ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Psychoanalyse: Gegenwartsanalyse ohne theoretische Scheuklappen

BÜCHER

Psychoanalyse: Gegenwartsanalyse ohne theoretische Scheuklappen

Wolf, Stefan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zeiten wie diese, der Unübersichtlichkeit, der kollektiven Erregung, ja des Aufruhrs waren in der jüngeren Vergangenheit immer auch eine Stunde psychoanalytischer Gesellschafts- und Kulturbetrachtung. Doch diese Stimmen sind rar geworden oder kaum vernehmlich. Deshalb sei besonders auf das neue Buch von Roman Lesmeister hingewiesen. In seinem Mittelpunkt stehen die drei gegenwärtig dominierenden Paradigmen der Pathologie des Selbst: das beschädigte (traumatisierte) Selbst, das leere (an Sinnverlust leidende) Selbst und das tragische (schuldige) Selbst. Diese heute in der Praxis häufig anzutreffenden Störungsbilder werden nicht nur im Hinblick auf ihre besonderen therapeutischen Herausforderungen beschrieben, sondern auch als Resultate sozialpsychologischer und historischer Entwicklungen gesehen. Lesmeister verbindet in seiner Studie psychotherapeutische Erfahrung mit ideengeschichtlichem Überblick und vermag dadurch, auch die zeitgeschichtliche Bedingtheit dieser Paradigmen selbst in den Blick zu nehmen. In einem souveränen Schwenk durch die Philosophie- und Geistesgeschichte schildert er den Zusammenhang zwischen Transzendenz- und Gottesverlust und den modernen Selbst-Pathologien und ihren Deutungsmustern. Insbesondere in dem Störungsbild des leeren Selbst und im therapeutischen Umgang mit ihm verdichtet sich eine Tendenz zur kompensatorischen Überhöhung der Elternfiguren, die in den Rang wahrer Schöpfer geraten. Der basale Halt, der einst im Transzendenzbezug gefunden wurde, wird heute in der narzisstischen Grundversorgung durch die Eltern gesucht und wenn er dort versagt blieb, soll er in der Psychotherapie nachgeholt werden. Der Übergang zu kollektiven Fantasien der Abschaffung jeglichen Leidens (einschließlich des Todes), die Lesmeister durch Ausflüge in Literatur, Film und moderne Wissenschaftsutopien illustriert, ist fließend. Es ist ein psychoanalytisches Werk, sehr kompakt und dicht geschrieben, doch ohne die üblichen theoretischen Scheuklappen. Freud und Jung kommen gleichermaßen zum Zuge wie Lacan, Rank und Kohut; jeder dort, wo er gedanklich weiterführt. So behält der Leser das angenehme Gefühl, nicht in einer „Schule“ gefangen zu sein, sondern vom Ergänzungscharakter der Ansätze zu profitieren.

Ein facettenreiches Buch, das verbindet, was selten zusammenkommt: Erfahrung, gedankliche Tiefe und Aktualität. Stefan Wolf

Anzeige

Roman Lesmeister: Selbst-Schicksale. Psychoanalytische Studien zum beschädigten, leeren und tragischen Selbst, Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. Psychosozial Verlag, Gießen 2021, 196 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote