ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Die Bedeutung der Retrainingtherapie bei Tinnitus: Bio-psycho-soziale Diagnostik wichtig

MEDIZIN: Diskussion

Die Bedeutung der Retrainingtherapie bei Tinnitus: Bio-psycho-soziale Diagnostik wichtig

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-707 / B-608 / C-557

Rothe, Hans-Martin

Zu dem Beitrag von Dr. med. Eberhard Biesinger Dr. med. Christian Heiden in Heft 44/1999
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LNSLNS Hat es in den vergangenen Jahren wiederholt Veröffentlichungen zum Tinnitus aurium im Deutschen Ärzteblatt gegeben, so ist die Arbeit von Biesinger und Heiden doch eine wichtige Ergänzung. Die beiden Autoren sind zu beglückwünschen zu ihrem Modell interdisziplinärer Kooperation in der Behandlung des chronisch-komplexen Tinnituskranken. Ähnlich wie bei den Schmerzkonferenzen kann ein von Ärzten und Psychotherapeuten zusammen mit dem Patienten erarbeiteter Behandlungsplan entsprechend des bio-psychosozialen Modells zu einer erfolgversprechenden Behandlung führen. Das somato-psychosomatisch orientierte Retraining-Modell benötigt zwar, um die harten Kriterien der Evidence Based Medicine zu erfüllen, noch einige weitere klinische Studien, die über die jeweiligen Stichproben, Ein- und Ausschlusskriterien und die Drop-outRate genauer Auskunft geben. Die von Biesinger und Heiden zitierten bereits vorliegenden Studien geben jedoch Anlass zur Hoffnung, aus dem leider noch zu oft anzutreffenden therapeutischen Nihilismus oder resignativen Polypragmatismus heraustreten zu können. Das frühe Einbeziehen eines ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten, möglichst in der Praxis des HNO-Arztes, dürfte in seiner Wirkung bei den genannten Indikationen kaum zu überschätzen sein. Ein abgestuftes Vorgehen, vom Counselling bis zur Coping-fördernden Kurzzeitpsychotherapie - bei entsprechender Komorbidität dürfte allerdings nicht selten auch eine Langzeittherapie erforderlich werden - lässt sich durchaus im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie mit verhaltenstherapeutischen Manualen wie mit strukturierten psychodynamischen Konzepten verwirklichen. Ein integratives, interdisziplinäres Vorgehen, das ohne ein Mindestmaß an Kommunikation zwischen den professionellen Kooperationspartnern nicht gelingen kann, wird von der Vergütungsseite her momentan allerdings nur unzureichend unterstützt. Modellprojekte, in die auch die stationären, störungsspezifischen Behandlungsangebote mit einbezogen werden, sind hier ein Erfordernis, das der Notwendigkeit einer interdisziplinären bio-psycho-sozialen Diagnostik und Therapie in einer kooperierenden Behandlungskette Rechnung trägt.
Das bio-psycho-sozial erweiterte, prozesshaft konzeptionierte Habituationsmodell (Neurophysiologisches Modell nach Jastreboff und Hazel) gibt dem HNO-Arzt als primärem Partner des Tinnitusbetroffenen ein klares und anwendbares Modell an die Hand, dass das Nozebo-artig wirkende: "Da kann man nichts machen, damit müssen Sie leben!" verändern kann in ein: "Sie können einiges dazu beitragen, dass es so nicht bleiben wird. Sie, wie viele andere auch, können und werden es lernen, damit gut zu leben!"


Dr. med. Hans-Martin Rothe
Internist und Facharzt für
Psychotherapeutische Medizin
Bereich Tinnitustherapie
Klinik Schwedenstein
Obersteinaer Weg 1
01896 Pulsnitz

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