ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Laborärzte: Seltsame Gemengelage

POLITIK: Aktuell

Laborärzte: Seltsame Gemengelage

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-670 / B-580 / C-532

Wiedemann, Bernd

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LNSLNS Neben Schottdorf gerät auch Bioscientia ins Blickfeld der Ermittler.

Wie in der großen Politik geht es in der Laborszene zu: kaum eine Woche ohne neuen Wirbel. Nachdem der Augsburger Laborarzt Dr. med. Bernd Schottdorf vier Tage hinter Gittern gesessen hatte, traf es kürzlich ein weiteres Großlabor, das bundesweit rund 6 000 Praxen zu seinen Kunden zählt: Nach einer Razzia bei der Firma Bioscientia in Ingelheim/Rhein nahm die Polizei nicht nur 1 500 aktengefüllte Kisten, sondern auch die beiden Geschäftsführer Dr. Stefan Kapp und Professor Dr. Bernd Heicke mit. Die beiden landeten in Untersuchungshaft und kamen erst zwei Wochen später wieder auf freien Fuß - gegen eine Kaution von sechs Millionen DM. Dass sie wesentlich länger als Schottdorf in Untersuchungshaft waren, begründet die Bioscientia mit Geldproblemen: Erst als der weitere Familienkreis genügend Geld beigeschafft und sogar die Belegschaft des Laborinstituts mit Spenden ausgeholfen hatten, konnten die beiden Laborärzte die Haftanstalt wieder verlassen.
Vorwurf der Staatsanwaltschaft im Fall des Laborkonglomerats Bioscientia: Die beteiligten Laborärzte hätten die Transportnummer 7103 abgerechnet, obwohl sie dazu gar nicht berechtigt waren. Inzwischen wirft der Mainzer Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach den Bioscientia-Laboratorien noch mehr vor: Bei ihnen sollen angestellte Laborärzte Leistungen gegenüber der KV abgerechnet haben, obwohl sie als Angestellte dazu gar nicht befugt waren. Ein ganz ähnlicher Vorwurf hat auch die Ermittlungen gegen Dr. med. Bernd Schottdorf ausgelöst.
Dessen Fall hat inzwischen das bayerische Sozialministerium beschäftigt, das dem Gesundheitsausschuss des Landtages über den Fall Schottdorf und Aufsichtspflichten des Ministeriums gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) berichten musste. Dabei wollte sich das Ministerium allerdings nicht so recht auf Schottdorf einschießen - denn mit einer derart verengten Sichtweise, so Ministerialdirigent Maximilian Gaßner am 2. März in München, verliere man die strukturellen Probleme aus den Augen. Die sieht das Ministerium nicht nur in Koppelgeschäften zwischen OI/II- und OIII-Leistungen, sondern auch bei der Qualität, der Anforderung an die Freiberuflichkeit und damit auch der zunehmenden Industrialisierung der Labormedizin.
Ganz offensichtlich will das Sozialministerium Schottdorf nicht allzu hart anfassen, denn immerhin hat man ihm ja auch einiges zu verdanken, wie Gaßner betont: ". . . Fakt ist nun einmal, dass eine der treibenden Kräfte bei den jüngsten Ermittlungen im Laborbereich - und zwar nicht nur auf bayerischer Ebene - Herr Dr. Schottdorf gewesen ist." Dadurch seien immerhin dreiste Betrügereien aufgedeckt worden. Letztlich profitieren auch Bayerns Vertragsärzte vom Rundumschlag, den Schottdorf 1997 führte:
13 Millionen DM Honorar sind als Folge der Laborprüfungen wieder an die KVB zurückgeflossen und können nun an die Vertragsärzte verteilt werden, wie die KV Bayerns jetzt mitteilt. Weitere Rückforderungen über rund 32 Millionen DM stehen noch im Raum - unter anderem auch gegen Schottdorf, der seinerzeit die Lawine losgetreten hatte.
Weil Schottdorf 1997 als Prüfarzt der KV Bayerns tätig geworden ist, kam die KV inzwischen ins Visier des Datenschutzbeauftragten: Sie habe den Augsburger Laborarzt damals zu freigiebig mit den Praxisdaten seiner bayerischen Konkurrenten versorgt. Das kam nicht unvermittelt, denn das Thema Datenschutz wurde von der Fürther Anwaltskanzlei Preißler, Ohlmann und Partner angeheizt - die Kanzlei vertritt einige der unter Betrugsverdacht geratenen Schottdorf-Konkurrenten.
Für die Entscheidung der KVB, Schottdorf als Sachverständigen heranzuziehen, bringt das Sozialministerium allerdings Verständnis auf: Er selbst habe etliche renommierte Laborärzte bewegen wollen, als Prüfer bei der KVB aktiv zu werden, so Gaßner. Sie hätten das aber immer aus Furcht vor Repressalien abgelehnt. Dass dann Schottdorf einsprang, ist aus der Sicht des Ministerialbeamten nicht zu beanstanden - es sei notwendig, Betrüger zu verfolgen, auch wenn dazu vorübergehend das Spezialwissen eines Herrn Schottdorf herangezogen werden müsse.
Dessen besonderer Sachverstand ist dem Sozialministerium bekannt - und zwar nicht erst seit seiner Verhaftung: Bereits 1986 hatte Schottdorf das Ministerium aufgefordert, gegen Koppelgeschäfte im Labor vorzugehen und der bayerischen KV auf die Füße zu treten, weil sie nichts gegen diese Umtriebe unternimmt. Allerdings war Schottdorf zu dieser Zeit wegen solcher Vorwürfe vor Gericht gestanden - er wurde aber nicht verurteilt.
Dass der Laborarzt später dann in der KVB saß, mag das Ministerium von größeren aufsichtsrechtlichen Aktivitäten abgehalten haben. Vielleicht lag es aber auch an der seltsamen Gemengelage, in der inzwischen jeder jedem ans Schienbein tritt. Immerhin gibt der bayerische Ministerialdirigent Gaßner zu, dass er "in der Tat nicht immer unterscheiden konnte und kann, wer der nützliche Idiot und der verstrickte Manipulateur ist".
Dr. med. Bernd Wiedemann
Bayerische Staatsministerin Barbara Stamm Foto: Archiv

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