ArchivDeutsches Ärzteblatt19-20/2021124. Deutscher Ärztetag: Digitaler, kürzer, intensiver

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124. Deutscher Ärztetag: Digitaler, kürzer, intensiver

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Der Deutsche Ärztetag ist schon als Präsenzveranstaltung eine organisatorische Leistung mit 250 Abgeordneten der Lan­des­ärz­te­kam­mern, Anträgen, Reden, Gegenreden und Beschlüssen – insgesamt meist 1 000 Teilnehmer vor Ort. Anfang Mai fand er erstmals als Online-Veranstaltung statt und nur an zwei statt der üblichen vier Tage. Wer aber befürchtete, ein digitaler Ärztetag würde der Arbeit der Delegierten nicht gerecht und intensive Diskussionen kämen nicht zustande, sah sich eines Besseren belehrt.

Dies begann bereits mit dem Leitantrag zu den Lehren aus der COVID-19-Pandemie, der auf sehr große Zustimmung der Abgeordneten traf. Das hieß aber nicht, dass er einfach nur abgenickt wurde, was die Diskussion um das duale Versicherungssystem im Gesundheitswesen deutlich machte. Der Deutsche Ärztetag adressierte klare Forderungen an die Politik, um das deutsche Gesundheitswesen zukunfts- und krisensicher zu machen. Dazu gehörte die bessere Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ebenso wie eine nutzenbringende und standardisierte Digitalisierung, die Ärztinnen und Ärzte in ihrem Berufsalltag entlastet. Beides Themen, deren Defizite in der Pandemie schmerzlich offenbar wurden (Seite 974).

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In puncto Digitalisierung hatte die ärztliche Selbstverwaltung bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass die geplanten Sanktionen für die fehlende Anbindung an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur verschoben werden müssten, wenn diese wegen fehlender technischer Komponenten gar nicht möglich sei. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) signalisierte im Gespräch mit Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt bei der Eröffnung des Ärztetages, die Sanktionen in diesem Fall verschieben zu wollen. Man darf gespannt sein, ob er sich bald daran erinnert.

In seinem Grundsatzbeschluss griff der Deutsche Ärztetag aber auch langjährige Forderungen der Ärzteschaft – wie eine bessere Krankenhausfinanzierung, und die Förderung des ärztlichen Nachwuchses – auf. Zudem warnten die Abgeordneten erneut vor der zunehmenden Kommerzialisierung im Gesundheitswesen, die das Gesundheitssystems unter Druck setzt und damit schwächt. Das müsste endlich auch bei der Politik angekommen sein, hat doch die Coronapandemie deutlich gemacht, wie wichtig ein starkes Gesundheitswesen ist. Ärztlichen Sachverstand bei politischen Entscheidungen zum Gesundheitswesen zu berücksichten, sollte für die Politik zudem selbstverständlich sein.

Nebenbei bemerkt kann man beim Lesen der Forderungen des Ärztetages festhalten, wie wohltuend klare Formulierungen sind, die sich nicht hinter Begriffen wie Osterruhe, Wellenbrecher oder – wie bereits vor der Pandemie – Faire-Kassenwahl-Gesetz verstecken.

Am zweiten Tag des Ärzteparlaments stand der ärztlich assistierte Suizid im Mittelpunkt. Es war beeindruckend, wie sich die Abgeordneten bei einem solch sensiblen Thema digital austauschten – eine sehr persönliche und intensive Debatte. Leben schützen, Suizid vermeidbar machen, Grenzen nicht überschreiten, Ansprechpartner für Suizidwillige sein, waren Sätze, die man immer wieder hörte. Und schließlich das wichtige Signal, dass der ärztlich assistierte Suizid weiterhin keine ärztliche Aufgabe sei (Seite 969).

Die Ärzteschaft hat an zwei intensiven Tagen deutlich gemacht, was für ein zukunftssicheres Gesundheitswesen getan werden muss. Im Bundestagswahljahr ein wichtiges Signal für die Politik, die hoffentlich gut zugehört hat.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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