ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2021Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe bei Personen im Alter von 18–61 Jahren
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Derzeit gibt es noch keine vollständigen Informationen zu Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe bei Personen im erwerbsfähigen Alter. Die DKMS gemeinnützige GmbH registriert Freiwillige im Alter zwischen 18 und 61 Jahren für eine mögliche Stammzellspende. Ziel der Studie war es, Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe in dieser Population zu ermitteln. Die Studie wurde durch die Ethikkommission der Technischen Universität Dresden genehmigt. Alle Probanden willigten in die Studienteilnahme ein.

Methode

Mit einem Gesundheitsfragebogen wurden Informationen zu Virustest, Risikofaktoren (Adipositas, Rauchen, arterielle Hypertonie oder Diabetes mellitus), Symptomen und der Behandlung von COVID-19 gesammelt. Schwere Atemwegsinfektionen wurden definiert über folgende Symptomkombinationen: Fieber und Husten, Luftnot und Husten, Luftnot und Fieber, Luftnot und Gliederschmerzen. Eine Hospitalisierung infolge von Atemwegssymptomen wurde definiert als Sauerstoffbedarf mit/ohne Beatmung. Zur Analyse von Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe wurden multivariable logistische Regressionen mit den Faktoren Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI), Diabetes mellitus, arterieller Hypertonus, Raucherstatus und Monat der Infektion für die Endpunkte schwere Atemwegsinfektion und Hospitalisierung gerechnet. Die Testergebnisse müssen als explorativ betrachtet werden. P-Werte wurden für multiples Testen nicht adjustiert. Weitere Details zur Studie können unter www.doi.org/10.1101/2020.11.05.20226100 nachgelesen werden.

Ergebnisse

Insgesamt 4 440 895 registrierte Freiwillige wurden kontaktiert und 924 557 konsentierten die Studienteilnahme. Von diesen waren 157 544 Studienteilnehmer auf SARS-CoV-2 mittels Abstrich getestet worden, 7 948 berichteten einen Virusnachweis. Das mediane Alter betrug 35 Jahre. Es nahmen mehr Frauen (70 %) als Männer (30 %) teil. 15 % der Teilnehmer gaben einen BMI ≥ 30 kg/m2 an, 21 % waren aktive Raucher im Jahr 2019 gewesen, 2 % erhielten Medikamente zur Behandlung eines Diabetes mellitus und 8 % gegen arterielle Hypertonie. Das häufigste berichtete Symptom war Geruchsverlust (65 %), gefolgt von Gliederschmerzen (58 %), Husten (54 %), Halsschmerzen (42 %), Fieber (41 %) und Luftnot (27 %). Von den Teilnehmern mit SARS-CoV-2-Nachweis berichteten 947 (11,9 %) asymptomatische Verläufe, 5 014 (63,1 %) milde/moderate Symptome und 1 987 (25 %) schwere Atemwegssymptome. Von dieser Gruppe wurden 286 (3,6 %) Patienten hospitalisiert, 161 Patienten (2,0 %) brauchten medizinischen Sauerstoff und 22 Studienteilnehmer (0,28 %) mussten künstlich beatmet werden.

In multivariablen Analysen war das Risiko für eine Hospitalisierung aufgrund von respiratorischen Beschwerden für 55- bis 61-Jährige 5,3-fach höher als für die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen (Tabelle). Gleichwohl war das absolute Risiko (9 %) einer Hospitalisierung auch in der Gruppe der 55- bis 61-Jährigen moderat (Grafik). Für Teilnehmer mit einem BMI von 35–40 kg/m2 war das Risiko einer Hospitalisierung 2,1-fach höher als für Normalgewichtige. Interaktionen zwischen Geschlecht, Alter und BMI fanden sich nicht. Ein medikationspflichtiger Diabetes mellitus (OR 1,59; p = 0,012), nicht aber eine arterielle Hypertonie (OR 0,98; p = 0,857) erhöhte das Risiko für schwere Atemwegssymptome.

Schwere von COVID-19-Verläufe, abhängig von Alter, Body-Mass-Index und medikamentös behandeltem Diabetes mellitus
Grafik
Schwere von COVID-19-Verläufe, abhängig von Alter, Body-Mass-Index und medikamentös behandeltem Diabetes mellitus
Multivariable Risikofaktorenanalyse
Tabelle
Multivariable Risikofaktorenanalyse

Diskussion

Die vorliegende Studie mit registrierten Stammzellspendern im Alter zwischen 18 und 61 Jahren erlaubt es, Risikofaktoren für schwere COVID-19-Verläufe bei Menschen im erwerbsfähigen Alter mit relativ wenigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu untersuchen. In der befragten Personengruppe fand sich eine geringere Prävalenz für Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Nikotinabusus verglichen mit der Normalbevölkerung (1). Genau für diese Personengruppe gibt es bislang nur unvollständige Informationen zur Risikofaktoren für COVID-19.

Das Alter war noch stärker mit dem Auftreten schwerer Atemwegssymptome assoziiert als dies für andere respiratorische Virusinfektionen wie beispielsweise Influenza beschrieben ist, Übergewicht hingegen hatte einen vergleichbaren Einfluss (2, 3). Alter, Übergewicht und Diabetes sind gut belegte Risikofaktoren für das Auftreten von respiratorischer Insuffizienz und Sterblichkeit durch COVID-19 für ältere Menschen (4, 5).

Die präsentierten Ergebnisse weisen Limitationen auf. Erstens basiert die Analyse auf selbstberichteten Befunden ohne externe Bewertung, und die Repräsentativität der befragten Personengruppe kann nicht garantiert werden. Ein personengruppenspezifisches Antwortverhalten kann deshalb die Ergebnisse dieser Studie beeinflusst haben. Zweitens sind aufgrund des Designs der Studie Personen, die durch Krankheitsfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion nicht an der Befragung teilnehmen konnten, zwangsläufig in der Studienpopulation nicht repräsentiert. Dies betrifft mindestens diejenigen, die infolge der Infektion verstorben sind. Dieser Anteil ist bei einer – nach Zahlen der Robert Koch-Instituts – Fall-Sterblichkeit von 0,11 % für Personen dieser Altersgruppe und Geschlechterverteilung zwar klein, aber systematisch nicht erfasst. Drittens fokussiert die Befragung ausschließlich auf akute respiratorische Probleme. Schwere Komplikationen ohne begleitendes respiratorisches Versagen oder Langzeitfolgen wurden nicht systematisch erfasst.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass für relative gesunde Personen zwischen 18 und 61 Jahren das Alter, der BMI und Diabetes mellitus wichtige Risikofaktoren sind. Der Einfluss dieser Faktoren ist klinisch relevant im Gegensatz zur AB0-Blutgruppe, deren Einfluss auf die Schwere von COVID-19-Verläufen weiterhin nicht als gesichert gelten kann. Diese Informationen können für individuelle Beratungen dieser Personengruppe zu Schutzimpfungen gegen SARS-CoV-2 beziehungsweise als Motivation zur Einhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen hilfreich sein.

Danksagung

Wir danken allen DKMS-Spendern, die an dieser Studie teilgenommen haben. Außerdem möchten wir das besondere Engagement vieler Mitarbeiter unterschiedlicher Abteilungen der DKMS hervorheben, die die Durchführung der Befragung ermöglicht haben, und die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, Förderkennzeichen 01KI20177).

Johannes Schetelig, Henning Baldauf, Sarah Wendler, Falk Heidenreich,
Ruben Real, Martin Kolditz, Andrea Rosner, Alexander Dalpke, Katja de With,
Vinzenz Lange, Jan Markert, Ralf Barth, Carolin Bunzel, Dennis Endert,
Jan A. Hofmann, Jürgen Sauter, Stefanie N. Bernas, Alexander H. Schmidt

DKMS, Clinical Trials Unit, Dresden (Schetelig, Baldauf, Wendler, Heidenreich,
Real, Bunzel, Schmidt) schetelig@dkms.de

Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, TU Dresden
(Schetelig, Heidenreich)

Abteilung für Pulmonologie, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, TU Dresden (Kolditz)

Abteilung für Transfusionsmedizin, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, TU Dresden (Rosner)

Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Institut für Virologie, TU Dresden (Dalpke)

Klinische Infektiologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, TU Dresden (de With)

DKMS Life Science Lab, Dresden (Lange, Schmidt)

DKMS, Tübingen (Markert, Barth, Endert, Hofmann, Sauter, Bernas, Schmidt)

Interessenkonflikt

Prof. Dalpke wurde für einen Vortrag honoriert von der Firma Amgen.
Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 1. 2. 2021, revidierte Fassung angenommen: 31. 3. 2021

Zitierweise
Schetelig J, Baldauf H, Wendler S, Heidenreich F, Real R, Kolditz M,
Rosner A, Dalpke A, de With K, Lange V, Markert J, Barth R, Bunzel C, Endert D,
Hofmann JA, Sauter J, Bernas SN, Schmidt AH: Risk factors for a severe course of COVID-19 in persons aged 18 to 61. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 288–9. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0200

Dieser Beitrag erschien online am 9. 4. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Saß A-C, Lange C, Finger JD, et al.: „Gesundheit in Deutschland aktuell“ – Neue Daten für Deutschland und Europa Hintergrund und Studienmethodik von GEDA 2014/2015-EHIS. JoHM 2017; 2: 83–90.
2.
Robert Koch-Institut: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland, Saison 2018/19. http://edoc.rki.de/176904/6253 (last accessed on 8 April 2021).
3.
Kwong JC, Campitelli MA, Rosella LC: Obesity and respiratory hospitalizations during influenza seasons in Ontario, Canada: a cohort study. Clin Infect Dis 2011; 53: 413–21 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Williamson EJ, Walker AJ, Bhaskaran K, et al.: Factors associated with COVID-19-related death using OpenSAFELY. Nature 2020; 584: 430–6 CrossRef MEDLINE
5.
Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C, et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet Respir Med 2020; 8: 853–62 CrossRef
Schwere von COVID-19-Verläufe, abhängig von Alter, Body-Mass-Index und medikamentös behandeltem Diabetes mellitus
Grafik
Schwere von COVID-19-Verläufe, abhängig von Alter, Body-Mass-Index und medikamentös behandeltem Diabetes mellitus
Multivariable Risikofaktorenanalyse
Tabelle
Multivariable Risikofaktorenanalyse
1.Saß A-C, Lange C, Finger JD, et al.: „Gesundheit in Deutschland aktuell“ – Neue Daten für Deutschland und Europa Hintergrund und Studienmethodik von GEDA 2014/2015-EHIS. JoHM 2017; 2: 83–90.
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