ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2021Digitalisierung: Start des E-Rezeptes rückt näher

POLITIK

Digitalisierung: Start des E-Rezeptes rückt näher

Haserück, André

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS

Aktuell befindet sich die elektronische Patientenakte im Testbetrieb, ab Juli soll das elektronische Rezept folgen und zum Jahresbeginn 2022 verpflichtend werden. Die noch verfügbare Zeit bis zum Start des E-Rezepts muss aber, so zeigt die Bestandsaufnahme, gut genutzt werden.

Foto: viperagp/stock.adobe.com
Foto: viperagp/stock.adobe.com

Das elektronische Rezept (E-Rezept) startet am 1. Juli 2021. In den anschließenden sechs Monaten gilt eine Übergangsfrist, in der auch weiterhin Muster-16-Rezepte ausgestellt werden dürfen – das bisherige Verfahren mit gedruckten Formularen wird damit zum Auslaufmodell. Ab dem 1. Januar 2022 wird das E-Rezept für apothekenpflichtige Arzneimittel dann Pflicht für alle Ärztinnen und Ärzte mit Kassenzulassung.

Anzeige

Der grundsätzliche Ablauf ist bereits klar. Die Ärzte stellen wie gewohnt die Verordnungsdaten zusammen und laden den mittels des elektronischen Heilberufsausweis (eHBA) signierten Datensatz auf den E-Rezept-Server. Die Apotheke kann sich die Verordnungsdaten herunterladen und die Verordnung aushändigen. Die Patientinnen und Patienten können wählen, ob sie die E-Rezept-App oder einen Token-Ausdruck der Arztpraxis nutzen wollen. Sowohl Server als auch App werden von der gematik bereitgestellt. Dabei scheint die geplante Zeitschiene allerdings durchaus sportlich: Hannes Neumann, Produktmanager für das E-Rezept bei der gematik, sprach jüngst von einem „ambitionierten Zeitplan“ zur Einführung des elektronischen Rezeptes. Im Rahmen einer an Ärzte und Apotheker gerichteten Veranstaltung betonte Neumann Ende März, man arbeite intensiv am E-Rezept. Seit der Vorstellung der grundlegenden Konzeption im vergangenen Sommer laufe ein enger Dialog mit allen beteiligten Akteuren.

Eng bemessener Zeitplan

Allerdings seien bis Juni „noch viele Baustellen“ zu meistern, so Neumann. Dies betreffe unter anderem die Entwicklung der Rezept-App für die Versicherten oder auch des benötigten Fachdienstes. „Größere Anstrengungen“ seien insbesondere auch noch bei der flächendeckenden Ausgabe der elektronischen Heilberufsausweise zu leisten. Vor einer nur schwer zu haltenden Zeitschiene zur Einführung des E-Rezeptes warnte auch Dr. rer. medic. Ulf Maywald, Bereichsleiter Arzneimittel der AOK PLUS. Zwar lägen die entsprechenden Fachkonzepte vor, aber viele Vorarbeiten würden noch laufen. So müssten die Krankenkassen und andere Akteure ihre Software noch auf Basis des bislang nicht finalisierten Fachdienstes anpassen.

Auch die Anpassung des Rahmenvertrages zur Arzneimittelversorgung zwischen GKV-Spitzenverband und Deutschem Apothekerverband (DAV) sei noch nicht abgeschlossen. Eine echte Hürde bilde insbesondere die bislang schleppend verlaufende Ausstattung der Leistungserbringer mit Heilberufsausweisen der neuesten Generation, mahnte auch Maywald. Diese werden seitens der niedergelassenen Ärzte benötigt, um elektronische Verordnungen für verschreibungspflichtige Arzneimittel in ihren Praxisverwaltungssystemen erstellen und elektronisch signieren zu können (Kasten). Zu beachten ist: Vom Zeitpunkt der Beantragung durch die Ärztin beziehungsweise Arzt bis zur Auslieferung durch den Kartenhersteller können bis zu zwei Monate vergehen.

Geringe Nutzung zum Start

Ralf König, Director Pharmacy im Health Innovation Hub (hih) des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG), hob die Chancen des E-Rezepts hervor. Beispielsweise könnten die Abläufe in den Apotheken „deutlich schlanker“ gestaltet werden. Insbesondere in der Einführungsphase dürfe man jedoch die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen. Anfangs würden wohl nur etwa zehn Prozent der jährlich rund 500 Millionen Rezepte in Deutschland über die von der gematik entwickelte App eingereicht werden, sagte König. Die restlichen 90 Prozent würden zunächst, so seine Erwartung, weiterhin wie gewohnt als Papierverordnung eingelöst.

Verantwortlich dafür sei vor allem der Umstand, dass noch zu wenige Arztpraxen auf die digitale Verarbeitung von Arzneimittelrezepten eingestellt seien – bisher gebe es beispielsweise noch keine E-Rezept-fähigen Praxisverwaltungssysteme für niedergelassene Ärzte.

Unabhängig vom technischen Umsetzungsstand ist zu beachten, dass E-Rezepte zunächst ohnehin auf „normale“ verschreibungspflichtige Arzneimittel beschränkt sein werden. Erst in Folgestufen sollen Betäubungsmittel- und T-Rezepte – also Sonderrezepte, die ausschließlich zur Verschreibung von Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Lenalidomid, Pomalidomid und Thalidomid genutzt werden – sowie elektronische Empfehlungen für nicht verschreibungspflichtige, aber apothekenpflichtige Arzneimittel umgesetzt werden. In dem Maße, wie weitere Leistungserbringer an die TI angeschlossen werden, können auch sonstige in die Arzneimittelversorgung nach § 31 SGB V einbezogene Produkte und Hilfsmittel verordnet werden.

Vorteile für Ärzte

Stehen die für das E-Rezept notwendigen technischen Voraussetzungen künftig flächendeckend zur Verfügung, müssten beispielsweise Folgerezepte nicht mehr in der jeweiligen Arztpraxis ausgestellt werden. Diese können dann den Patienten auf Anfrage auch ohne physischen Arztbesuch über die E-Rezept-App bereitgestellt werden. Zudem wird das E-Rezept Vorteile für den Bereich der Telemedizin bieten: Patienten kann im Anschluss an digitale Videosprechstunden das elektronische Rezept kontaktlos übermittelt werden. Perspektivisch soll das E-Rezept auch zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit beitragen. Die bei der Verschreibung elektronisch erfassten Informationen zur Medikation eines Patienten könnten als Datengrundlage für neue Anwendungen zum Medikamentenmanagement bilden – etwa indem sie in die elektronischen Patientenakte (ePA) übertragen werden.

Mit dem E-Rezept, der ePA, der elektronischen Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (eAU) sowie dem Kommunikationsdienst KIM (Kommunikation im Medizinwesen) halten aktuell mehrere digitale Lösungen Einzug in die Arztpraxen. Rund um das Thema KIM veranstalten der health innovation hub des BMG und das Deutsche Ärzteblatt am 14. April gemeinsam eine Sprechstunde für Ärztinnen und Ärzte. Zusammen mit Gästen von BMG, Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), gematik und KIM-Anbietern sollen Informationen gegeben und auch Fragen der Zuschauer beantwortet werden. André Haserück

Informationen zum E-Rezept

Grundlegende Voraussetzung für die Nutzung des elektronisches Rezeptes (E-Rezeptes) ist ein Anschluss an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) mit dem sogenannten E-Health-Konnektor. Um die für das E-Rezept im Praxisalltag sinnvolle Komfortsignatur nutzen zu können, ist zusätzlich ein weiteres Update auf den ePA-Konnektor notwendig. Daneben sind folgende Komponenten in der Praxis notwendig:

  • eHBA (elektronischer Heilberufsausweis) der Generation 2.0 für die qualifizierte elektronische Signatur: Inzwischen läuft bei allen Lan­des­ärz­te­kam­mern die Ausgabe.
  • Praxisverwaltungssystem-Update: Die PVS-Hersteller sind unterschiedlich weit mit der Umsetzung der technischen Vorgaben der gematik. Für weitere Informationen sollten Praxen sich an ihren PVS-Hersteller wenden.

Erstattung der Technikkosten

Die für das E-Rezept benötigten Komponenten sind in Praxen zum Großteil bereits durch andere TI-Anwendungen vorhanden. Die Technikkosten werden deshalb teilweise über die TI-Pauschalen für andere Anwendungen abgedeckt:

  • Update zum E-Health-Konnektor (Bestandteil der NFDM-/eMP-Update-Pauschale): 530 Euro einmalig
  • Update zum ePA-Konnektor: noch nicht festgelegt
  • PVS-Update: noch nicht festgelegt
  • eHBA (Teil der Pauschalen für die TI-Grundausstattung und den laufenden Betrieb): 11,63 Euro pro Quartal und Arzt/Psychotherapeut
  • Abrechenbar mit TI-Anbindung und erstem Nachweis über den Abgleich der Versichertenstammdaten
  • zusätzliches Kartenterminal, etwa für das Sprechzimmer: 535 Euro je Kartenterminal (ein zusätzliches Terminal je angefangene 625 Betriebsstättenfälle)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #737146
tkirste
am Freitag, 30. April 2021, 14:23

Die Telemati-Lösung ist wieder einmal kompliziert, teuer, und bei ihrer Einführung überholt.

In Ihrem Artikel zum eRezept wird der Eindruck erweckt, wir würden unweigerlich, und alternativlos erneut in eine weitere Verstrickung mit der Telematix/Gematik hineinrutschen. Als wäre Die Gematik die einzige und vor allem die beste Lösung. Vor vier Wochen hat die initiative "eRezept Deutschland" aus der TKK, der Barmer , der DAK und der Hanseatischen KK (HEK), sowie der BIG Zusage mit drei Praxissoftwareherstellern (Jmed, medisoftware und mediatixx) und einem sehr einfachen Zertifizierungsverfahren, das lediglich beim Arzt, wie auch beim Patienten ein Smartphone voraussetzt eine Lösung realisiert, die dem Anwender lediglich ein download und ein online Authentifizierungsverfahren zumutete, und im übrigen weder monatliche Kosten, noch Anschaffungskosten, oder Updatekosten zumutet. Die Telematix krankt an einer überholten Technologie und einem Zentralisierungswahn. Die Lösung, die die softwaranbieter mit den fünf Krankenkassen entwickelt haben kann bereits seit vier Wochen von Ärzten und Apothekern und Patienten genutzt werde. Wir sollten das Gesundheitssystem nicht länger an den trägen Tanker ketten, sondern Flexibilität und Sicherheit auf die kreativen und agilen Schultern derer verteilen, die das heute Mögliche im Blick haben, und nicht an alten Kesseln herumflicken, die nicht mehr dicht zu bekommen sind. Mir gruselt schon bei dem Gedanken an ein weiteres Konnektorupdate, und damit ist noch nicht ein einziges eRezept versendet. Mit freundlichen Grüßen T.Kirste

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote