ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Kinder und Jugendliche in der Coronakrise: In Sorge um ihre Zukunft

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Kinder und Jugendliche in der Coronakrise: In Sorge um ihre Zukunft

Bühring, Petra

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Experten der OECD fordern Unterstützungsangebote für junge Menschen, damit sie die Belastungen des COVID-19-bedingten Lockdowns verarbeiten können. Psychosoziale Angebote, mehr Schulsozialarbeit, Begegnung, Bewegung und Kultur gehören dazu.

Leistungsstarke Schüler haben ebenso unter den Schulschließungen gelitten wie weniger leistungsstarke. Foto: JonoErasmus/ stock.adobe.com
Leistungsstarke Schüler haben ebenso unter den Schulschließungen gelitten wie weniger leistungsstarke. Foto: JonoErasmus/ stock.adobe.com

COVID-19 bringt auch eine Krise der psychischen Gesundheit mit sich. Geschlossene Schulen und die damit verbundene Einsamkeit, Schließungen der für studentische Nebenjobs wichtigen Branchen, Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt und Zukunftsängste treffen vor allem junge Menschen hart.

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„Datenerhebungen zeigen eine deutliche Zunahme von Depressionen und Angstzuständen bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahlen haben sich in Deutschen und einigen anderen Ländern verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht“, sagte Christopher Prinz vom OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Berlin Centre bei einer digitalen Veranstaltung mit dem Titel „Psychische Gesundheit in der Pandemie – Junge Menschen unter Druck“ am 18. Mai in Berlin.

Generell sei die Zahl der psychischen Erkrankungen während der Coronakrise in sämtlichen Bereichen angestiegen. „Diese Entwicklung ist nicht überraschend, aber das Ausmaß ist es schon“, sagte Prinz. Neben jungen Menschen hätten insbesondere Arbeitslose, psychisch kranke Menschen, Selbstständige und Frauen, vor allem Alleinerziehende, die Homeschooling und Homeoffice gleichzeitig bewältigen mussten, am meisten in der Pandemie gelitten. „Arbeiten und Lernen, das ausschließlich von zu Hause aus stattfindet, ist für alle ein gesundheitliches Risiko“, sagte Prinz.

Sozial Schwache benachteiligt

Die Schulschließungen haben Prinz zufolge das Lernen in den 37 Ländern der OECD massiv gestört – betroffen seien vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Die meisten Mitglieder der OECD gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. „Bei den meisten Kindern aus prekären Verhältnissen bleiben die psychischen Probleme unerkannt“, betonte Prinz. In der Pandemie sei der Bedarf an Hilfe enorm gestiegen, gleichzeitig aber auch die Einschränkungen bei psychosozialen Diensten.

Zu den Belastungen für junge Menschen kommt neben den Schul- und Hochschulschließungen Prinz zufolge auch hinzu, dass im Pandemiejahr 2020 praktisch keine Ausbildungsstellen verfügbar waren sowie Studenten- und Ferienjobs weggebrochen sind. „Die Politik muss jetzt dafür Sorge tragen, dass junge Menschen nicht die Schule oder Ausbildungen abbrechen“, forderte der OECD-Experte. Ein Mittel um gegenzusteuern sei beispielsweise der Ausbau niedrigschwelliger psychosozialer Angebote sowie deutlich mehr Sozialarbeit an Schulen.

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) hat eine Befragung zum subjektiven Wohlbefinden bei Abiturienten kurz vor den Schulschließungen und danach durchgeführt. „Die Jugendlichen berichteten von einem starken Abfall ihres Wohlbefindens, insbesondere diejenigen, die wenige Freunde hatten, haben stark gelitten“, berichtete Alexander Patzina vom IAB, dem Mitveranstalter der Konferenz. Leistungsstarke Schüler hätten gleichermaßen unter den Schulschließungen gelitten wie weniger leistungsstarke. Groß war und ist bei den meisten Abiturienten die Sorge um ihre Zukunft.

Auszüge aus dem Familienmonitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte Prof. Dr. Christa Katharina Spieß vor. Danach hat die Zufriedenheit in den Familien im Verlauf der Pandemie massiv abgenommen mit dem aktuell niedrigsten Punkt. Betroffen von psychischen Belastungen sind dem Monitor zufolge vor allem die Mütter und Eltern mit niedrigem Bildungsniveau. „Die Eltern machen sich in erster Linie Sorgen um die Bildung ihrer Kinder und um deren Gesundheit“, berichtete Spieß.

Aus der Schweiz berichtete die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universität Zürich, Prof. Dr. med. Susanne Walitza, von ähnlichen Studienergebnissen. Benachteiligten Familien ging es deutlich schlechter in der Pandemie, während Familien mit Haus und Garten zu Beginn mit der Situation vergleichsweise gut zurechtkamen und sogar von weniger Schulstress und besserer Schlafqualität der Kinder berichteten. „Aber auch die Mütter in diesen Familien haben irgendwann gesagt, der Stress mit Homeschooling und Homeoffice sei nicht mehr zu bewältigen“, berichtete Walitza.

Prof. Dr. Julia Asbrand, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie und -psychotherapie an der Humboldt Universität Berlin, wies auf die Versorgungsschwierigkeiten für psychisch kranke Heranwachsende hin. „Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz waren immer schon lang, und sie werden immer länger.“ Sie verwies auf Umfragen von psychotherapeutischen Berufsverbänden, die einen massiven Zuwachs an Hilfebedarf von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie aufzeigten. Die Psychotherapeutin forderte mehr niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten für psychisch belastete Kinder neben der Richtlinienpsychotherapie. Auch eine Unterstützung der Eltern sei hilfreich.

Vielfältige Anregungen gaben die Experten zu der Frage, wie Kinder und Jugendliche jetzt in den Schulen unterstützt werden können, die bei sinkenden Inzidenzzahlen zunehmend öffnen oder aber auch im Wechselunterricht bleiben. Zunächst sprach sich Wirtschaftswissenschaftlerin Spieß dafür aus, die Schulen so bald wie möglich wieder in den Regelbetrieb übergehen zu lassen. „Aus bildungs- und familienpolitischer Perspektive hilft den Kindern ein normaler Alltag enorm.“ Bei Wechselunterricht fehle eine Tagesstruktur, die Kinder erlebten diese Form des halben Unterrichts als chaotisch.

Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Walitza berichtete aus der Schweiz, wo alle Schulen seit Mai wieder geöffnet sind, dass dort jetzt versucht werde, den versäumten Schulstoff nachzuholen – zulasten der Kinder. „Da werden teils vier Klassenarbeiten in einer Woche geschrieben.“ Sie appellierte daran, „den Stress rauszunehmen, denn Schule ist viel mehr als Prüfungen“. Die Lehrer brauchten von der Politik Rückendeckung, nicht den ganzen Lehrplan durchpeitschen zu müssen.

DIW-Expertin Spieß wies für Deutschland darauf hin, dass das Aufholpaket der Bundesregierung gezielt sozial schwachen Familien zugeführt werden müsse. „Bildungsstarke Familien finden die Angebote, man muss die Hilfen aber zu denjenigen bringen, die sie wirklich brauchen.“ Ansonsten gehe die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander.

Psychotherapeutin Asbrand sprach sich für viel „Begegnung, Bewegung und Kultur“ aus, um Kinder und Jugendliche nach dem Lockdown zu unterstützen. „Sie brauchen auch die Möglichkeit, diese schwierige Zeit aufzuarbeiten“, sagte sie. Petra Bühring

Krankenkasse: Junge Menschen leiden unter der Pandemie

Mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen fühlt sich häufiger traurig oder depressiv als noch vor einem Jahr. 52 Prozent fehlt in der Coronakrise das Gleichgewicht, sie klagen über innere Unruhe. Vor allem junge Frauen sind derzeit öfter traurig – unter ihnen klagen 63 Prozent darüber. Dies sind Ergebnisse der Untersuchung „Generation Corona“ der Pronova BKK, für die 1 000 junge Menschen im Alter von 16 bis 29 Jahren befragt wurden.

Laut der Umfrage finden 64 Prozent der unter 30-Jährigen ihr Leben derzeit schlechter als noch vor zwölf bis 14 Monaten. Frauen und Mädchen leiden stärker unter der Coronapandemie – für 71 Prozent hat sich das Leben negativ verändert, bei den jungen Männern sind es 58 Prozent. Unterschiede bestehen auch in den Altersgruppen: Unter den 16- bis 19-Jährigen sind 81 Prozent überzeugt, dass sich ihr Leben stark verschlechtert hat. „Die 16- bis 29-Jährigen befinden sich während der Coronakrise in entscheidenden Entwicklungsstufen. Die gravierenden Einflüsse der Lockdowns treffen sie besonders stark, wenn sie erwachsen werden, ihren Abschluss machen, den Berufseinstieg planen“, sagte Dr. med. Gerd Herold, Beratungsarzt bei der Pronova BKK. Zudem bleiben geschlossene Fitnessstudios und weniger Bewegung nicht ohne Folgen. 60 Prozent der unter 30-Jährigen geben an, ihre körperliche Fitness habe in der Coronakrise gelitten. 58 Prozent fehlen die uneingeschränkten sportlichen Aktivitäten in der Gruppe sehr. Auch Rückenbeschwerden sowie ungesunde Ernährung haben bei 42 Prozent der Befragten zugenommen. EB

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