ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Verschwörungstheorien und Radikalisierung: Angriff auf die Zivilgesellschaft

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Verschwörungstheorien und Radikalisierung: Angriff auf die Zivilgesellschaft

Bühring, Petra

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Mit den psychologischen Motiven, sich Verschwörungstheorien zuzuwenden, und den Konsequenzen entsprechenden Handelns auf die Gesundheit, die Gesellschaft und die Psychotherapie, befassten sich Experten bei einem Webinar der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen- Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, ist deutlich höher. Foto: picture alliance/ Jochen Eckel
Die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen- Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, ist deutlich höher. Foto: picture alliance/ Jochen Eckel

Anders als es die Berichterstattung in den Medien vermuten lässt, ist die Bereitschaft, an Verschwörungstheorien zu glauben, in Zeiten der Coronapandemie nicht gestiegen. „Der Glaube an Verschwörungen liegt in Deutschland über die letzten Jahre relativ konstant bei 20 bis 30 Prozent“, berichtete die Sozialpsychologin Pia Lamberty bei einem Webinar der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz am 27. April. „Verschwörungstheorien und Radikalisierung in der Psychotherapie“ lautete der Titel der Veranstaltung. Lamberty forscht seit Jahren unter anderem an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz dazu, warum Menschen an Verschwörungen glauben und welche Konsequenzen dieses Weltbild für die Gesellschaft hat.* Außerdem ist sie Geschäftsführerin von CeMas, einer gemeinnützigen Organisation, die interdisziplinäre Expertise zu Themen wie Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsextremismus bündelt.

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Psychologische Motive

Die Expertin gab zunächst einen Überblick über die psychologischen Motive, die hinter einem Verschwörungsglauben stehen. Zum einen können dies existenzielle Motive sein wie das Streben nach Kontrolle und Sicherheit. Auch soziale Motive wie das Zielen auf die positive Wahrnehmung des Selbst oder der eigenen Gruppe spielen eine Rolle. Ebenso epistemische Motive, also der Wunsch nach Verstehen und subjektiver Gewissheit. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale begünstigen darüber hinaus die Neigung, an Verschwörungen zu glauben: narzisstische Tendenzen und das Bedürfnis nach Einzigartigkeit.

Verschwörungsglauben hat Lamberty zufolge Konsequenzen für die Gesundheit und die Gesellschaft. „Je stärker Menschen an eine Verschwörung glauben, die hinter allem steht, desto eher lehnen sie die medizinische Wissenschaft ab und wenden sich alternativen Ansätzen zu“, sagte Lamberty. In Bezug auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie sei die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, deutlich höher. Vermeintlich alternative Mittel gegen das Coronavirus wie beispielsweise ein als „Miracle Mineral Supplement“ verkauftes Bleichmittel hätten dabei in den USA sogar zu Todesfällen geführt.

Konsequenzen für die Gesellschaft habe die Bereitschaft, an Verschwörungen zu glauben, zum einen im Hinblick auf die Demokratie: „Verschwörungsgläubige wählen nicht mehr, oder wenn, dann populistische Parteien. Sie sind bereit, auch gewalttätige Mittel einzusetzen“, fand Lamberty heraus. Auch mehr politischer Zynismus und Stereotype seien bei Verschwörungsgläubigen zu finden. „In der Coronapandemie haben die Angriffe auf die Presse zugenommen, ebenso wie Hass und Hetze gegenüber Wissenschaftlern, insbesondere Virologen.“ Zu erkennen seien auch Zusammenhänge mit Antisemitismus, Rassismus und Antiamerikanismus.

Beschleunigte Radikalisierung

Verschwörungserzählungen können auch eine Radikalisierung beschleunigen, fand die Sozialpsychologin heraus, weil Feindbilder verstärkt werden. So würden unter anderem „die da oben“ als das absolut Böse wahrgenommen; Verschwörungsgläubige seien meist immun gegen jegliche Kritik an ihrem Handeln, was wiederum in ihrem Denken auch den Einsatz von Gewalt legitimiere. Widerspruch in Gruppen, zum Beispiel in dem Messengerdienst Telegram, werde von Verschwörungsgläubigen meist nicht geduldet.

Die Coronapandemie, die mit tiefgreifenden und schnellen gesellschaftlichen Umbrüchen einhergeht, stellt die Lebenswirklichkeit vieler Menschen fundamental infrage. „In der Pandemie ergibt sich für einige die Möglichkeit der Selbstinszenierung als vermeintlich Wissender: die abstrakte unsichtbare Bedrohung durch das Virus versus die konkrete ‚greifbare‘ Verschwörung“, sagte Lamberty. Erzählt werde beispielsweise, dass die Pandemie nur erfunden worden sei, damit sich die Wissenschaft/Pharmaindustrie daran bereichern könne. Corona sei ein Schwindel und alles nur ausgedacht, um per Gesetz die Freiheit der Menschen massiv einschränken zu können. Angenommen wird auch ein Bedürfnis nach Chaos: die Gesellschaft solle „niederbrennen“. Die Legitimierung von Gewalt von Verschwörungsgläubigen habe sich in der Pandemie unter anderem in den Übergriffen auf Impfzentren, dem Brandanschlag auf das Robert Koch-Institut und Morddrohungen gegen Politiker und Virologen, die strenge Coronamaßnahmen fordern, gezeigt.

Auf die Frage, ob es einen Zusammenhang von Verschwörungsglauben/kollektiven Wahn und psychischer Erkrankungen gebe, antwortete Wissenschaftlerin Lamberty verneinend: Halluzinationen seien bei Verschwörungsgläubigen eher selten, bei Menschen mit psychotischen Störungen häufig. Soziale Beeinträchtigung könne bei Verschwörungsgläubigen vorkommen, bei Menschen mit Psychosen sei dies oft stark ausgeprägt. Letztere hätte meist kein starkes Missbrauchen gegen „die da oben“, Verschwörungsgläubige schon.

Gemeinsame Elemente mit der Religion beziehungsweise mit sehr gläubigen Menschen stellte der Religionswissenschaftler Prof. Dr. phil. Sebastian Murken von der Philipps-Universität Marburg heraus. „Beide Gruppen suchen Antworten auf Fragen, warum etwas so ist, wie es ist“, sagte der Psychologische Psychotherapeut. Gemeinsam sei beiden Gruppen auch der Glaube an ein esoterisches Wissen, das nur Eingeweihten zugänglich ist, im Gegensatz zum exoterischen Wissen der „Ungläubigen“. Zu erkennen sei auch eine starke Dichotomie gegen Gut und Böse sowie eine geringe Ambiguitätstoleranz. Doch es gibt Murken zufolge einen entscheidenden Unterschied zwischen den Gruppen: „Religiös Gläubige wissen, dass sie glauben – Verschwörungstheoretiker nicht.“

In der Therapie: klare Grenze

Wie sollten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Patientinnen und Patienten umgehen, die Verschwörungstheorien mit in die Therapie bringen? Die Vizepräsidentin der Landespsychotherapeutenkammer (LPK) Rheinland-Pfalz, Dr. phil. Andrea Benecke, hat bisher als Leiterin einer großen Ausbildungsambulanz in Mainz während der Coronapandemie nur wenige solcher Patienten gesehen, berichtete sie bei dem Webinar: „Während der Flüchtlingskrise 2015 hatten wir häufiger radikalisierte Patienten, jetzt kaum.“ Lamberty sieht den Grund für das geringe Aufkommen von Verschwörungsgläubigen in den Praxen von Psychotherapeuten, in deren Wissenschaftsfeindlichkeit. Wenn sich aber ein Patient dementsprechend outet, rät Benecke, eine Grenze zu markieren und diese auch sehr klar zu benennen, beispielsweise so: „Sie haben ihre Meinung und ich habe meine.“ Vermeintliche Fakten zu diskutieren bringe nichts in der Therapie. Psychotherapeut Murken betonte, wenn es gelinge, an den Leidensdruck der Patienten anzudocken, könne man sich seinen psychischen Problemen annähern. Dem stimmte Benecke zu, sagte aber auch: „Wenn der Glaube an eine Verschwörung so übermächtig ist, ist eine Therapie manchmal einfach nicht möglich.“ Gerade auch weil die Frage der Einhaltung der Coronamaßnahmen so stark emotional aufgeladen sei.

„Auch Angehörige von Heilberufen sind mit Verschwörungstheorien unterwegs“, berichtete die Präsidentin der LPK, Sabine Maur. Bekannt seien Ärzte, die auf Querdenkerdemos auftreten, oder solche, die unbegründete Atteste gegen das Tragen von Masken ausstellten. Aber auch Psychotherapeuten, ärztliche wie psychologische sowie insbesondere Heilpraktiker für Psychotherapie seien in entsprechenden Telegram-Gruppen zu finden. „Anscheinend schützt ein Studium nicht vor Verschwörungsglauben“, sagte Maur. Lamberty bestätigte, dass nach ihren Recherchen keine gesellschaftliche Gruppe vor dem Glauben an Verschwörungen gefeit sei. Zugleich bedeute Verschwörungsglauben, Rassismus oder Antisemitismus unter Psychotherapeuten aber auch, dass eine Therapie kein absoluter Schutzraum mehr sei. „Wir müssen darüber nachdenken, was zu tun ist, wenn radikalisierte Ansichten in die Therapie hineinspielen, wenn etwa Therapeuten gegen die Berufsordnung verstoßen“, erklärte Maur. Nach Ansicht von Lamberty sollte die Heilberufekammer in jedem Fall Position beziehen und eine Reaktion zeigen. „Demokratiefeindliche Tendenzen hören nicht an einem Berufsstand auf“, sagte sie, und: „Ich wünsche mir grundsätzlich eine aktivere Zivilgesellschaft, die Angriffen etwas entgegensetzt.“

Schwierige Forschung

Bei ihrer Forschung zum Thema Verschwörungsglauben und Radikalisierung hat die Wissenschaftlerin aktuell den Eindruck, dass diese schwieriger geworden sei. „Offenbar gibt es Aufrufe auf Telegram, nicht mehr an Studien teilzunehmen oder die Ergebnisse zu verfälschen“, sagte Lamberty. Grundsätzlich böten die sozialen Medien aber für die Forschung enorme Möglichkeiten. Auf der anderen Seite ständen die Gefahren: Möglicherweise hätte es bestimmte Netzwerke ohne soziale Medien nie gegeben. Petra Bühring

* Lamberty hat gemeinsam mit Katharina Nocun im Mai 2020 das Buch „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ (Bastei Lübbe) veröffentlicht.

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