ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2021Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Symptome von Angst bei jedem dritten Patienten, Depressionen bei jedem vierten

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Symptome von Angst bei jedem dritten Patienten, Depressionen bei jedem vierten

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Artem Furman, stock.adobe.com
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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) bestehen im Allgemeinen lebenslang. Sie betreffen auch jüngere Menschen und können die Patienten im beruflichen und privaten Bereich einschränken. Eine reduzierte Lebensqualität und verminderte soziale Funktionalität können indirekte Folgen sein. Über die Darm-Hirn-Achse werden aber auch direkte biologische Zusammenhänge zwischen CED und der Befindlichkeit der Patienten vermutet. Ziel einer umfangreichen Metaanalyse war es, dieses Problem zu quantifizieren (1).

Es erfolgte ein systematischer Review wissenschaftlicher Publikationen mit einer Metaanalyse von Studien, die jeweils mindestens 100 CED-Patienten eingeschlossen hatten und bei denen Symptome von Depression und Angst mit validierten Methoden erhoben worden waren. Es wurden Veröffentlichungen bis September vergangenen Jahres berücksichtigt.

77 international publizierte Studien mit insgesamt 30 118 Patienten erfüllten die Auswahlkriterien. Die gepoolte Prävalenz für Angstsymptome betrug 32,1 % (95-%-Konfidenzintervall [28,3; 36,0]) und für Depressivität 25,2 % [22,0; 28,5].

Patienten mit Morbus Crohn hatten in Studien, die auch Colitis ulcerosa erfassten, ein um 20 % erhöhtes Risiko für Angst oder Depressionen gegenüber den Colitis-ulcerosa-Patienten (Odds Ratio [OR]: jeweils 1,2 [1,1; 1,4]).

Frauen mit CED waren häufiger von Symptomen der Angst betroffen als Männer (33,8 % vs. 22,8 %; OR: 1,7 [1,2; 1,7]). Auch Symptome der Depressivität waren bei weiblichen Patienten häufiger (21,2 % vs. 16,2 %; OR: 1,3 [1,0; 1,8]).

In der Gruppe der Teilnehmer mit aktiver Erkrankung lag der Anteil mit einer psychischen Symptomatik höher als bei den Teilnehmern mit inaktiver Erkrankung: Für Angst lagen die Prozentsätze bei 57,6 % vs. 38,1 % (OR: 3,1 [1,9; 4,9] für aktive vs. inaktive Erkrankung) und für Depressionen bei 38,9 % vs. 24,2 % (OR: 2,5 [1,5; 4,1]).

Fazit: Jeder dritte bis vierte Patient mit CED ist von Angst- und/oder Depressivitätssymptomen betroffen. Dies ist nach Angaben der Studienautoren weit mehr, als bislang durch valide Daten belegt worden war. Zwar würden, so die Autoren, international die meisten Fachgesellschaften in ihren Leitlinien Kooperationen mit Psychotherapeuten und Psychosomatikern empfehlen. Eine solche Empfehlung gibt es auch in der deutschen Leitlinie (2).

Zu einem generellen Screening auf psychische Störungen aber werde im Allgemeinen nicht geraten, so das internationale Forscherteam. Dies sei jedoch vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung von Angst und Depression in dieser Patientenpopulation sinnvoll, auch, um psychosomatisch bedingten Krankheitsaktivitäten oder -komplikationen unter einer eigentlich wirksamen CED-Therapie vorzubeugen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Barberio B, Zamani M, Black CJ, et al.: Prevalence of symptoms of anxiety and depression in patients with inflammatory bowel disease: a systematic review and meta-analysis. Lancet Gastroenterol Hepatol 2021; https://doi.org/10.1016/S2468-1253(21) 00014-5.
  2. Aktualisierte S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des M. Crohn“ 2014; AWMF-Registriernummer: 021-004.

Kommentare

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Avatar #609000
Elisif
am Dienstag, 4. Mai 2021, 10:03

Ursache von Angst und Dpresson bei CED?

Wie wäre es, statt über eine psychosomatisch bedingte Krankheitsaktivität zu spekulieren, erstmal den Ernährungsstatus (B-Vitamine, allen voran B1 und B12, auch fettlösliche Vitamine,,..) zu erheben? Gerade bei Colitis häufige Mangelsituationen könnten auch einige psychiatrische Symptome (zumindest mit-) bedingen. und unterhalten.
Avatar #609000
Elisif
am Dienstag, 4. Mai 2021, 10:03

Ursache von Angst und Dpresson bei CED?

Wie wäre es, statt über eine psychosomatisch bedingte Krankheitsaktivität zu spekulieren, erstmal den Ernährungsstatus (B-Vitamine, allen voran B1 und B12, auch fettlösliche Vitamine,,..) zu erheben? Gerade bei Colitis häufige Mangelsituationen könnten auch einige psychiatrische Symptome (zumindest mit-) bedingen. und unterhalten.

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