ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Nietzsches Krankheit: Genie und Wahnsinn

VARIA: Geschichte der Medizin

Nietzsches Krankheit: Genie und Wahnsinn

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-713 / B-603 / C-570

Wilkes, Johannes

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LNSLNS Der geistige Zusammenbruch vollzog sich in verschiedenen Stufen.

Am Sonntag, dem 6. Januar 1889, erhielt Franz Overbeck, Professor für Kirchengeschichte in Basel, unverhofft Besuch. Sein Kollege Jacob Burckhardt, der bekannte Kunstgeschichtler, war zu ihm geeilt. Jacob Burckhardt hielt einen Brief in der Hand, den er am gleichen Tag erhalten hatte. Der Brief kam aus Turin, der Absender war Overbecks Freund Friedrich Nietzsche. Overbeck erschrak, als er den Brief las:
"Meinem verehrungswürdigen Jacob Burckhardt. Das war der kleine Scherz, dessentwegen ich mir die Langeweile, eine Welt geschaffen zu haben, nachsehe. Nun sind Sie - bis du - unser grosser grösster Lehrer, denn ich, zusammen mit Ariadne, haben nur das goldne Gleichgewicht aller Dinge zu sein, wir haben in jedem Stücke Solche, die über uns sind . . . Dionysos." (17)
Overbeck eilte zur psychiatrischen Klinik "Friedmatt" und legte dem ihm bekannten Leiter und Gründer der erst vor drei Jahren eröffneten Anstalt, Professor Dr. med. Ludwig Wille, den Brief vor. Auf Willes dringendes Anraten fuhr Overbeck noch am gleichen Tag mit dem Zug von Basel nach Turin. Mit Mühe fand er die kleine Pension, wo Nietzsche bescheiden logierte. Den Freund erblickend, stürzte Nietzsche auf ihn zu, umarmte ihn heftig und brach, Overbeck erkennend, in einen Tränenfluss aus. Dann sank er in Zuckungen aufs Sofa zurück.
Verdachtsdiagnose
Overbeck stand nun vor der schwierigen Aufgabe, den erkrankten Freund nach Basel in die Klinik bringen zu müssen. Mit Hilfe der Suggestion eines jungen deutschen Zahnarztes gelang die Überführung des erregten Kranken in die Baseler Klinik. (7)
"Pupillen different, rechte größer als die linke, sehr träge reagierend. Strabismus convergens. Starke Myopie. Zunge stark belegt; keine Deviation, kein Tremor! Facialisinnervation wenig gestört, fühlt sich ungemein wohl und gehoben. Gibt an, daß er seit acht Tagen krank sei und öfters an heftigen Kopfschmerzen gelitten habe. Er habe auch einige Anfälle gehabt, während derselben habe sich Pat. ungemein wohl und gehoben gefühlt, und hätte am liebsten alle Leute auf der Straße umarmt und geküßt, wäre am liebsten an den Mauern in die Höhe geklettert", so lautete der Befund des aufnehmenden Arztes (1). Als Diagnose wurde notiert: progressive Paralyse. Dass schon die Verdachtsdiagnose die neurologische Untersuchung bestimmte, erkennt man an den angegebenen Befunden. Es handelte sich bei den beschriebenen Pupillenstörungen (Anisokorie und gestörte Pupillenreaktion) und auch bei den lebhaften Eigenreflexen um typische Symptome der progressiven Paralyse. Noch nicht vorhanden ist das typische Zittern der Zunge mit perioraler Unruhe ("mimisches Beben") und die häufig feststellbare dysarthrische Sprachstörung. Das psychopathologische Erscheinungsbild entsprach am ehesten der expansiv-agierten Verlaufsform: Megalomanie mit wechselnden Größenwahnideen bei weitgehend intakter Orientierung bezüglich anderer Personen.
Über einen möglichen syphilitischen Primäraffekt Nietzsches ist viel geschrieben und diskutiert worden. Um das Ergebnis der Diskussion vorwegzunehmen: Trotz zahlreicher Indizien ist der Beweis einer solchen Infektion nicht gelungen. An einen Bordellbesuch in Köln aus seiner Bonner Studienzeit - den Thomas Mann in einzigartiger Weise in seinen "Dr. Faustus" hineingewoben hat - knüpfen sich manche Spekulationen. Vielfach wird auch davon ausgegangen, Nietzsche habe sich in seinen Leipziger Jahren infiziert. In der Baseler Krankenakte findet sich der Eintrag, Nietzsche habe angegeben, sich "zweimal spezifisch infiziert" zu haben. (1) Hieraus meinte man, den Beleg einer Syphilisinfektion in der Anamnese gefunden zu haben. Dieser Beleg wird jedoch wieder unsicher, wenn man die Quellen jüngeren Datums betrachtet. In der 1980 erschienenen RichardWagner-Biographie Gregor-Dellins findet sich die erstmalige Wiedergabe eines Briefes eines Frankfurter Arztes, Dr. Otto Eiser, der Nietzsche im Oktober 1877 zusammen mit einem Augenarzt untersucht hatte. In diesem Brief an Wagner heißt es: "Bei der Erörterung seiner geschlechtlichen Zustände versicherte N. nicht nur, daß er nie syphilitisch gewesen sei, sondern er hat auch meine Frage nach starker geschlechtlicher Erregung und etwaiger abnormer Befriedigung derselben verneint. Doch wurde der letzte Punkt von mir nur flüchtig berührt, und ich darf deshalb N.’ Worten nach dieser Seite nicht allzuviel Gewicht beilegen. Triftiger scheint mir als Gegengrund, daß der Kranke von Tripper-Ansteckungen während seiner Studentenzeit berichtet, - dann auch, daß er jüngst in Italien auf ärztliches Anraten mehrmals den Coitus ausgeübt haben will." (5) Hatte Nietzsche Tripper gemeint, als er die Angabe einer durchgemachten "spezifischen Infektion" gemacht hatte? Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass man die Syphilis jahrhundertelang nicht von Tripper unterschieden und beide als Lues bezeichnet hatte.
Overbeck, der den Freund in die Klinik begleitete, erstarrte vor Erstaunen, als Nietzsche in der verbindlichsten Manier seiner besten Tage und mit würdiger Haltung Wille begrüßte: "Ich glaube, daß ich Sie früher schon gesehen habe, und bedaure sehr, daß mir nur Ihr Name nicht gegenwärtig ist, wollen Sie -" Wille: "Ich bin Wille". Nietzsche (ohne eine Miene zu verziehen, in jener Manier und im ruhigsten Tone, ohne jede Besinnung fortfahrend): "Wille? Sie sind Irrenarzt. Ich habe vor einigen Jahren ein Gespräch mit Ihnen über religiösen Wahnsinn gehabt. Der Anlaß war ein verrückter Mensch, Adolf Vischer, der damals hier lebte." (8) Was Overbeck so erschütterte, war, dass Nietzsche diese Erinnerungen nicht in die geringste Beziehung zu seiner eigenen augenblicklichen Lage brachte und dass kein Zeichen verriet, dass ihn der Psychiater etwas anging: "Ruhig läßt er sich dem hereintretenden Assistenzarzt mit der Verordnung eines Frühstücks und eines Bades fürs nächste übergeben und verläßt mit ihm, auf erhaltene Aufforderung, ihm zu folgen, ohne weiteres das Zimmer . . ." (8)


In der Baseler Krankenakte finden sich folgende Einträge (11):
"11. Januar: Ganze Nacht nicht geschlafen. Sprach ohne Unterlaß. Stand öfters auf. Frühstückt mit großem Appetit. Fortwährend motorische Erregung. Legt sich zuweilen auf den Boden. Spricht verworren.
12. Januar: Fühlt sich so unendlich wohl, daß er dies höchstens in Musik ausdrücken könne.
13. Januar: Zeigt einen ungeheuren Appetit, verlangt immer wieder zu essen. Singt, johlt, schreit.
14. Januar: Fortwährend gesprochen und gesungen. Besuch der Mutter. "Mutter macht einen beschränkten Eindruck." Ein Bruder der Mutter starb in einer Nervenheilanstalt. Die Schwestern des Vaters waren hysterisch und etwas exzentrisch. (Angaben der Mutter.) Vater durch Fall von der Treppe hirnkrank. Nietzsche unterhält sich anfangs harmlos mit der Mutter, dann plötzlich: "Sieh in mir den Tyrannen von Turin." Redet dann verworren weiter.
15. Januar: Sehr laut. Laut schreiend und gestikulierend.
17. Januar: Parese des linken Facialis viel deutlicher. Sprache: Keine nachweisbaren Störungen."

Die angereiste Mutter setzte gegen alle Widerstände durch, dass Nietzsche in die nächstgelegene Klinik seiner Heimatstadt Naumburg nach Jena verlegt wurde. Auch der damalige Klinikleiter von Jena, Professor Otto Binswanger, hatte sich wissenschaftlich intensiv mit der progressiven Paralyse beschäftigt. Er kam zeitweise zu völlig anderen Erkenntnissen über die Ätiologie der Erkrankung und diskutierte noch 1894 in der "Berliner Klinischen Wochenzeitschrift" eine psychogene Genese, derzufolge der paralytische Krankheitsprozess "unbestritten als die Folgeerscheinung einer functionellen Überanstrengung des Centralnervensystems und dabei in erster Linie der Großhirnrinde" zu betrachten sei (2). Emil Kraepelin widersprach Binswanger in der fünften Auflage seines verbreiteten Lehrbuches "Psychiatrie" (1896) entschieden, konnte sich jedoch noch nicht eindeutig für die Syphilis als Ursache entscheiden. Dieser Verdienst kommt Nietzsches erstem Pathobiographen P. J. Möbius zu. Kraepelin 1896: "Auch Möbius hält Tabes und Paralyse geradezu für Nachkrankheiten der Syphilis. Leider gestatten die heute vorliegenden Thatsachen eine so einfache Deutung, wie mir scheint, noch nicht." (14)
Bei der Aufnahme in Jena wird bei der Erhebung der somatischen Befunde zusätzlich eine leicht unregelmäßig verzogene Pupille diagnostiziert. In den nächsten Monaten beherrschen Wahnideen mit starken Erregungszuständen das klinische Bild. Im Oktober 1889 kommt es zu einer gewissen inneren und äußeren Beruhigung, die als deutliche Remission interpretiert wurde. Die Mutter nimmt ihn wiederum gegen alle Widerstände im März 1890 mit nach Hause nach Naumburg, wo sie ihn bis zu ihrem Tode 1897 pflegte.
Der geistige Zusammenbruch Nietzsches vollzog sich in verschiedenen Stufen, die in den ersten Jahren auch mit kurzzeitigen Aufhellungen verbunden waren - ein Verlauf, der bei vielen Paralytikern beobachtet werden konnte. Die leichten Remissionen stellten jedoch nicht den erhofften Beginn einer Genesung dar. Im Herbst 1890 verschlechterte sich sein Geisteszustand rapide. "Es scheint nun, als ob der Wahnsinn zum Blödsinn umzuschlagen Miene macht", schrieb ein Jugendfreund im Februar 1891 an Overbeck. (4) Nietzsche sprach nur noch wenig, wirkte zunehmend apathisch, zeigte selten ein Lächeln oder eine andere Reaktion außer unverhältnismäßiger Bewunderung. Sein Aussehen in jenen Jahren war hierzu kontrastierend auffällig gesund und frisch. Willen und Antrieb nahmen jedoch ab.
Möglicherweise entwickelte sich ab 1893 zusätzlich eine Tabes dorsalis, die ebenfalls eine quartäre Manifestation der Syphilis darstellt: Er erkannte alte Freunde nicht mehr, ab Herbst 1894 nur noch die Mutter, die Schwester und die Hausgehilfin Alwine. Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1897, auf den Nietzsche in keiner erkennbaren Weise mehr reagierte, übernahm die Schwester Elisabeth die Pflege. Sie hatte schon in den Räumlichkeiten in Naumburg ein Nietzsche-Archiv eingerichtet und zog dann mit dem Kranken und Alwine in eine repräsentative Villa nach Weimar. Ausgesuchte Besucher durften einen Blick auf den Kranken werfen, während Elisabeth Nietzsche geschickt und raffiniert die Rechte an den Schriften ihres Bruders erwarb und das Nietzsche-Archiv regierte.
Krankheit und Werk
Friedrich Nietzsche, bis zum Beginn seiner Erkrankung kaum bekannt, wurde nun rasch berühmt. Seine Leser hat er zumeist in zwei Lager gespalten. Glühenden Anhängern und Verehrern standen schärfste Kritiker unversöhnlich gegenüber. Die Krankheit Nietzsches hat ihrerseits zu dieser Polarisierung beigetragen. Für die einen wurde hierdurch ein Mythos begründet, der mit dem Begriffspaar Genie und Wahnsinn umschrieben werden kann, für die anderen war die Krankheit Nietzsches ein Beleg für das Pathologische in seinen Schriften. Möbius’ schon zitierte Pathographie endet mit der Warnung an Nietzsche-Leser: "Seid mißtrauisch, denn dieser Mann ist ein Gehirnkranker!" (15) Solche Schlüsse zu ziehen, aus der Kenntnis der Krankheit retrospektiv das Werk zu kritisieren, ist gefährlich und wissenschaftlich nicht korrekt. Das Werk muss als solches auf seinen Wert und seine Aussage hin untersucht werden.
In der Nacht vom 24. auf den 25. August 1900 bekam Nietzsche einen Schlaganfall. Am 25. August 1900 tat er seinen letzten Atemzug. Eine Obduktion zur Sicherung der Diagnose fand nicht statt.


Literatur beim Verfasser


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Johannes Wilkes
Psychiatrische Klinik mit
Poliklinik der Universität
Erlangen-Nürnberg
Abteilung für Kinder- und
Jugendpsychiatrie
Schwabachanlage 6 und 10
91054 Erlangen


Die Krankheit Friedrich Nietzsches hat zur Polarisierung seiner Leser beigetragen.

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