ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2021Hausärzteverband: Verärgerung über Impfungen

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Hausärzteverband: Verärgerung über Impfungen

Beerheide, Rebecca

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Unter den Mitgliedern des Hausärzteverbandes wird die Forderung nach schnelleren Impfungen in den Arztpraxen sowie eine schnelle Freigabe des Impfstoffes immer lauter. Die Delegierten warnten auf der virtuellen Tagung vor zu viel Bürokratie in ihren Praxen und bei der Digitalisierung.

„Nach einem Jahr Pandemie vermisse ich eine Kommunikation, die auf Motivation setzt.“ Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Hausärzteverbandes. Foto: picture alliance/dpa
„Nach einem Jahr Pandemie vermisse ich eine Kommunikation, die auf Motivation setzt.“ Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Hausärzteverbandes. Foto: picture alliance/dpa

Die Mitglieder des Hausärzteverbandes ärgern sich über die Organisation der Coronaimpfungen – und fordern eine zügige Freigabe des Impfstoffes für die Praxen sowie eine Aufhebung der Priorisierung. Auf der diesjährigen digitalen Frühjahrestagung des Verbandes kritisierte der Vorsitzende Ulrich Weigeldt die mangelnde Einbeziehung des Wissens der Hausärztinnen und Hausärzte in die Pandemiebekämpfung: „Immer wieder haben wir unsere Expertise wie Sauerbier anbieten müssen, der Verband wurde nicht in Beratungs- und Entscheidungsgremien einbezogen.“ Zwar hätten einige Bundesländer mehr Interesse gezeigt, aber der Großteil der Politiker habe sich auf zu viele Experten „ohne Kontakt zu den Menschen“ verlassen. Er forderte von der Bundesregierung, den Stil der Kommunikation zu verändern. „Nach einem Jahr Pandemie vermisse ich noch immer positive Ziele und vor allem eine Kommunikation, die auf Motivation statt auf Angst setzt.“

Grandioser Erfolg

Ebenso forderte der Verbandsvorsitzende mehr Engagement der Regierung beim Thema Impfen: „Dass wir jetzt Impfstoffe haben, ist ein grandioser Erfolg der Forscherinnen und Forscher. Hätte die Politik mit gleichem Elan gehandelt, wäre wohl nicht zu spät und zu wenig Impfstoff geordert worden.“ Nachdem aus seiner Sicht Hausärzten unterstellt wurde, sich in ihren Praxen nicht an die Impfreihenfolge zu halten, hätten in den ersten Wochen Hausärztinnen und Hausärzte nun gezeigt, wie schnell sie die Bevölkerung impfen können. „Wir impfen schnell und patientengerecht, wir werden der Verantwortung gerecht, die Patienten mit Risiken durch Vorerkrankungen zu identifizieren, auch ohne das Betrachten des kalendarischen Alters.“

Die Delegierten forderten in mehreren Anträgen, die Impfstoffe den Praxen zu überlassen und nicht die Impfzentren zu bevorzugen. Dies müsse schon jetzt geschehen, nicht erst, wenn deutlich mehr Impfstoff vorhanden ist. „Wir waren der Schutzwall für die Krankenhäuser und sind jetzt die Game Changer der Pandemie“, betonte Weigeldt. In einem anderen Beschluss der Delegierten heißt es, dass die Impfungen in den Praxen „entbürokratisiert, vereinfacht und, sofern möglich, digitalisiert“ werden müssten.

Allerdings zeigten sich die Hausärzte bei den Digitalisierungsprojekten der EU zum europäischen Immunitätsausweis skeptisch: Bei der Umsetzung für Deutschland dürfe kein weiterer bürokratischer Aufwand für die Praxen entstehen. Nach längerer Debatte wurde klargestellt, dass man nicht gegen die Förderung eines digitalen Impfpasses sei, aber das EU-weite Projekt kritisch sieht. „Wir als Hausärzte dürfen nicht noch zur Passstelle werden“, betonte Dr. med. Markus Beier, Vorsitzender des bayerischen Hausärzteverbandes. Bei der Umsetzung des EU-Projektes eines Immunitätsausweises soll in Deutschland eine eigene App zum Zuge kommen, die derzeit unter anderem von IBM entwickelt wird. Die Impfzertifikate sollen von den Impfzentren oder Hausarztpraxen ausgestellt werden. Die App soll bis spätestens Mitte Juni zur Verfügung stehen. Noch unklar ist, wie bereits vorher geimpfte Patienten ihre Zertifikate erhalten.

Weiterer Landesverband

Außerdem nahm der Verband bei der Tagung einen neuen Landesverband auf: Nach hitziger Debatte wurde mit 80 Jastimmen, 13 Gegenstimmen und 12 Enthaltungen der Hausärzteverband Brandenburg aufgenommen, der bisher nicht unter dem Dach des Bundesverbandes vertreten war. Seit elf Jahren bestehen die Verbände Berlin-Brandenburg und Brandenburg nebeneinander. Die Debatte, bei der es auch um die Namensdopplung sowie Fragen aus der Vergangenheit beim Konflikt über die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ging, soll nun durch Vermittlung durch einzelne Vorstandsmitglieder bis zur Herbstsitzung des Verbandes befriedet werden. Rebecca Beerheide

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