ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Polyzystisches Ovar-Syndrom: Der Dieb der Weiblichkeit

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Polyzystisches Ovar-Syndrom: Der Dieb der Weiblichkeit

Sonnenmoser, Marion

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Das Polyzystische Ovar-Syndrom ist eine Stoffwechselstörung bei Frauen, die mit einem erhöhten Androgenspiegel, Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit einhergeht. Die Erkrankung ist nicht heilbar und kann zahlreiche Auswirkungen auf die mentale und psychische Gesundheit haben.

Viele Frauen mit PVOS ziehen sich zurück, sind unsicher, vermeiden Interaktionen und haben kaum Selbstvertrauen. Foto: astrosystem/ stock.adobe.com
Viele Frauen mit PVOS ziehen sich zurück, sind unsicher, vermeiden Interaktionen und haben kaum Selbstvertrauen. Foto: astrosystem/ stock.adobe.com

Das Polyzystische Ovar-Syndrom (auch Polyzystisches Ovarial-Syndrom, polycystic ovar syndrome, PCO-Syndrom, PCOS, Stein-Leventhal-Syndrom) ist eine der häufigsten Stoffwechselstörungen der Frau. Etwa fünf bis zwölf Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter (in Deutschland: circa eine Millionen Frauen) sind davon betroffen. Das PCOS wird durch verschiedene pathogenetische Mechanismen ausgelöst, ist nicht heilbar und verursacht einen erhöhten Androgenspiegel, Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit. Charakteristische Symptome und Folgen sind zum Beispiel polyzystische Ovarien, Übergewicht und Adipositas, Insulinresistenz, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Diabetes mellitus Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das äußere Erscheinungsbild kann von Haarausfall, männlicher Körperbehaarung und Akne geprägt sein. Die Symptome sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. Oft wird das PCOS erst bei unerfülltem Kinderwunsch entdeckt. Die Behandlung erfolgt meist durch Gynäkologen und Internisten therapeutisch und präventiv mithilfe von Hormonen (zum Beispiel Kontrazeptiva mit antiandrogener Wirkung), Medikamenten (zum Beispiel Metformin), Nahrungsergänzungsmitteln (zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D), vermehrter körperlicher Aktivität, Gewichtsabnahme und Lebensstilumstellung. Damit sollen unter anderem Fertilität und Insulinresistenz verbessert und metabolische Veränderungen normalisiert werden.

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Körperliches Unbehagen

Auf den ersten Blick scheint das PCOS eine Erkrankungen mit vorwiegend körperlichen Symptomen und Folgen zu sein. Studien aus jüngerer Zeit zeigen jedoch, dass es auch zahlreiche Auswirkungen auf die mentale und psychische Gesundheit haben kann.

So empfinden viele Frauen mit PCOS laut einer italienischen Studie Unbehagen gegenüber ihrem Körper und lehnen ihn ab. In einer schwedischen Studie beschreiben einige Frauen ihren Körper beispielsweise als Missbildung, Schande, Joch oder Gefängnis, vor allem wegen der männlichen Körperbehaarung. Sie schämen sich für ihren Körper, fühlen sich ihm ausgeliefert und empfinden sich nicht als vollwertige Frauen, sondern unweiblich, weil sie aufgrund der Körperbehaarung, einer unregelmäßigen oder ausbleibenden Monatsblutung und Unfruchtbarkeit nicht dem gesellschaftlichen Ideal einer Frau entsprechen. „Sie fühlen sich vom PCOS um ihre Weiblichkeit betrogen“, sagt die Psychologin Prof. Dr. Celia Kitzinger an der Cardiff University (GB).

Neben der Körperbehaarung tragen auch Akne und Übergewicht dazu bei, dass die betroffenen Frauen sich als unattraktiv empfinden. Dies führt dazu, dass sie bei der Partnersuche gehemmt sind und in Partnerschaften oft keine erfüllte Sexualität erleben.

Viele Frauen berichten, dass manche Symptome nur schwer zu ertragen sind, zum Beispiel heftige Regelschmerzen. Zudem gestaltet sich das Halten oder Reduzieren des Körpergewichts als schwierig und einige Symptome wie Haarausfall oder männliche Körperbehaarung erfordern ständig besondere Maßnahmen wie das Tragen von Perücken oder regelmäßige Rasuren.

Risiko für psychische Störung

Das schwierige Verhältnis zum eigenen Körper hat zur Folge, dass Frauen mit PCOS sich zurückziehen, unsicher sind und sich von ihrer Erkrankung überfordert fühlen, Interaktionen vermeiden und kaum Selbstvertrauen haben. Dies beeinträchtigt nicht nur ihre sozialen, beruflichen und privaten Beziehungen, sondern mindert ihr Wohlbefinden, ihre Lebensqualität und ihre Lebenszufriedenheit.

PCOS erhöht zudem für die betroffenen Frauen das Risiko, an einer psychischen oder psychiatrischen Störung zu erkranken. So zeigen mehrere Studien einen engen Zusammenhang zwischen PCOS und Depressionen und Angsterkrankungen auf. Sie stehen in Verbindung mit dem Gefühl, minderwertig und beeinträchtigt zu sein, der Frustration darüber, sein Leben nicht wie andere führen zu können, sowie der Furcht, vielleicht niemals einen Partner zu finden oder Kinder zu bekommen.

Darüber hinaus belegen Studien aus jüngster Zeit, dass PCOS mit einem erhöhten Risiko für Zwangserkrankungen, bipolare Störungen, Essstörungen (vor allem Binge-Eating-Disorder und Bulimie), Schlafstörungen (vor allem Schlafapnoe), Schizophrenie, Stress- und Belastungssyndrome, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Suizidtendenzen und Persönlichkeitsstörungen einhergeht.

Es besteht jedoch nicht nur bei den betroffenen Frauen ein Zusammenhang zwischen PCOS und psychischen Erkrankungen, sondern auch bei deren Nachkommen und Verwandten. So konnte eine schwedische Studie, bei der die Geschwister von Frauen mit PCOS auf psychische Störungen untersucht wurden, zeigen, dass Brüder und Schwestern ein erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen haben und dass Schwestern häufiger von Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie betroffen sind. Griechische Wissenschaftler konnten zudem nachweisen, dass die Kinder von Frauen mit PCOS ein erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen haben. Ferner treten bei ihnen ADHS und PCOS häufiger auf als bei Kindern von nicht betroffenen Müttern.

Die Behandlung von PCOS erfolgt in der Regel rein medizinisch. Angesichts der hohen psychischen Belastung und dem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen, die mit PCOS einhergehen können, sollten jedoch künftig vermehrt und gegebenenfalls standardmäßig entsprechende Screenings und psychologisch-psychotherapeutische Verfahren zum Einsatz kommen. Sie können die betroffenen Frauen darin unterstützen, die Krankheit konstruktiv zu bewältigen, die Symptome zu reduzieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Dazu können zum Beispiel Coping- und Stressbewältigungsstrategien, körperliches Training, Meditations- und Entspannungstechniken, Gewichtsreduktion, Stärkung des Selbstwertgefühls, Verbesserung des Körperbilds sowie Teilnahme an Selbsthilfegruppen beitragen. Außerdem sollten die Frauen dabei begleitet werden, notwendige Veränderungen im Lebensstil vorzunehmen und sie dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren.

Das PCOS erfährt trotz seiner hohen Prävalenz und seinen zahlreichen Zusammenhängen mit körperlichen und psychischen Parametern nur relativ wenig Beachtung in der Öffentlichkeit, in den Medien und im klinischen Alltag. Daher sind viele Frauen nicht gut informiert und wissen nicht, dass sie betroffen sind. Dies kann bei den Frauen zu unnötigen Sorgen und Missverständnissen und im medizinischen Kontext zur Unter- oder Fehldiagnostik beitragen. „Ärzte verschiedener Fachrichtungen und Psychotherapeuten sollten in der Arbeit mit Patientinnen das Vorliegen eines PCOS regelmäßig überprüfen und bei der Behandlung berücksichtigen“, meint die klinische Psychologin PhD Kristen Farrell-Turner an der Carlos Albizu University (USA). Bei der Therapie ursächlicher und komorbider psychischer Erkrankungen im Kontext von PCOS ist eine multidisziplinäre Zusammenarbeit empfehlenswert. Hierbei sollte gegebenenfalls auch das verwandtschaftliche Umfeld einbezogen und präventiv behandelt werden, denn vor allem Kinder, aber auch Geschwister von betroffenen Frauen haben ein erhöhtes Risiko, bestimmte psychische Störungen zu entwickeln.

Mehr Forschung notwendig

Obwohl in den vergangenen sechs Jahren einiges an Forschungen zu den komplexen Zusammenhängen zwischen PCOS und psychischer Gesundheit (vor allem im englischsprachigen Raum) publiziert wurde, scheint dieses Fachgebiet immer noch in den Kinderschuhen zu stecken. Da noch wesentlich mehr wissenschaftliche Erkenntnisse diesbezüglich zu erwarten sind, ist es unerlässlich, weiterzuforschen, die Behandlung des PCOS entsprechend an den jeweiligen Erkenntnisstand anzupassen und die Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Marion Sonnenmoser

1.
Farrell-Turner K: Women’s health providers: Don’t forget about Polycystic Ovary Syndrome. American Psychologist 2015; 70 (1): 49–50.
2.
Kitzinger C: ‚The thief of womanhood‘: Women’s experience of Polycystic Ovarian Syndrome. Social Science & Medicine 2002; 54 (3): 349–61.
3.
Pfister G: ‚It’s not very feminine to have a mustache‘: Experiences of Danish women with Polycystic Ovary Syndrome. Health Care for Women International 2017; 38 (2): 167–86.
4.
Yin X, Ji Y, Chan CLW, Chan CHY: The mental health of women with Polycystic Ovary Syndrome: A systematic review and meta-analysis. Archives of Women’s Mental Health 2021; 24 (1): 11–27.
1.Farrell-Turner K: Women’s health providers: Don’t forget about Polycystic Ovary Syndrome. American Psychologist 2015; 70 (1): 49–50.
2.Kitzinger C: ‚The thief of womanhood‘: Women’s experience of Polycystic Ovarian Syndrome. Social Science & Medicine 2002; 54 (3): 349–61.
3.Pfister G: ‚It’s not very feminine to have a mustache‘: Experiences of Danish women with Polycystic Ovary Syndrome. Health Care for Women International 2017; 38 (2): 167–86.
4.Yin X, Ji Y, Chan CLW, Chan CHY: The mental health of women with Polycystic Ovary Syndrome: A systematic review and meta-analysis. Archives of Women’s Mental Health 2021; 24 (1): 11–27.

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