ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2021Impfstoffverteilung: Corona-Vakzine für die Welt

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Impfstoffverteilung: Corona-Vakzine für die Welt

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) steht mit seinem Pandemiemanagement zunehmend unter Druck. Hinzu kommt, dass fast alles, was in der deutschen Politik aktuell gesagt wird, auch Wahlkampf ist. Trotzdem bleibt Spahns Vorstoß auf dem Ge­sund­heits­mi­nis­tertreffen der G7-Staaten Anfang Juni bemerkenswert. Die Aufforderung an die Industriestaaten, ihre COVID-19-Impfstoffproduktion auch solidarisch zu verteilen, war überfällig. Sie steht bei allen Pandemien, sogar aus eigennütziger Perspektive, vollkommen außer Zweifel. „Wir sind erst sicher, wenn alle auf der Welt sicher sind“, erinnerte Spahn vor allem mit Blick auf die Briten und US-Amerikaner an eine Grundgewissheit, die den künftigen Kurs in der COVID-19-Abwehr mitbestimmen sollte. Für die Anmerkung, dass „50 Prozent der in der Europäischen Union hergestellten Impfstoffe exportiert wurden und werden“, findet Spahn sicherlich auch in seiner eigenen Wählerschaft nicht nur Freunde. Zu viele sehen in der globalen Strategie nach wie vor einen Angriff auf die nationale Gesundheit. Aber bei aller fast schon reflexartigen Kritik am regionalen Impfstoffmangel gilt auch eine andere brutale Wahrheit: In der Zeit, in der hierzulande durchgeimpft werden soll, können diese Erfolge durch neue, aggressivere Mutationen in anderen Teilen der Welt im ungünstigen Fall wieder relativiert werden.

Für die bisher festgestellten Mutationen braucht die Welt­gesund­heits­organi­sation zwecks nachvollziehbarer Nomenklatur inzwischen das griechische Alphabet von Alpha bis zum Buchstaben Kappa. Der für das Geschehen auf dem indischen Subkontinent verantwortlichen Variante Delta werden im zu fast 60 Prozent erstgeimpften und damit zunehmend auf der sicheren Seite geglaubten Großbritannien jetzt erneut steigende Neuinfektionen zugeschrieben.

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Diese Entwicklung macht deutlich: Nationales Denken kann – mal abgesehen von der ethischen Frage – nur kurzfristig Bollwerk gegen Pandemien sein. Was das angeht, ist keine Nation eine „Insel“. Insofern scheint die jetzt getroffene Ankündigung von US-Präsident Joe Biden, 25 Millionen Impfdosen an gefährdete Länder zu verteilen, folgerichtig ein wichtiger Schritt, der nicht nur dort, sondern mittelbar auch in den Industrienationen Menschenleben retten wird.

Deutschland selbst hat solche Exporte gemeinsam mit der Europäischen Gemeinschaft von Anfang an in die gemeinsame Strategie miteinbezogen. Und laut Dauerwarner Karl Lauterbach (SPD) bietet die nationale Lage dennoch Anlass zu vorsichtigem Optimismus für die kommenden Wochen. Aber hinterm Horizont geht es weiter: Reiserückkehrer könnten, so der aktuell außerordentlich medienstabile SPD-Politiker, durch die mitgebrachte Kappa-Mutation auch hierzulande für wieder steigende Inzidenzen sorgen. Ergo: Pandemieabwehr ist kein „Entweder-oder“, sondern logischerweise immer das „Sowohl-als auch“. Weitere SARS-CoV-2-Varianten werden langfristig – womöglich sogar jenseits einer Spanne von Alpha bis Omega – medizinische Forschung und Versorgung herausfordern.

Angst ist dabei kein guter Berater: Der Hartmannbund-Vorsitzende und Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt plädiert für „professionelle Routine statt Daueralarm“. Sie geht – auch Dank fortlaufend zu modifizierenden Impfungen – nicht gegen „Wellen“, sondern früh und pragmatisch gegen neue Cluster vor. Es wird ein Leben trotz und mit Corona.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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