ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Josef Friedjung (1871–1946): Psychoanalyse und Kinderheilkunde

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Josef Friedjung (1871–1946): Psychoanalyse und Kinderheilkunde

Goddemeier, Christof

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Josef Friedjung im Alter von etwa 50 Jahren Foto: picture alliance/ IMAGNO ÖNB
Josef Friedjung im Alter von etwa 50 Jahren Foto: picture alliance/ IMAGNO ÖNB

Vor 150 Jahren wurde der österreichische Kinderarzt und Politiker Josef Friedjung geboren. Bereits zu Beginn seiner kinderärztlichen Tätigkeit nahm er die kindliche Psyche in den Blick.

Auf einer ihrem Gegenstand angemessenen, sachlichen Sprache besteht Josef Friedjung in seinen Schriften. Doch in der Auseinandersetzung mit Kollegen ist gelegentlich eine leise Ironie spürbar. Bereits zu Beginn seiner kinderärztlichen Tätigkeit nahm er die kindliche Psyche in den Blick. Als einer der ersten suchte er psychoanalytische Erkenntnisse in der Kinderheilkunde anzuwenden. Die Psychoanalyse von Erwachsenen bereicherte er durch direkte Beobachtungen an Kindern und bestätigte damit, was die frühe Psychoanalyse nur durch Rekonstruktion erschlossen hatte, etwa die frühkindliche Sexualität. Dabei sah er sich als „dankbare[n] Schüler Sigmund Freuds“. Bis 1935 veröffentlichte Friedjung etwa 150 Arbeiten in verschiedenen Fachzeitschriften. Sie sind auch heute gut lesbar und zeugen von einer freundlichen und verständnisvollen Haltung gegenüber den von ihm behandelten Kindern. Dabei stützte er sich ganz auf seine Beobachtungen und suchte Vorurteile und Befangenheiten zu vermeiden. Seit 1909 war er Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Nach dem Bruch zwischen Freud und Alfred Adler 1911 blieb Friedjung als einziger Anhänger Adlers in der Vereinigung.

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Wechsel zur Medizin

1871 wird Josef Friedjung in der Nähe von Brünn (heute Brno, Tschechien) in eine jüdische Familie geboren. Der Vater ist Gastwirt und Kaufmann, über die Mutter ist wenig bekannt. 1882 zieht die zehnköpfige Familie nach Wien, wo Friedjung seine Hochschulreife mit Auszeichnung erwirbt. In der Schule ist er mit Paul Federn und Eduard Hitschmann befreundet, die später ebenfalls zum Kreis um Freud gehören. Nach dem Militärdienst studiert Friedjung zunächst Klavier und Komposition, doch nach dem Tod des Vaters wechselt er aus ökonomischen Gründen zur Medizin. 1895 wird er promoviert, beginnt seine fachärztliche Ausbildung in Berlin und setzt sie in der Wiener Allgemeinen Poliklinik fort. Danach arbeitet er im „I. Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut“. 1905 heiratet er Johanna Neumann, die Tochter des Operettenkomponisten und Librettisten Alexander Neumann.

Den ersten Weltkrieg verbringt Friedjung in verschiedenen Spitälern in Wien und an der Front im Krieg mit Serbien. Ab 1919 leitet er Kinderambulatorien, 1920 habilitiert er sich an der Wiener Universität unter anderem mit den Schriften „Die Pathologie des einzigen Kindes“ und „Erlebte Kinderheilkunde – eine Ergänzung der gebräuchlichen Lehrbücher“. Er hält Vorlesungen an der Wiener Universität und betreibt eine gut gehende Privatpraxis.

Kindliche Sexualität im Fokus

Über Federn, Hitschmann und den Kinderarzt Max Kassowitz kommt Friedjung mit Freud in Kontakt. Der gewinnt Friedjung für die Psychoanalytische Gesellschaft. 1909 hält er dort seinen ersten Vortrag zum Thema „Was kann die Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung erwarten?“. Mit kindlicher Sexualität beschäftigt Friedjung sich schon vor seinem Eintritt in Freuds Kreis, doch eher mit den Schwerpunkten Aufklärung und Erziehung. In „Beobachtungen über kindliche Onanie“ (1912) findet er, dass Onanie im Kindesalter „außerordentlich verbreitet“ sei, und dass man sie in den ersten Lebensjahren meistens übersehen habe. In seiner Schrift „Die kindliche Sexualität“ konstatiert er, dass die Sexualität des Kindes für Pädagogen und Kinderärzte ein „Buch mit sieben Siegeln, nein, eine unbekannte Tatsache“ sei. Selbst in neueren Lehrbüchern und Arbeiten über Kinderpsychologie, etwa Karl Bühlers „Die geistige Entwicklung des Kindes“ (1921), komme das kindliche Triebleben nicht vor. Kindliches Sexualleben werde nur als „vorzeitige geschlechtliche Betätigungen (…) nach der Art der Erwachsenen“ behandelt, und die Gerichtsmedizin beschäftige sich mit dem Kind als Sexualobjekt Erwachsener. Friedjungs Fazit: „Das Kind selbst aber gilt als asexuell.“ Beobachtungen, die dem widersprechen, werden ihm zufolge häufig im Ton moralischer Entrüstung oder der Niedergeschlagenheit mitgeteilt, etwa H. Hirschsprung, der seine „Erfahrungen über die Onanie bei kleinen Kindern“ (1886) als „nützliche, wenn auch traurige Kenntnis“ vermittle. Für Friedjung besteht dagegen kein Zweifel, dass Onanie im Kindesalter häufig und ein sexueller Vorgang ist. Freud hatte das geschlechtliche Triebleben weiter gefasst als bis dahin üblich, und alle lustbetonten Befriedigungen, die nicht der Fortpflanzung dienen, darunter gefasst. Friedjung zufolge führen diese „Partialtriebe“ beim Kind ein „selbstständiges Leben“, in Anlehnung an Freuds Terminus bezeichnet er das normale Kind als „potenziell polymorph-pervers“. Demnach kann dem Kind „jede Stelle seines Körpers zur Vermittlerin von Lustempfindungen werden“. Erektionen findet Friedjung bereits bei jungen Säuglingen. Doch fehlen ihm zufolge hier Ejakulation und sexuelle Fantasien. Er legt den Schwerpunkt auf das „Gewohnheitsmäßige, nach Wiederholung verlangende, beim Säuglinge oft fast zwanghafte, zweifellos lustvolle Tun“. Im Unterschied etwa zu Albert Moll ist Friedjung überzeugt, dass auch junge Kinder einen Orgasmus haben können.

Eltern aufklären und beruhigen

Was bedeuten diese Erkenntnisse für Erziehung und ärztliche Tätigkeit? Carl Gustav Jung forderte, dass Erziehende lernen, Kinder so zu sehen, wie sie sind, und nicht so, wie sie sie zu haben wünschen. Mit anderen Autoren findet Friedjung keine nennenswerten Folgen der kindlichen Onanie. Daher gehe es vor allem darum, Eltern aufzuklären und zu beruhigen. Mit Jung plädiert er dafür, bei der Erziehung „den Entwicklungslinien der Natur“ und nicht „toten Vorschriften“ zu folgen. Dabei erteilt er sowohl einem Übermaß an Zärtlichkeit als auch der Unterdrückung autoerotischer Betätigung eine Absage. „Ängstliches Gehabe“ leiste einem übersteigerten Narzissmus Vorschub und verhindere das Aufkommen sozialer Gefühle. „Jede Drohung, Einschüchterung, Belastung des Gewissens“ sind schädlich und sollten unbedingt vermieden werden (1926). Eine Pädagogik, die psychoanalytische Erkenntnisse zur Sexualität integriert, stützt sich auf diese Grundforderungen an Erziehende: Sie sollen das Kind erkennen, wie es ist. Und sie sollen sich beständig in Selbsterkenntnis und -erziehung üben: „Alle Erziehung wirke mit Liebe und gütigem Verstehen!“ Werner Villingers Forderung, man müsse „die Schlange der Onanie abwürgen“, sind für Friedjung „die Sprache eines Eiferers, nicht die eines kühlen wissenschaftlichen Denkers“. Auch Theodor Hellers Formulierung „(…) wenn sich das Seelische mit dem Körperlich-Triebhaften unedel vermischt (...)“, weist Friedjung in diesem Sinn zurück. Selbstverständlich unterscheide sich die Sexualität des Kindes von der des Geschlechtsreifen: „Im Kindesalter ist das sexuelle Triebleben noch sehr labil, jeder Teiltrieb an sich bedeutsam und noch großer Selbstständigkeit fähig, das ganze Triebbündel noch nicht wie beim normalen Erwachsenen zur Genitalorganisation unter dem Primat der Genitalzone (Freud) zusammengefasst.“ Deshalb ist der Begriff der „sexuellen Konstitution“ (Heller) für ihn „in nichts begründet und muss als verwirrend abgelehnt werden“.

In seiner Untersuchung des „Kinderselbstmordes“ findet Friedjung weder für Preußen noch für Wien eine Zunahme. In allen Statistiken überwiege das männliche Geschlecht. Zur präziseren Erfassung fordert er drei Gruppen: „(...) bis zum 10. Jahre, dann vom 11. bis zum 15. entsprechend der anbrechenden und vom 15. bis zum 20. Jahr für die vollendete Geschlechtsreife“. Nach einer Analyse der unterschiedlichen Suizidmittel von Mädchen und Jungen geht er auf Suizidfantasien und -impulse ein. Demnach ist ein kindlicher Suizidversuch sehr häufig nicht ernst gemeint, die Betreffenden suchten nicht den Tod, sondern drohten ihn lediglich an. Freud hatte konstatiert, dass der kindliche Suizid weit häufiger ein misslungener Versuch, als dass der Versuch ein misslungener Suizid sei. Weil die Stimmung von Kindern normalerweise rasch und erheblich schwanken könne, darf man Friedjung zufolge ein Kind nicht als psychisch krank bezeichnen, weil es versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert er einfühlsam, wie etwa Angst vor Bestrafung sowie kindliches und jugendliches Erleben von Verlassenheit, Verlust und unglücklicher Liebe den Wunsch zu sterben hervorrufen können.

Einsatz für Frauenrechte

Der Politiker Friedjung tritt 1899 der Sozialdemokratischen Partei bei und setzt sich für Frauenrechte, Mütter- und Kinderschutz ein. Ab 1919 ist er Mitglied in Landtagen und im Wiener Gemeinderat, 1921 gründet er die Wiener sozialdemokratische Ärztevereinigung. 1934 ist er wegen des Verdachts, Mitglied des „Republikanischen Schutzbundes“ zu sein, zehn Wochen interniert, verliert danach alle Ämter und Funktionen und nach einem Artikel in der „Arbeiterzeitung“ auch seine Lehrbefugnis an der Wiener Universität. 1938 emigriert er mit seiner Frau nach Haifa/Palästina, wo er in der Einwanderungsbehörde für Kinder und Jugendliche, als Ausbilder von Erziehern und als Psychoanalytiker arbeitet. Im Januar 1946 stirbt seine Frau, wenige Wochen später erliegt Josef Friedjung einem Herzinfarkt. Christof Goddemeier

1.
Friedjung J: Die kindliche Sexualität und ihre Bedeutung für Erziehung und ärztliche Praxis. Berlin: Verlag Julius Springer 1923
2.
Friedjung J: Über Onanie im Kindesalter. In: Zeitschrift für Kinderforschung; 31 (1926), 3, 289–92. Berlin: Verlag Julius Springer
3.
Friedjung J: Zur Frage des Kinderselbstmordes. In: Zeitschrift für Kinderforschung; 36 (1930), 4, 502–19. Berlin: Verlag Julius Springer
4.
Zaufarek S: Josef Karl Friedjung – Biografie. In: psyalpha, Wissensplattform für Psychoanalyse. Online 2010
1. Friedjung J: Die kindliche Sexualität und ihre Bedeutung für Erziehung und ärztliche Praxis. Berlin: Verlag Julius Springer 1923
2. Friedjung J: Über Onanie im Kindesalter. In: Zeitschrift für Kinderforschung; 31 (1926), 3, 289–92. Berlin: Verlag Julius Springer
3. Friedjung J: Zur Frage des Kinderselbstmordes. In: Zeitschrift für Kinderforschung; 36 (1930), 4, 502–19. Berlin: Verlag Julius Springer
4. Zaufarek S: Josef Karl Friedjung – Biografie. In: psyalpha, Wissensplattform für Psychoanalyse. Online 2010

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