ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2021Transsexuelle Menschen: Recht auf Selbstbestimmung

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Transsexuelle Menschen: Recht auf Selbstbestimmung

Maybaum, Thorsten

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Foto: taa22/iStock
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Eine neue Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes verpflichtet transsexuelle Menschen zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Die Bundespsychotherapeutenkammer übt daran deutliche Kritik.

Transsexuelle Menschen sollen sich grundsätzlich psychotherapeutisch behandeln lassen, wenn sie ihren Körper etwa durch eine Operation an ihr empfundenes Geschlecht angleichen wollen. Das sieht eine neue Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes vor. Demnach soll der Medizinische Dienst einer Geschlechtsangleichung bei Transsexuellen nur dann zustimmen, wenn sie sich vorher mindestens sechs Monate und mindestens zwölf Sitzungen à 50 Minuten psychotherapeutisch behandeln lassen.

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Der GKV-Spitzenverband begründete die Richtlinie auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes mit fehlenden gesetzlichen Regelungen zum Leistungsrecht bei Transsexualismus. Daher könne nach wie vor nur die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG) einen Leistungsanspruch innerhalb des SGB V begründen. „Veränderungen daran – somit auch ein gänzlicher Verzicht auf Psychotherapie – können nur durch den Gesetzgeber oder durch eine veränderte Rechtsprechung erfolgen“, erklärte ein Sprecher des GKV-Spitzenverbands.

Leiden vorausgesetzt

„Die Besonderheiten bei der sozialmedizinischen Begutachtung geschlechtsangleichender Maßnahmen bei Transsexualismus liegen vor allem darin, dass an einem dem Grunde nach biologisch gesunden Körper ein medizinischer Eingriff mit irreversiblen Folgen vorgenommen wird“, erläuterte der GKV-Spitzenverband weiter. Die Sozialrechtsprechung sehe geschlechtsangleichende Operationen bei Transsexualismus daher nur dann vor, wenn bestimmte Bedingungen vorliegen. Das BSG betrachte in seiner Rechtsprechung weniger den Transsexualismus als Erkrankung an, sondern vielmehr den im Einzelfall vorhandenen Leidensdruck. „Als ,krank‘ im Sinne des SGB V gelten Betroffene laut BSG nur dann, wenn die innere Spannung zwischen dem biologischen Geschlecht und der seelischen Identifizierung mit dem anderen Geschlecht eine derartige Ausprägung erfahren hat, dass ein krankheitswertiges psychisches Leiden vorliegt“, betonte der Sprecher. Nur wenn psychiatrische und psychotherapeutische Mittel das Spannungsverhältnis nicht zu lindern oder zu beseitigen vermögen, gehöre es dem BSG zufolge zu den Aufgaben der Krankenkassen, die Kosten für eine geschlechtsangleichende Operation zu tragen.

Die Krankenkassenseite wies darauf hin, dass im Gegensatz zur Begutachtungsanleitung (BGA) aus dem Jahr 2009 in der neu überarbeiteten Fassung keine starren Zeitkriterien von etwa zwölf bis 18 Monaten Psychotherapie vor den verschiedenen geschlechtsangleichenden Maßnahmen mehr vorgesehen seien. Für die Behandlung des krankheitswertigen Leidensdruckes sei in der aktuellen BGA auch keine Kurzzeittherapie (KZT) im Sinne der Psychotherapie-Richtlinie gefordert. Vielmehr werde lediglich in Bezug auf einen Behandlungsmindestzeitraum die Analogie zur KZT gezogen. „In der BGA ist zudem festgehalten, dass zur Behandlung des Leidensdrucks auch andere Behandlungssettings infrage kommen können, wenn ein vergleichbarer Mindestzeitraum gegeben ist“, so der Sprecher des Kassenverbandes. Damit könnten etwa auch psychotherapeutisch tätige Ärzte und Spezialambulanzen in die Versorgung einbezogen werden.

Kritik von Psychotherapeuten

Die Psychotherapeuten sehen die Neuerungen kritisch. „Menschen mit der Selbsteinschätzung, im falschen Körper zu leben, grundsätzlich als psychisch krank zu betrachten und sie zu einer psychotherapeutischen Behandlung zu zwingen, ist fachlich unverantwortlich und diskriminierend“, sagte Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Die neue Krankenkassenrichtlinie widerspreche wesentlichen wissenschaftlichen Empfehlungen zur Beratung und Behandlung von transsexuellen Menschen. Sie verletze zudem deren Recht auf Selbstbestimmung und den Grundsatz partizipativer Entscheidung vor einer Behandlung.

Die BPtK ruft den GKV-Spitzenverband dazu auf, seine Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus“ zurückziehen und neu mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Vertretern der Transsexuellen zu beraten. Thorsten Maybaum

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