ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Diabetologie 1/2021Diabetes-Schulungen: Voraussetzungen für digitale Formate

SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Diabetes-Schulungen: Voraussetzungen für digitale Formate

Dtsch Arztebl 2021; 118(19-20): [30]; DOI: 10.3238/PersDia.2021.05.17.08

Haller, Nicola

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Aufgrund der COVID-19-Pandemie sind Präsenzschulungen für Patienten mit Diabetes nur bedingt möglich, sodass Videoschulungen eine wichtige Alternative darstellen. Das Angebot zertifizierter Online-Anbieter ist allerdings noch begrenzt.

Foto: New Africa stock.adobe.com
Foto: New Africa stock.adobe.com

Die strukturierte Patientenschulung bei Diabetes mellitus gehört im Rahmen der Disease Management Programme (DMP) zu den essenziellen Behandlungsmaßnahmen. Aufgrund der COVID-19- Pandemie sind Präsenzschulungen nur bedingt möglich, sodass Videoschulungen eine wichtige Alternative darstellen. Da Diabetespatienten zu einer Risikogruppe für COVID-19 gehören, sollten Online-Formate in Deutschland flächendeckend als Alternative zur Präsenzschulung erlaubt und angeboten werden.

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Auch für Patienten mit limitierten zeitlichen Ressourcen, gesundheitlichen Einschränkungen oder besonderen familiären Belastungen können Online-Formate in Zukunft eine gute Alternative zum Schulungsangebot in der Praxis sein.

Der Begriff „Online-Schulung“ ist breit gefasst (Grafik) (1) und bietet viele Möglichkeiten. Das Angebot an Selbstlernformaten ist umfangreich. Allerdings gibt es bisher keine standardisierten Qualitätskriterien, die einer Art Zertifizierung entsprechen könnten. Auch lässt sich die Auswahl des Formates durch den Patienten nur wenig durch das Diabetesteam beeinflussen. TheraKey® ist eine Online-Plattform für Menschen mit chronischen Erkrankungen, unter anderem Diabetes mellitus. Hier erhält der Patient den Zugangscode vom Arzt. Podcasts werden meistens aus der Community der Menschen mit Diabetes angeboten – wie Doc2Go von diabetesDE – Deutsche-Diabetes-Hilfe.

Allgemeine Unterteilung verschiedener Arten von Online-Schulungen.
Grafik
Allgemeine Unterteilung verschiedener Arten von Online-Schulungen.

Laut der vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebenen CHARISMHA-Studie (2) gibt es mehr als 120 000 deutschsprachige Lifestyle- und Gesundheits-Apps. Eine Bewertung anhand von Gütekriterien sind auf der Homepage von DiaDigital zu finden. Unter Umständen wird sich zukünftig durch die Verordnung von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DIGAs) in der Diabetologie novellieren, sofern die rechtliche Grundlage angepasst werden kann.

Die Einweisung für Medizinprodukte wie Insulinpumpen und Sensoren erfolgt gehäuft im Selbstlernformat über eine App – zum Beispiel bei der T:slimX2 Pumpen-Simulator über die TANDEM® Diabetes Care App. (Stand 7/2020)

Videoaufzeichnungen mit Trainer/-in sind asynchrone Schulungsformate, bei denen Kommunikation und Interaktion zeitversetzt stattfindet und die Teilnehmer zeitunabhängig lernen. Diese Unterrichtsform gibt es schon lange (Beispiel: TV Format „Telekolleg“), wie auch Micro Learning, Web Based Training, Online-Lernplattformen. Einige Kliniken und Praxen bieten diese Informationsformate im Wartebereich der Patienten an. Diese Formate sind jedoch kein Ersatz für zertifizierte strukturierte Patientenschulungsangebote.

Synchrones Lernen via Live-Webinaren, virtuellen Klassenräumen, aber auch Präsenzschulungen fördern den aktiven Austausch und regen zur Diskussion der besprochenen Themen an. Für Diabetesteams hat die Präsenzschulung von Menschen mit Diabetes einen hohen Stellenwert und sollten keinesfalls ersetzt werden, sondern ergänzt.

Technische Voraussetzungen für synchrone Online-Schulungen

Für den Einsatz von Videoschulungen in Kliniken und Praxen gibt es klare Vorgaben hinsichtlich der zertifizierten Anbieter und Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Nicht alle Systeme sind gleichermaßen barrierefrei und anwenderfreundlich und oft nur für kleine Gruppen geeignet. Eine Übersicht der KBV-zertifizierten Anbieter sind abrufbar unter https://www.kbv.de/media/sp/Liste_zertifizierte_Videodienstanbieter.pdf

Für Kleingruppen bis zu 5 Teilnehmern inklusive Diabetesfachkraft sind zum Beispiel Doccura®, Clickdoc®, TeleKonsil® oder RedMedical® geeignet. Andere Anbieter wie Vimeeta® bieten die Möglichkeit für Sprechstunden mit bis zu 25 Teilnehmern gleichzeitig an.

Ein stabiles Internet gilt als eine Grundvoraussetzung der meisten Anbieter von Videokonferenz-Systemen, empfohlen wird Google Chrome als Browser. Des Weiteren müssen PCs oder Laptops mit Kamera und Mikrofon ausgestattet sein, alternativ kann eine externe Webcam und ein Micro genutzt werden und auch ein Headset zum Beispiel von Mobiltelefon ist für störungsfreie Verbindungen von Vorteil. Die gleichen technischen Voraussetzungen müssen bei allen Teilnehmern sichergestellt sein. Für die Anwendung sollte ein leistungsstarkes Tablet oder ein Laptop verwendet werden, da die Bildschirmansicht vom Smartphone nicht ausreichend ist. Keine Ablenkung durch Lärm oder Nebentätigkeiten sind Basisvoraussetzungen. Daher bietet es sich an vor Beginn eine „Kick-off“- oder „Dry-Run“-Schulung zu starten, um alle technischen Details abzustimmen.

Das Prozedere ist bei allen Anbietern vergleichbar. Die Praxis muss zunächst einen Vertrag mit einem zertifizierten Anbieter abschließen. Über den persönlichen Zugang können Praxisteams Patienten per E-Mail einladen. Es empfiehlt sich, das neue Schulungsangebot im Vorfeld bei Patienten zu bewerben und gegebenenfalls durch eine persönliche Einladung über die virtuelle Form der Kommunikation zu informieren. In der Regel können sich Patienten zu dem Termin mit einem Zugangscode auf der Plattform anmelden und landen zunächst im virtuellen Wartezimmer.

Als „Gastgeber“ nehme ich zunächst meine System-Check-Einstellungen vor und lasse dann die Patienten in die Videoschulung eintreten respektive eröffne den „Gruppenanruf“. Die Systeme bieten die Möglichkeit, den Bildschirm zu teilen (Screensharing), um allen Powerpoint-Präsentation zu zeigen. Über diese Funktion lässt sich auch ein Whiteboard oder Ähnliches zuschalten. Der Gesprächsaustausch erfolgt direkt oder über die Chatfunktion. Es ist wichtig für das Praxisteam zu wissen, dass Patienten den Bildschirm gegebenenfalls einsehen können, bis das Dokument oder die Präsentation aufgerufen ist oder es gibt einen zweiten Bildschirm.

Für welche Patientengruppen bieten sich Online- Schulungen mit Videokontakt an und nach welchen Kriterien wählt man die Zuschauer aus? Die Einteilung nach Diabetestyp versteht sich selbst; nach Alter muss nicht geclustert werden, aber nach der Therapieform unbedingt und jetzt beginnen die Fragezeichen: Technikaffinität? Risikogruppen, die nicht vor Ort sein können? Familien mit Kindern?

Zunächst sollten die Freiwilligkeit und Einwilligung zur Teilnahme bestehen, denn als Teilnehmer muss ich gleichermaßen für den Datenschutz sorgen, wie das Behandlerteam. Diese Datenschutzerklärung muss schriftlich vorliegen. Das bedeutet auch, dass für die Teilnahme ein geschützter Raum erforderlich ist – eine Teilnahme per Smartphone in öffentlichen Räumen ist nicht gestattet.

Welche Schulungsprogramme bieten sich für online an?

Prinzipiell würde man denken, dass jedes zertifizierte Schulungsprogramm, das man in der Praxis anwendet, auch als Videoschulung umgesetzt werden kann. Doch das Erwachsenenlernen hat sich im 21. Jahrhundert verändert. Früher wurden Inhalte vorgegeben und man war auf traditionelles „Vorratslernen“ getrimmt. Heutzutage geht man dazu über, eine Akutinformationen zu suchen oder Informationen eher problemorientiert aufzunehmen.

Bei den Schulungsprogrammen unterscheidet man zwischen Basis- oder Grundlagen-Schulungen (Medias Basis®, KV-Schulungsprogramm DMT 2 ohne Insulin) und problemspezifischen Schulungen (HyPOS®). Eine Basisschulung entspricht daher eher dem Vorratslernen. Bei problemspezifischen Schulungsprogrammen wird Menschen mit Diabetes lösungsorientiert angeboten, an einer Situation zu arbeiten. Wahrscheinlich müssen die bestehenden Schulungskonzepte für online neu gedacht und auf Problemorientierung ausgerichtet werden (PRIMAS® Schulungsprogramm).

Vorbehalte gegenüber Videoschulungen korrelieren häufig mit fehlender Anleitung; daher hatten viele Diabetesfachkräfte den Wunsch nach einem Leitfaden geäußert. Denn eine Online-Schulung durchzuführen, bedeutet nicht, lediglich eine Powerpoint-Präsentation anzubieten. Es gibt eine Reihe von Aktivierungsmethoden, um virtuell eine Gruppendynamik zu erzielen und die Interaktion zwischen allen Teilnehmern zu fördern.

Am Anfang jeder Präsenzschulung steht der Beziehungsaufbau, in der digitalen Schulung ist dieser Punkt noch wichtiger: Erwartungen, Wünsche und Fragen der Patienten müssen berücksichtigt und geklärt werden. Diese können direkt oder über die Chatfunktion kommuniziert werden. Wichtig ist hierfür, dass die Spielregeln innerhalb der Gruppenschulung festgelegt werden, um ein respektvolles Miteinander im virtuellen Raum zu gewährleisten (Hand heben, Fragen stellen).

Das Verhalten im virtuellen Seminarraum ist nicht anders als in der realen Welt. Empfehlen Sie den Patienten das Mikrofon vor Eintritt in den virtuellen Seminarraum stumm zu schalten, damit ihnen ein „stiller“ Eintritt gelingt. Für eine gute Kommunikation und den persönlichen Austausch untereinander ist die Kamera gut geeignet.

Analog den Train-the-Trainer-Seminaren für Schulungsprogramme sollten für die Diabetesteams Online-Seminarangebote konzipiert werden, auch in Kombination mit einem Online-Training.

Vorbehalte gegenüber der Umsetzung von Videoschulungen

Videoschulungen bedeuten einen höheren Aufwand bei der Vorbereitung und Durchführung. Bisher fehlt eine gesonderte Abrechnungsziffer respektive die Erweiterung einer „Technik-Ziffer“ für die Einweisung der Patienten in das Online-Format. Zudem bestehen Vorbehalte, dass diese die Präsenzschulung ersetzen könnten. Diese soll jedoch der Goldstandard der Diabetestherapie bleiben!

In der beruflichen Bildung geht der Weg hin zu Blended-Learning-Konzepten beziehungsweise hybriden Lernformen. Der Wunsch nach Lernen „on demand“ besteht auch bei Patienten, um Informationen zeit- und ortsunabhängig aufnehmen zu können. Statt Lernformate, die einmalig stattfinden, besteht der Wunsch nach Lernbegleitungen im jeweiligen Kontext mithilfe von relevanten Lernpfaden.

Welche Didaktik vermittelt den Spaß und die Priorität für die Umsetzung des erlernten Wissens im Alltag? Nicht die Inhalte der bisherigen Schulungen, sondern die Formate sind „in die Jahre gekommen“.

Fazit:

  • Alle diabetologischen Fachverbände und Organisationen (Fußnote) fordern die gemeinsame Erarbeitung eines Parallelangebotes von Präsenz- und Videoschulungen für die Diabetologie – jetzt und zukünftig ohne Pandemie.
  • Hierbei sollte eine Schnittstellenlösung für Hausärzte bedacht werden, sodass überwiesene Patienten die Offenheit für Online-Formate der Schulungen bestenfalls bereits mitbringen.
  • Voraussetzung ist, dass Videoschulungen nur mit den DMP-Diabetes-zertifizierten strukturierten Schulungs- und Behandlungsprogrammen durchgeführt werden.
  • Außerdem müssen die von der KBV gesetzten Datenschutzstandards eingehalten werden.
  • Nur zertifizierte Videoanbieter mit End-to-EndVerschlüsselung dürfen genutzt werden.
  • Ein unabdingbares Qualitätskriterium ist die Weiterbildung der Diabetesberater/-in DDG beziehungsweise Diabetesassistent/-in DDG als Trainerinnen/Trainer von Videoschulungen.

DOI: 10.3238/PersDia.2021.05.17.08

Dr. rer. medic. Nicola Haller

Diabetesberaterin in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis Augsburg

Wissenschaftliches Institut der niedergelassenen Diabetologen (winDiab), Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Mergentheim (FIDAM), Bundesverband Niedergelassener Diabetologen (BVND), Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE–Deutsche Diabetes-Hilfe und Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD)

Interessenkonflikt: Die Autorin erhielt Beratungshonorare von BD und Abbott.


Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1921

1.
Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021: Online abrufbar unter https://www.diabetesde.org/system/files/documents/20201107_gesundheitsbericht2021.pdf.
2.
Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA): Online abrufbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/A/App-Studie/CHARISMHA_gesamt_V.01.3-20160424.pdf.
Allgemeine Unterteilung verschiedener Arten von Online-Schulungen.
Grafik
Allgemeine Unterteilung verschiedener Arten von Online-Schulungen.
1.Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021: Online abrufbar unter https://www.diabetesde.org/system/files/documents/20201107_gesundheitsbericht2021.pdf.
2.Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA): Online abrufbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/A/App-Studie/CHARISMHA_gesamt_V.01.3-20160424.pdf.

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