ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Männer und Militär: Reines Gold der Psychoanalyse

BÜCHER

Männer und Militär: Reines Gold der Psychoanalyse

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Abwehr und Verwünschung waren die Reaktionen der deutschen Psychiatrie auf den fulminanten Anklageartikel des mit der begüterten jüdischen Eissler-Familie gerade noch mitemigrierten Sohnes Kurt. Dieser wuchs in den USA zu einem bedeutenden Analytiker heran. Der Titel des zornigen Pamphlets: „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“ Er warf als Gutachter und Obergutachter bei den Entschädigungsverfahren den deutschen Kollegen zornig vor, ohne Einfühlung und fixiert auf die Anlagetheorie von schweren seelischen Störungen nach Extremtraumatisierung in KZ und beim Holocaust, versagt zu haben, und dies bei der Beurteilung der Folgen des Jahrhundertverbrechens. Nicht ausdrücklich, aber doch latent spürbar auch aus übrig gebliebenem Antisemitismus.

Über lange Jahre war Eissler Armeepsychiater in den USA, untersuchte mit modernsten Methoden sowohl Veteranen wie Rekruten bei deren erbarmungsloser Zurichtung zu fast empfindungslosen Killermaschinen. Später war er in New York Lehranalytiker und kreativer Erfinder von therapeutischen Variationen für Traumatisierte, wie zum Beispiel den hilfreichen „Parameter“, im Gegensatz zur strengen orthodoxen Methode.

Anzeige

Herausragend der große Aufsatz „Prolegomena zur allgemeinen Pathologie des Soldaten mit besonderer Berücksichtigung der Ausbildungssituation“. Gnadenlos untersuchte er die fortschreitende gewollte Entmenschlichung durch die Grausamkeit und Entwürdigung durch die demütigenden Schinder. Er selbst ist in einer lastenden Zwickmühle zwischen der Anklage der US-Armee trotz ihres Mitsiegs über die grausame Wehrmacht und gleichzeitig seiner Dankbarkeit für die Beendigung der NS-Barbarei. Er betonte generell die permanente „Feindseligkeit der militärischen Umwelt“ wie die spätere schützende Verwandlung der Armee in eine sorgende harte Ersatzmutter für die Veteranen. Die angeblich bergende Kameradschaft verkommt dabei zur Solidarität der ewig rauchenden Männer in der Angst und Panik vor dem Kampfeinsatz. Im Vietnamkrieg bedeutete dies häufig den sicheren Tod, ohne dass ein stolzer Sieg das Massenopfer der Soldaten belohnte. Die Folge war im Gegenteil eine demütigende Niederlage. Bitter musste der Autor erkennen, wie unwillkommen seine riesige Leistung für die USA war.

Eine hervorragende Einführung in das 1 000-Seiten-Werk leistete der Schweizer Analytiker, Freund und zeitweise Schüler Eisslers, Mario Erdheim, indem er dessen schwierigen Lebensweg nachzeichnet, die tragischen Opfer in seiner Familie und den harten Widerwillen, noch einmal für immer nach Deutschland zurückzukehren. Ebenso scheiterte der besorgte Freund Eissler mit dem Wunsch, den Wiener Freund August Aichhorn mit rührender Dauerwerbung in die inzwischen idealisierte Heimat USA zu locken.

Das fast gigantisch zu nennende Werk gehört in alle Bibliotheken und in die Ausbildungsprogamme aller zumindest in Deutschland und Israel mit dem Militär befassten Institutionen. Bei uns wäre das auch dringend für eine späte Wiedergutmachung am Autor. Tilmann Moser

Kurt R. Eissler: Männer und Militär. Psychoanalyse der US-Armee als Institution im Zweiten Weltkrieg. Brandes und Apsel, 2021, 1 035 Seiten, gebunden, 49,90 Euro

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote