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Die Resonanz auf unseren Beitrag (1) zeigt, dass Nichtodontogene Gesichtsschmerzen ein multidisziplinäres und bislang unterschätztes Problem darstellen.

Bezüglich der ablativen Methoden zur Behandlung von Trigeminusneuralgien geben wir Herrn Boström Recht, dass es sich bei der Janetta-Operaton um einen chirurgischen Eingriff handelt, der gerade bei älteren oder kränkeren Patienten nicht immer die Therapie der ersten Wahl ist. Die GammaKnife-Therapie kann hier vorteilhaft sein, sie wird in Deutschland in einigen spezialisierten Einrichtungen angeboten.

Herr Jürgens betont anhand des genannten Beispiels drei Dinge: Die Kenntnis der Klassifizierung von Kiefer- und Gesichtsschmerzen, die sorgfältige Anamnese und Befunderhebung und – vielleicht am Wichtigsten – die dringend notwendige Intensivierung in der Ausbildung, nichtodontogene Gesichtsschmerzen zu erkennen und zu behandeln. Unsere eigenen Untersuchungsergebnisse bei mehr als 500 niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzten und 130 Zahnmedizinstudierenden ergeben ein klares Bild: Nur 30 % der Befragten gaben an, sich sicher zu fühlen in der Diagnose von Gesichtsschmerzen und 92 % der Zahnmedizinstudierenden erklärten, keine oder nur geringe Kenntnis von nichtdentalen orofazialen Schmerzen zu haben (2). Wenn aber schon unsere Studierenden kaum eine Chance haben, etwas zu Gesichts- und Kopfschmerzen zu lernen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn später viele Patienten nicht richtig erkannt und therapiert werden. Von daher stimmt es zuversichtlich, dass in der Medizin das Thema Schmerz als Querschnittsfach in das Studium eingebunden wurde, und es besteht die Hoffnung, dass die Zahnmedizin gleichzieht.

Der von Herrn Seidl angebrachten Kritik einer diagnostischen Überdifferenzierung schließen wir uns nicht an. Ganz im Gegenteil: Wir müssen definieren, um über dasselbe zu sprechen – anders ist (medizinischer) Fortschritt nicht möglich (3). Insofern ist die International Classification of Orofacial Pain (ICOP) (4) die zentrale Voraussetzung für wissenschaftliche und therapeutische Erkenntnis. Das zum Ausdruck gekommene Unwohlsein bezüglich weiterhin fehlender spezifischer therapeutischer Möglichkeiten teilen wir, sind jedoch sicher, dass die ICOP genau das ändern wird – analog zur Therapie bei Kopfschmerzen, die vor Übereinkunft einer einheitlichen Klassifikation und damit möglicher Forschung ähnlich nihilistisch war. Wir merken respektvoll an, dass Patienten mit Migräne vor 35 Jahren genau vor demselben Dilemma standen wie die heutigen Patienten mit Gesichtsschmerz: Wegen fehlender Morphologie (und fehlender Therapie, was vermutlich noch wichtiger war) erfolgte ein Verschieben ihres Leids in psychologische Erklärungsmodelle. Die Wissenschaft hat uns seitdem gelehrt, dass Migräne eine vererbbare sehr spezifische biologische Erkrankung ist, und wir verstehen bis auf die zelluläre Ebene, wie moderne Therapeutika wirken. Die Psychologie spielt in der Behandlung immer noch eine wichtige Rolle – aber sicher nicht in der Genese der Schmerzen. Genau dorthin muss und wird die Forschung auf dem Gebiet der bislang unerklärlichen PIFP und anderer Gesichtschmerzsyndromen gehen. Und dieser lange Weg beginnt mit einer Klassifikation.

DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0209

Für die Autoren

Prof. Dr. med. Arne May
Institut für Systemische Neurowissenschaften
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
a.may@uke.de

Interessenkonflikt

Die Autoren aller Beiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Ziegeler C, Beikler T, Gosau M, May A: Idiopathic facial pain syndromes—an overview and clinical implications. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 81–7 VOLLTEXT
2.
Ziegeler C, Wasiljeff K, May A: Nondental orofacial pain in dental practices—diagnosis, therapy and self-assessment of German dentists and dental students. Eur J Pain 2019; 23: 66–71 CrossRef MEDLINE
3.
Schulte L, May A: What makes migraine a migraine—of the importance of disease classifications in scientific research. Cephalalgia 2015; 35: 1337–8 CrossRef MEDLINE
4.
International Classification of Orofacial Pain. 1st edition (ICOP). Cephalalgia 2020; 40: 129–221 CrossRef MEDLINE
1.Ziegeler C, Beikler T, Gosau M, May A: Idiopathic facial pain syndromes—an overview and clinical implications. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 81–7 VOLLTEXT
2.Ziegeler C, Wasiljeff K, May A: Nondental orofacial pain in dental practices—diagnosis, therapy and self-assessment of German dentists and dental students. Eur J Pain 2019; 23: 66–71 CrossRef MEDLINE
3.Schulte L, May A: What makes migraine a migraine—of the importance of disease classifications in scientific research. Cephalalgia 2015; 35: 1337–8 CrossRef MEDLINE
4.International Classification of Orofacial Pain. 1st edition (ICOP). Cephalalgia 2020; 40: 129–221 CrossRef MEDLINE

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