ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2021Einsamkeit: Engagement und Vernetzung

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Einsamkeit: Engagement und Vernetzung

Bühring, Petra

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Bei einer Anhörung im Bundestag forderten Expertinnen mehr Forschungsförderung zum Thema Einsamkeit, eine Anti-Stigmatisierungskampagne und eine interdisziplinäre Fachkommission.

Das Thema Einsamkeit sollte grundlegend erforscht werden, es bedarf einer nationalen Antistigmatisierungskampagne und einer interdisziplinär besetzten Fachkommission. Dies war das einhellige Votum von sieben Expertinnen in einer öffentlichen Anhörung des Familienausschusses am 19. April. Die Sachverständigen unterstützten damit einen FDP-Antrag (19/25249), der die Grundlage für die Anhörung bildete.

Die Psychologin Dr. phil. Susanne Bücker von der Ruhr-Universität Bochum wies darauf hin, dass Einsamkeit über die gesamte Lebensspanne auftreten könne. In Deutschland litten Millionen Menschen durch alle Altersgruppen unter Einsamkeit. Allerdings seien vor allem junge Erwachsene und Menschen im hohen Lebensalter besonders oft von Einsamkeit betroffen beziehungsweise gefährdet. Ein weiteres Risiko für Einsamkeit stelle Armut dar. Und umgekehrt könne Einsamkeit ein höheres Armutsrisiko darstellen. Ein spezifischer Stadt-Land-Unterschied lasse sich nicht feststellen. Allerdings würden Menschen in Regionen, in denen es an Freizeitangeboten mangele oder die durch eine starke Bevölkerungsfluktuation geprägt seien, sehr viel häufiger angeben, dass sie unter Einsamkeit leiden.

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Unmittelbare Lösungen

Neben den Forderungen an die Politik braucht es nach Meinung von Bücker „zusätzlich unmittelbare Lösungen“. „Es gibt viele ehrenamtliche Projekte zur Verringerung von Einsamkeit – die Akteure sollten sich untereinander vernetzten“, schlug die Psychologin vor. Die FDP hat eine Vernetzungsplattform vorgeschlagen, damit sich Akteure aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft rund um das Themenfeld Einsamkeit aktiv miteinander austauschen können.

Prof. Dr. phil. Maike Luhmann, ebenfalls Psychologin an der Ruhr-Universität, wies darauf hin, dass es in Deutschland an belastbaren Daten und Grundlagenforschung zum Thema Einsamkeit mangele. Zudem müsste die Arbeit der wenigen Forscher auf diesem Gebiet besser vernetzt werden. Einsamkeit stelle ein gesundheitliches Problem dar, dass auch wirtschaftlichen Schaden hervorrufe. In Nordrhein-Westfalen habe der Landtag deshalb im vergangenen Jahr eine Enquetekommission zu der Problematik eingesetzt, der sie selbst angehöre, berichtete die Expertin.

Die Sozialpädagogin Dr. phil. Severine Thomas von der Universität Hildesheim betonte, dass sich bei Jugendlichen das Problem der Einsamkeit in der Coronapandemie deutlich verschärft habe. Auffällig sei, dass dies unabhängig von den Haushaltsformen sei, in denen die Jugendlichen leben. Einsamkeit habe für Jugendliche sehr oft auch eine politische Dimension. Gerade in der Coronapandemie würden viele Jugendliche ihre Interessen in der Politik nicht vertreten sehen. Es mangele an Partizipationsmöglichkeiten, sagte Thomas.

Die Gesundheitspsychologin Dr. phil. Sonia Lippke von der Jacobs University Bremen führte aus, dass während der Pandemie mitunter schon die Kommunikation der Behörden zu Kontaktbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen das Problem vergrößern könne. So sei es falsch, vom „social distancing“ zu sprechen: „Es geht um körperliche, nicht um soziale Distanz“, sagte sie. Lippke wies darauf hin, dass körperliche Aktivität das Einsamkeitsgefühl verringern könne.

Elke Schilling vom Verein Silbernetz (www.silbernetz.org) und Sabrina Odijk vom Malteser Hilfsdienst machten deutlich, dass ältere Menschen verstärkt direkt angesprochen werden müssten auf das Problem. Besonders gut gelinge dies durch die aufsuchende Hilfe von Ehrenamtlichen. Ältere Menschen seien öfter gesundheitlich bedingt in ihrer Mobilität eingeschränkt oder könnten die digitalen Informations- und Hilfsangebote nicht wahrnehmen. „Viele alte Menschen wissen gar nicht, welche kommunalen Hilfsangebote es gibt“, sagte Schilling.

Gesundheitliche Folgen

Marion von zur Gathen vom Paritätischen Gesamtverband forderte in diesem Zusammenhang, den Zugang für ältere Menschen zur digitalen Welt zu verbessern. Zugleich warnte sie davor, darin ein Allheilmittel sehen zu wollen. Digitalisierung könne das Problem von Einsamkeit auch verschärfen, wenn sich der Kontakt zu anderen Menschen auf den digitalen Raum begrenze. Die Expertin sprach sich indes dagegen aus, Einsamkeit „als Volkskrankheit“ zu bezeichnen. „Nicht immer bedeutet allein sein nämlich gleich einsam sein – allein sein kann auch ein Zeichen von Autonomie sein“, sagte von zur Gathen. Wenn aber das Gefühl von Einsamkeit vorherrsche, könne dies auch gesundheitliche Folgen haben.

Die FDP weist in ihrem Antrag auf wissenschaftliche Studien hin, die zeigen, dass Einsamkeit das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Demenz, frühen Tod und Suizid erhöhen. Auch Pflegebedürftigkeit tritt demzufolge bei einsamen Menschen früher und häufiger auf. Petra Bühring

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