ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2021Impfeinstellungen nach der ersten COVID-19-Welle
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Nicht nur in der aktuellen Pandemie sind Akzeptanz und Inanspruchnahme von Impfangeboten eine Grundvoraussetzung für den bevölkerungsweiten Infektionsschutz (1, 2). Laufende Studien zeigen, dass ein wesentlicher, aber je nach Studie und Zeitpunkt variierender Teil der Bevölkerung bereit ist, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen (3, 4). Dieser Beitrag betrachtet Impfeinstellungen und Impfverhalten hingegen aus einer längerfristigen und erregerübergreifenden Perspektive und zeigt auf Basis einer wiederholten Repräsentativbefragung Trends zwischen 2012 und 2020 sowie Unterschiede zwischen Allgemeinbevölkerung und medizinischem Personal als wichtige Vermittler der Impfaufklärung.

Methoden

Seit 2012 wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) alle zwei Jahre eine bevölkerungsrepräsentative CATI-Befragung zu Einstellungen, Wissen und Verhalten gegenüber Impfungen durchgeführt (N: 4 483 [2012], 4 491 [2014], 5 012 [2016], 5 054 [2018], 5 0002 [2020]). Die aktuelle Welle (15. Juli bis 1. September 2020) enthält Fragen zur SARS-CoV-2-Impfung (5). Die Befragung beruht auf einer mehrstufigen Zufallsstichprobe der deutschsprachigen Wohnbevölkerung (16 bis 85 Jahre). Die Zielpersonen wurden über ein Dual-Frame-Design (Kombination von Festnetz- und Mobilfunkstichprobe) ausgewählt. Erhebungsverfahren, demografische Zusammensetzung der Stichprobe und Frageformulierungen sind über die Wellen hinweg vergleichbar. Trends und Gruppenunterschiede wurden mittels deskriptiver Verfahren sowie multipler logistischer Regressionsanalysen untersucht und gewichtet (Design- und Anpassungsgewichtung). In den multivariaten Modellen wurde für folgende Variablen kontrolliert: Geschlecht, Altersgruppe, Bundesland, Bildung, Erwerbsstatus, Migrationshintergrund, Gesundheitszustand.

Ergebnisse

Im Zeitraum von 2012 bis 2020 zeigen sich positive deskriptive Trends für mehrere Indikatoren (Grafik 1). Die Konfidenzintervalle betragen ± 3 Prozentpunkte oder weniger. Der Anteil der Befragten, die Impfungen (eher) befürworten, ist von 61 % in 2012 auf 79 % in 2020 angestiegen, am deutlichsten (16 Prozentpunkte) bis 2016. Auch bei der eingeschätzten Wichtigkeit einzelner Impfungen ist der Anteil der Personen, die mindestens neun von zwölf möglichen Impfungen als (besonders) wichtig einstufen, von 53 % auf 71 % deutlich angestiegen. Eine leicht positive Entwicklung zeigt sich beim Anteil der Befragten, die sich (sehr) gut über Impfungen informiert fühlen von 56 % in 2012 auf 60 % in 2020. Daten zum Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen sind seit 2016 verfügbar. Auch hier zeigt sich ein positiver Trend von 56 % in 2016 auf 63 % in 2020. Der Anteil der Befragten, der sich erinnert in den letzten fünf Jahren eine Impfung erhalten zu haben, stieg von 70 % auf 73 % leicht an. Alle Trends sind in bivariaten Regressionsmodellen statistisch signifikant; bei Informiertheit, Impfung und Vertrauen allerdings nur für einzelne Befragungszeitpunkte.

Gewichtete deskriptive Trends in ausgewählten Impfeinstellungen und Impfverhalten
Grafik 1
Gewichtete deskriptive Trends in ausgewählten Impfeinstellungen und Impfverhalten

Medizinisches Personal ist für die Bevölkerung eine wichtige Multiplikatorengruppe beim Thema Impfen. 98 % der Befragten halten 2020 das persönliche Gespräch mit der Ärztin/dem Arzt für eine geeignete Informationsquelle zum Impfen. Diejenigen, die sich in den letzten zwei Jahren zu Impfungen beraten ließen (N = 1 844, 32 %), nutzten zu 94 % eine Ärztin/einen Arzt und zu 18 % die medizinischen Assistentinnen/Assistenten in der Arztpraxis (vor Apotheker/in, Krankenkasse oder Gesundheitsamt). 14 % der Schwangeren wurden von ihrer Hebamme beraten (5).

Grafik 2 zeigt die Einstellungen zum Impfen für das medizinische Personal im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (ohne medizinisches Personal) für die aktuelle Befragungswelle. Medizinisches Personal gab signifikant häufiger an, (sehr) gut über Impfungen informiert zu sein. Dennoch sind 29 % des medizinischen Personals weniger gut oder schlecht informiert. Ein signifikant höherer Anteil des medizinischen Personals schätzt neun von zwölf spezifischen Impfungen als wichtiger ein. Das medizinische Personal befürwortet zu einem größeren Anteil als in der Allgemeinbevölkerung generell Impfungen – dieser Unterschied ist aber nicht signifikant. Das medizinische Personal hat auch kein (signifikant) höheres Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen. In Bezug auf eine mögliche SARS-CoV-2-Impfung zum Zeitpunkt der Befragung (Juli–September 2020) zeigen sich ebenfalls keine signifikanten Unterschiede. Tendenziell vertraute zum Befragungszeitpunkt sogar ein geringerer Anteil des medizinischen Personals einem möglichen SARS-CoV-2-Impfstoff und war bereit, sich impfen zu lassen. Die multivariaten Analysen bestätigen die dargestellten Zusammenhänge und zeigen, dass auch Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund, Bildung, Gesundheitszustand und Bundesland mit Impfeinstellungen assoziiert sind (5).

Impfeinstellungen beim medizinischen Personal und in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland 2020
Grafik 2
Impfeinstellungen beim medizinischen Personal und in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland 2020

Diskussion

Impfakzeptanz und Impfbereitschaft entwickelten sich seit 2012 positiv. Es besteht jedoch bei allen Indikatoren noch Handlungsbedarf, insbesondere für den Informationsstatus sowie das Vertrauen in Impfungen. Trotz der einschneidenden Erfahrung der ersten Welle der COVID-19-Pandemie 2020 sind keine besonderen Veränderungen in der neuesten Befragungswelle erkennbar. Wie sich die Erfahrungen der zweiten und dritten Welle sowie die Zulassung einzelner Impfstoffe auswirken, können erst mit der nächsten CATI-Befragung beantwortet werden.

Das medizinische Fachpersonal hat aus Sicht der Befragten eine Schlüsselrolle für Information und Vertrauensbildung. Dennoch bestehen auch bei dieser Gruppe Informationsbedarfe und das Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen ist nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Mögliche Unterschiede innerhalb des medizinischen Fachpersonals können mit diesen Daten nicht untersucht werden.

Resümee

Trotz positivem Langzeittrend hat die allgemeine Impfbereitschaft in der Pandemielage kaum weiter zugenommen. Impfaufklärungsaktivitäten sollten Unsicherheiten in der Allgemeinbevölkerung und die Informationsbedürfnisse des medizinischen Personals als wichtigste Multiplikatorengruppe adressieren.

Nadine Reibling, Anke Spura, Martin Dietrich, Britta Reckendrees, Linda Seefeld, Freia De Bock

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln (Reibling, Spura, Dietrich, Reckendrees, Seefeld, De Bock), nadine.reibling@bzga.de

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 1. 4. 2021, revidierte Fassung angenommen: 28. 4. 2021

Zitierweise
Reibling N, Spura A, Dietrich M, Reckendrees B, Seefeld L, de Bock F: Attitudes to vaccination after the first wave of COVID-19—findings of a representative population survey. Dtsch Arztebl Int 2021; 118.

DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0225 (online first).

Dieser Beitrag erschien online am 5. 5. 21 (online first) auf www. aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Habersaat K, Jackson C: Understanding vaccine acceptance and demand and ways to increase them. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2020; 63: 32–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Betsch C, Schmid P, Korn L, et al.: Impfverhalten psychologisch erklären, messen und verändern. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 400–9 CrossRef MEDLINE
3.
RKI: „COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO) – 2. Report (vorläufige Fassung)“. 2021. www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/covimo_studie_Ergebnisse.html;jsessionid=02EE616CDE2A7B51C0A1CAC5DF4DF548.internet051?nn=13490888 (last accessed on 22 April 2021).
4.
Betsch C, Wieler L, Bosnjak M, et al.: COSMO COVID-19 snapshot monitoring. 2021. https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/web/topic/impfung/10-impfungen/#impfabsicht-impfpflicht (last accessed on 22 April 2021).
5.
Horstkötter N, Desrosiers J, Müller U, et al.: Einstellungen, Wissen und Verhalten von Erwachsenen und Eltern gegenüber Impfungen – Ergebnisse der Repräsentativbefragung 2020 zum Infektionsschutz. BZgA-forschungsbericht 2021. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, (in press).
Gewichtete deskriptive Trends in ausgewählten Impfeinstellungen und Impfverhalten
Grafik 1
Gewichtete deskriptive Trends in ausgewählten Impfeinstellungen und Impfverhalten
Impfeinstellungen beim medizinischen Personal und in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland 2020
Grafik 2
Impfeinstellungen beim medizinischen Personal und in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland 2020
1.Habersaat K, Jackson C: Understanding vaccine acceptance and demand and ways to increase them. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2020; 63: 32–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Betsch C, Schmid P, Korn L, et al.: Impfverhalten psychologisch erklären, messen und verändern. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 400–9 CrossRef MEDLINE
3.RKI: „COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO) – 2. Report (vorläufige Fassung)“. 2021. www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/covimo_studie_Ergebnisse.html;jsessionid=02EE616CDE2A7B51C0A1CAC5DF4DF548.internet051?nn=13490888 (last accessed on 22 April 2021).
4.Betsch C, Wieler L, Bosnjak M, et al.: COSMO COVID-19 snapshot monitoring. 2021. https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/web/topic/impfung/10-impfungen/#impfabsicht-impfpflicht (last accessed on 22 April 2021).
5.Horstkötter N, Desrosiers J, Müller U, et al.: Einstellungen, Wissen und Verhalten von Erwachsenen und Eltern gegenüber Impfungen – Ergebnisse der Repräsentativbefragung 2020 zum Infektionsschutz. BZgA-forschungsbericht 2021. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, (in press).

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