ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Ambulante Versorgung: Wir brauchen neue Therapeuten
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Was verstehen die Schreiber des Artikels eigentlich unter Psychotherapie im Rahmen ihres kommunizierten Anliegens einer breiteren psychotherapeutischen Versorgung? Ich höre hauptsächlich etwas von Standardisierung, Reglementierung, Formalisierung.

Hier mein Gegenmodell: … Es vom Patienten her denken. Wir brauchen kein neues Verfahren, keine Standardisierungen, sondern vielleicht neue, andere Therapeuten. Die nicht vom Symptom her denken, die keine Theorie und auch kein evidenzbasiertes Verfahren über den Patienten werfen. Sondern die ihm zuhören, die die Therapie mit ihm entwickeln. Die ein Verständnis einer komplexen Persönlichkeit haben und das Interesse, das Innenleben des Patienten kennenzulernen. Die wissen, dass Symptome meistens bis immer einen Sinn haben. Die ihren Patienten zu einer Entwicklung verhelfen wollen. Die wissen, dass sie nicht besser wissen, was dem Patienten fehlt, als er selbst. Eine aussagekräftige Diagnose steht (möglicherweise) am Ende einer Psychotherapie, am Beginn stehen Hypothesen. Die Therapeuten müssen nicht mit sich im Reinen sein, sich aber hoffentlich so weit kennen, dass sie ihre seelischen Defizite nicht zum Schaden des Patienten zum Ausdruck bringen. So können dann seelische Defizite, wie auch die Leiden der Therapeuten das Verständnis des Leidens der Patienten verbessern, vielleicht überhaupt erst ermöglichen. (...)

Das ist kein Platz für die angesprochene Effizienz, die beim genauen Blick keine ist, sondern ein Gießkannenprinzip, das am Ende womöglich alle Pflanzen verdorren lässt. Was nutzt es, therapiesuchende Patienten einzubestellen für eine Diagnostik (die immer unter Vorbehalt steht)? Was nutzt es, die Fallzahlen zu erhöhen, um eine bessere Versorgung vorzugaukeln, anstatt neue Therapeutensitze auszuweisen, mit denen die Patienten tatsächlich versorgt werden können? Sollen wir Therapeuten durch eine lapidare Fallzahlerhöhung dabei helfen, den Anschein zu erwecken, es gäbe keine ambulante Unterversorgung an Therapieplätzen, so wie auch die Abnahme der Arbeitslosenquote sich dem genauen Blick entpuppt als Zunahme prekärer Minijobs etc.? Und den Psychotherapeuten eine höhere Anzahl an Therapiestunden abzuverlangen (anstatt neue Therapiesitze zu schaffen) bedeutet nichts anderes, als die Qualität der therapeutischen Arbeit zu verschlechtern, was tatsächlich empirisch nachgewiesen wurde. (...) Mein Therapieverständnis ist das nicht, ich halte dies für den Weg zum Verlust dessen, was den Namen einer wirksamen und hilfreichen Therapie verdient. Wir brauchen einfach mehr Therapeutensitze, basta.

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 Cornelia Gebhardt, Psychoanalytikerin, 86150 Augsburg

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