einem Sicherheitsmenschen beäugt und erst hineingelassen, nachdem einige Kunden den Markt wieder verlassen haben. Geradezu einsam schwelge ich zwischen Schalotten und Schaumwein und habe keine Angst mehr um meine Achillessehne, die in den Zeiten vor Corona dauerhaft durch drängelnde Einkaufswagen rupturgefährdet war. Einfach wunderbar, wie die Menschen sich mit Abstand und Respekt begegnen! Jedoch, ist dies überall so?

Ich gehe in eine weitere öffentliche Einrichtung in der Hoffnung, dass sich dort meine positiven Eindrücke bestätigen. Aber, was muss ich hier sehen?! Hier drängeln sich lauter Menschen, ja, haben die etwa gar keinen Anstand, Abstand zu halten? Da! Eine ältere, etwas gangunsichere Dame wird untergehakt und mit Scherzen auf den Lippen durch den Flur geleitet, das ist ungeheuerlich! Dort! Junge Frauen, die anderen Menschen schwarze Binden um die Arme wickeln und sich Drahtgestelle in die Ohren pfropfen, was soll das denn?! Das geht ganz und gar nicht, ich muss dringend mit dem Chef dieses Etablissements ein skalpellscharfes Wort reden!

Einen Chef kriege ich hier nicht zu Gesicht, aber eine Chefin, der ich völlig empört den Weg verstelle. „Oh, Herr Doktor Böhmeke, was machen Sie denn hier, Sie haben doch heute frei! Sehnsucht nach uns? Sollen wir noch eine Sprechstunde für Sie aufmachen? Aber wenn Sie schon mal hier sind: Ich wollte Sie fragen, wann wir MFA endlich auch eine Impfung bekommen. Sie haben doch so viele Kontakte, können Sie diesen Wunsch nicht mal an prominenter Stelle vortragen?“ Schon erledigt!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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