ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2021Post-COVID-Strategien: Schwachstellen beseitigen

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Post-COVID-Strategien: Schwachstellen beseitigen

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Längst nicht alle Prognosen zur Pandemie waren richtig, eine zumindest wurde eingehalten: Seit die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in die Impfkampagne gegen SARS-CoV-2 eingestiegen sind, geht es voran. Innerhalb von vier Wochen wurden 5,4 Millionen Menschen in den inzwischen 64 000 teilnehmenden Praxen geimpft. Der „Turbo“ funktioniert: Schon Ende Mai können mehr als die Hälfte, bis Mitte Juni drei Viertel der Impfwilligen Bürger erstgeimpft sein. Spätestens ab 7. Juni sollen die Betriebsärzte in Unternehmen impfen können. BioNTech-Pfizer hat eine Zulassung ihres Impfstoffs für Kinder ab zwölf beantragt. Schon in wenigen Wochen, so Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) werde es mehr Impfstoff als Anfragen geben. Das alles klingt nach einem klaren Kurs Richtung Herdenimmunität.

Aber ist die in den letzten Tagen wachsende Einschätzung, bald sei der Pandemieerreger hierzulande eingedämmt, realistisch? Vieles spricht dafür. Trotzdem bleiben Kalküle und Rechenmodelle, die zur Vorsicht mahnen. Natürlich besteht die Gefahr, dass mit den Inzidenzen die Impfwilligkeit in der Bevölkerung nachlässt. Erfahrungen in den USA und auch in Israel zeigen, dass bei schwindender Bedrohung die Impfnachfrage deutlich sinkt. Einzelne US-Bundesstaaten zahlen Impfwilligen inzwischen Prämien. Und einzelne Fallberechnungen nennen immer noch die Möglichkeit einer weiteren Welle im Herbst dieses Jahres. Immer noch „Ende offen“?

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Zumindest streiten Fachwelt und Politik zurzeit über die erforderliche Höhe an Geimpften, bis die Herdenimmunität greift. Waren es ursprünglich 60 Prozent der Bevölkerung, so ist inzwischen durchaus von 70, 80 oder auch 90 Prozent erforderliche Immunität zu hören, die für die Rückkehr zur Normalität erforderlich wären. Die Fantasie setzt immer wieder neue Schranken.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, hat auf der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung am 3. Mai jedenfalls angemahnt, bereits entstandene und noch mögliche Folgeschäden der Pandemie für Wirtschaft und Bevölkerung im Blick zu behalten, wenn es um die jetzt nötigen Schritte in eine Post-COVID-19-Zeit geht. Gassen warnte: „Irgendwann ist die Kraft der Menschen aufgebraucht, das letzte Vertrauen verspielt.“ Der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister spricht von der „Spitze des Eisbergs“, die bisher von dem zu sehen ist, was die Gesellschaft für die COVID-Auswirkungen zu zahlen hat.

Um so mehr wird es Zeit, jetzt Vorkehrungen zu treffen und weiterzudenken. Momentan ist Impfen – vorausgesetzt, der Stoff ist da – das tragende Instrument, neben den Impfzentren vor allem und zunehmend in den Praxen, dort nach Priorisierung des Arztes, in der Fläche auch mobil und nach sozialen Notwendigkeiten, in Unternehmen durch die Betriebsärzte.

Aber Post-COVID erfordert – neben der Rücknahme von Freiheitsbeschränkungen – weit mehr. Es gilt, aus den Erfahrungen zu lernen, Strategien zu erarbeiten, um erkannte Schwachstellen zu beseitigen. Die KBV-VV bringt für diesen Prozess als ersten Aufschlag ihr frisch verabschiedetes Konzept „KBV 2025“ in die politische Diskussion ein. Es bietet Maßnahmen zur Sicherstellung in und vor allem nach der Coronakrise – ein Papier mit Entwürfen für eine bedarfsgerechte Struktur medizinischer Versorgung.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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