ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Geschwisterbeziehungen: Eine Vielzahl interessanter Perspektiven

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Geschwisterbeziehungen: Eine Vielzahl interessanter Perspektiven

Golombek, Jürgen

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Mehr als mit jedem anderen Menschen teilen wir Lebenszeit mit Geschwistern, die von polaren Themen wie Liebe–Hass, Dominanz–Unterwerfung oder Rivalität–Solidarität durchzogen ist, aber sie bleiben immer, ob mit oder ohne Kontakt, Weggefährten, ein „unauflösbares emotionales Band“. Es gibt bisher keine einheitliche psychoanalytische Geschwistertheorie. Geschwisterbeziehungen fallen hinter der Stellung der Elternbeziehungen zurück. Lange Zeit galt die Geschwisterposition als der prägendste Einfluss, was nach Lektüre des Buches zu relativieren ist. Dieses aus einer Konferenz hervorgehende Buch versammelt verschiedene Perspektiven zum Thema Bindung und Geschwister aus Sicht der Forschung und therapeutischer Erfahrungen. Es untersucht breit gefächert die Ausgestaltung der Geschwisterbeziehungen, ob in Bezug auf Missbrauch, Fremdunterbringungen oder dem Verlust von Geschwistern, widmet sich Themen, die sonst weniger Aufmerksamkeit erhalten, wie das Verhältnis und Übernahme pflegerischer Aufgaben als Kind/Jugendlicher zu chronisch kranken Geschwisterkindern und wie Bindung und Leben davon geprägt werden.

Geschwister verbringen oft mehr Zeit miteinander als mit den Eltern. Interaktionen zwischen Geschwistern unterscheiden sich von anderen Beziehungen, da egalitärer (als die zwischen den Eltern), aber meist hierarchischer als die zu Gleichaltrigen. Kinder erproben untereinander, wie Konflikte gelöst werden können, lernen den Möglichkeitsraum kennen (wie zum Beispiel Verhandeln, Kämpfen oder Humor) – Muster, die sich häufig in späteren Beziehungen abbilden. Bei Konflikten und Beziehungen, ob im Berufsfeld oder in der Partnerschaft, werden verinnerlichte, unerledigte Konflikte mit Geschwistern, Wünsche und Abneigungen aktualisiert, wie beispielsweise Konkurrenzthemen, Zugehörigkeitsgefühle oder Fähigkeiten der Führung oder Einordnung. Das führt dazu, dass Übertragungen die Wahrnehmung von Beziehungen verzerren, die Erfahrungen mit Geschwistern die Partnerschaftsbeziehungen prägen und die Paardynamiken beeinflussen. Wer über all diese sehr interessanten Faktoren und Prozesse etwas erfahren möchte, nehme das Buch zur Hand. Die im Buch vermittelte Vielzahl an Perspektiven erweitert den Blick auf die Bedeutung von Geschwisterbeziehungen und zeigt, wie deren Bindung die Entwicklung von Persönlichkeit und Identität prägt. Der Leser wird für den Einfluss von Bindungserfahrungen zwischen Geschwistern überzeugend eingenommen und er erfährt durch den therapeutischen Bezug Anregungen für die eigene Arbeit. Jürgen Golombek

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Karl-Heinz Brisch (Hrsg.): Bindung und Geschwister: Vorbilder, Rivalen, Verbündete. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2020, 344 Seiten, gebunden, 40,00 Euro

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