ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Die Bedeutung der Retrainingtherapie bei Tinnitus: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Die Bedeutung der Retrainingtherapie bei Tinnitus: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-710 / B-578 / C-544

Biesinger, Eberhard

Zu dem Beitrag von Dr. med. Eberhard Biesinger Dr. med. Christian Heiden in Heft 44/1999
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LNSLNS Wir bedanken uns für die Diskussion, meist konstruktive Kritik und das Engagement der Autoren für die Leserbriefe. Die von den Kollegen Schuck und Müller erwähnte neueste Literatur ist ein wesentlicher Beitrag in der Diskussion um das Phänomen Tinnitus, sie konnte zum Zeitpunkt der Drucklegung nicht berücksichtigt werden. Ziel unseres Artikels war es, sich kritisch mit der Retrainingtherapie, wie sie Jastreboff definiert, auseinander zu setzen. Dies betrifft insbesondere die Integration des aus den USA stammenden Modells in das hiesige Gesundheitssystem unter Einbeziehung der Professionen. Die dargestellte Verknüpfung des zuständigen Fachgebietes, nämlich der HNO-Heilkunde mit der Psychologie aber auch der psychosomatischen Medizin bringt zunächst einmal erhebliche Kompetenzerweiterung und eine Entlastung für die zusammen behandelnden Therapeuten.
Herrn Kollegen Greuel muss in allen Punkten widersprochen werden: Zunächst einmal ist bei jedem chronischen Prozess die Habituation an ein Symptom zu fördern. Das vorgestellte Modell zur Zusammenarbeit ist in unserem jetzigen Kassensystem durchführbar aber nicht lukrativ. Die von Herrn Dr. Greuel angesprochene Dekonditionierung ist nur ein Baustein, der auch im vorgelegten Konzept durchgeführt wird. Aufgrund der Komplexität des Hörsystems muss bei den therapeutischen Aspekten mehr als nur das autonome Nervensystem berücksichtigt werden. Unter dem vorgestellten Therapieansatz gibt es auch Spontanheilungen (in circa 25 Prozent bei Grad 1 und 2). Es wäre jedoch nicht richtig, einem Tinnituspatienten eine Heilung zu versprechen. Dies betrifft alle derzeit diskutierten Therapieansätze. Die Induktion eines Tinnitus durch die Anwendung von Tinnitusmaskern zur Teilmaskierung ist in extrem seltenen Fällen möglich. Sie beruht aber dann auf falscher Indikation und falscher Handhabung.
Herrn Kollegen Rothe muss entschieden zugestimmt werden, dass eine komplexe Zusammenarbeit gerade bei chronischen Krankheitsbildern von den Krankenkassen in ihrer Bedeutung erkannt und gefördert werden muss. Angesichts der hohen Komorbidität, vor allem bezüglich Depressionen (1), kann die Betreuung von Patienten mit komplexem chronischen Tinnitus nicht allein von HNO-Ärzten getragen werden.
Die Autoren Hesse et al. und Herr Kollege Faude kritisieren die hervorragende Bedeutung der Verhaltenstherapie im Vergleich zum analytischen Ansatz. Diese naturgemäß auch berufspolitische Diskussion muss aus der Sicht der Autoren als HNO-Ärzte gesehen werden. Aus der Praxis des somatisch arbeitenden Arztes heraus ergibt sich die Notwendigkeit einer psychologischen Diagnostik. Deshalb wird in dem Artikel die psychologische Diagnostik als Kern in dem pragmatischen Vorgehen dargestellt. Dem Prinzip der minimalen Intervention folgend erscheinen hier die verhaltenstherapeutischen diagnostischen Prinzipien sinnvoll. Nach der psychologischen Diagnostik muss der Einzelfall differenziert gesehen werden: Selbstverständlich ergibt sich jetzt individuell bei entsprechender Komorbidität die Indikation für die verschiedenen psychotherapeutischen Ansätze. Hierunter fallen dann auch tiefenpsychologische Behandlungskonzepte.
Um dem medikamentösen Aspekt bei Tinnitus genüge zu tun (siehe Kollegen Schuck und Müller), ist die Integration eines psychotherapeutisch tätigen Arztes sinnvoll. Es muss darauf geachtet werden, dass bei der Tinnitustherapie jedoch nicht monoman psychologisiert wird. Herr Kollege Hesse mahnt deshalb zu Recht die Notwendigkeit einer wiederholten somatischen Abklärung auch des chronischen Verlaufes an, da sich infolge von Habituationsprozessen und auch aufgrund der komplizierten efferenten Steuerung des Innenohres neue medizinische Aspekte ergeben können.
Die Kollegen Sprenkmann und Purisic weisen zu Recht darauf hin, dass eine stationäre Therapie in entsprechenden Einrichtungen bei Grad 3 fakultativ, bei Grad 4 obligat erfolgen soll. Im Fokus einer stationären Therapie steht die Behandlung von Komorbiditäten bei Tinnitus. Sie erfolgt daher vorwiegend in psychosomatischen Kliniken, die sich speziell auf Tinnituspatienten und Patienten mit Hörstörungen eingestellt haben.
Die Deutsche Tinnitusliga hat durch selbsterworbene Kompetenz und durch berechtigtes Drängen der Tinnitusforschung und den Bemühungen von uns Therapeuten Vorschub geleistet. Die daraus entstehenden Impulse müssen weiterhin interdisziplinär diskutiert werden. Es bleibt in der Verantwortung der Professionen, eine Pathologisierung des Symptoms zu verhindern, aber die Betroffenheit ernst zu nehmen.


Literatur
1. Goebel G, Fichter MM: Depression beim chronischen Tinnitus. Münch Med Wschr 1998; 140 (41): 557-562.
2. Hesse G (Hrsg.): Retraining und Tinnitustherapie. Stuttgart: Thieme 2000.


Dr. med. Eberhard Biesinger
Hals-Nasen-Ohrenarzt
Maxplatz 5
83278 Traunstein

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