ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Psychologie und Psychotherapie in der DDR: Das Gesundheitssystem und die Macht im Staat

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Psychologie und Psychotherapie in der DDR: Das Gesundheitssystem und die Macht im Staat

Britten, Uwe

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Die Machthaber nannten die DDR (1949 bis 1990) einen „sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern“. Foto: Sina/ stock.adobe.com
Die Machthaber nannten die DDR (1949 bis 1990) einen „sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern“. Foto: Sina/ stock.adobe.com

Ein Forschungsverbund untersucht das Gesundheitswesen der DDR. Er stößt überall auf Zentralismus, Diktatur und Geheimdienstaktivitäten, stellt aber auch fest, dass es bei dieser Forschung um mehr gehen muss als nur um einen längst erloschenen Staat.

Jedes Gesundheitswesen ist eng verknüpft und tief verstrickt mit den anderen Subsystemen einer Gesellschaft, es bedient an Schnittstellen systemfremde Erwartungen. In den fünf Jahrzehnten der DDR waren die Institutionen des Gesundheitswesens mit ganz eigenen Imperativen konfrontiert, zu denen sich jeder einzelne Mitarbeiter verhalten musste.

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Dieser Verknüpfung des DDR-Gesundheitswesens mit dem Staatsapparat geht seit einigen Jahren der Forschungsverbund „Seelenarbeit im Sozialismus“ (www.seelenarbeit-sozialismus.de) nach, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der DDR-Forschung finanziert wird. Die Leitung hat Prof. Dr. phil. habil. Bernhard Strauß an der Universität Jena, beteiligt sind darüber hinaus die Universitätsmedizin Rostock, die Universität Erlangen-Nürnberg, die Universitätsmedizin Greifswald und die Fachhochschule Dortmund. Der Verbund stellte am 5. und 6. Mai auf einer Online-Tagung höchst aufschlussreiche Zwischenergebnisse vor.

Individuum, Krankheit, Staat

Um die Strukturen des DDR-Gesundheitswesens zu begreifen, ist es erforderlich, seine Gesamtanlage und seine Verwobenheit mit den politischen Institutionen zu betrachten. Diesen Part übernahm auf der Tagung PD Dr. med. Rainer Erices, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der erst einmal deutlich machte, dass es sich bei diesem Gesundheitswesen um ein zentralistisch strukturiertes Gebilde handelte, bei dem örtliche Initiativen und erst recht so etwas wie eine eigenständige Selbsthilfe nicht erwünscht waren, oft genug auch bekämpft wurden. Entsprechend hat sich das Schlagwort „Fürsorgediktatur“ eingebürgert. Patienten blieben in einer passiven, empfangenen Rolle. Dabei stand durchaus im Vordergrund, präventiv zu helfen, denn Krankheit wurde als gesellschaftsrelevant erachtet und sollte auch deshalb vermieden werden, um ein gesundes und leistungsfähiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aufzubauen.

Spätestens mit dem 10. Parteitag 1981 allerdings mussten die führenden Kader einräumen, dass das hohe Versprechen der Partei nicht einzuhalten war. Nicht nur, dass die Einfuhr von Medikamenten und Verbrauchsmaterialien eingeschränkt werden musste, beim Import der sich in rasanter Entwicklung befindlichen und dabei sehr teuren Medizinapparate herrschte ebenfalls große Not. So entstand die politische Haltung, insbesondere den Hausärzten mehr Verantwortung für die Versorgung der Menschen zu geben und jedem Einzelnen die „Pflicht“ zuzuschreiben, sich selbst (auch präventiv) mehr um seine eigene Gesundheit im Rahmen einer sozialistischen Persönlichkeit zu kümmern. In Anbetracht der all die Jahre propagierten Doktrin war das durchaus eine Bankrotterklärung.

So konstatierte Erices, ein großes Problem bei der Behebung von Mängeln und auch bei der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens sei es gewesen, dass das Gesundheitsministerium zu wenig Macht gehabt habe und die staatspolitische Doktrin zu schwerfällig gewesen sei, um anstehende Probleme zu lösen. Das paternalistische Fürsorgeversprechen des Staates war gescheitert.

Psychologisches Wissen

Dr. phil. Susanne Guski-Leinwand, Fachhochschule Dortmund, und Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Maercker, Universität Zürich, eröffneten den Tagungsteil DDR-Psychologie. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verfügte nicht nur über ein eigenes Gefängnis, sondern in Potsdam auch über eine eigene „Juristische Hochschule“, die keine offizielle Hochschule war und selbst vielen DDR-Bürgern unbekannt blieb. Hier gab es den Lehrstuhl II „Operative Psychologie“, in der zwar wenig Psychologie gelehrt wurde, dafür aber umso mehr jene Methoden, die die Stasimitarbeiter und die IM geschickt einsetzen konnten, um unerwünschte Personen unter Kontrolle zu bringen. In Ermangelung eigener Psychologen tauchten die Studierenden dieser Hochschule in den psychologischen Seminaren anderer Universitäten auf, ebenso wie Mitglieder aus der Nationalen Volksarmee (NVA). Das so vertiefte psychologische Wissen wurde im MfS und der Stasi sowie in der NVA dann angewendet. Entsprechend machten Maercker und Guski-Leinwand deutlich, dass die Psychologie immer auch ein „zerstörerisches Potenzial“ in sich trage, das etwa zur Kriegsführung beitrage, jederzeit aber auch zur allgemeinen „Gefahrenabwehr“ gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden könne. Es brauche ethische Grundsätze beziehungsweise einen eigenen Eid für Psychologen, nicht an Kriegsführung und Geheimdiensttätigkeiten mitzuarbeiten.

Holger Richter, Psychologe und Psychotherapeut am St.-Marien-Krankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie Dresden, schloss an diesen Vortrag an und betonte, dass viele der Begriffe und Methoden nicht aus der Operativen Psychologie selbst stammten, sondern aus der Geheimdienstarbeit. Er beschrieb, was die Stasi „Zersetzung“ nannte, nämlich Einzelne, Familien und frei organisierte Gruppen zu schwächen und sie nach und nach madig zu machen, damit sie sich wieder unauffällig verhielten. Entsprechend wurden Verwandtschaften, Freundeskreise und Freizeitgruppen unterwandert. Zwar waren Stasimitarbeiter, so meinte er, psychologisch auch darin geschult, wirkungsvoll etwa falsche Gerüchte zu streuen, die Methode der Zersetzung selbst allerdings stamme generell aus der Geheimdienstarbeit, nicht aus der Psychologie. So waren auch die ersten beiden Professoren am Lehrstuhl II gar keine Psychologen, sodass letztlich die Psychologie wohl eher dilettantisch angewandt worden sei. Das dürfe aber nicht zur Unterschätzung führen, denn schon Kleinigkeiten wie die Vorladung zu einem „Klärenden Gespräch“ (mit oder ohne Stasi) konnten große psychische Folgen wie generalisierte Bedrohtheit und Angst nach sich ziehen.

Dr. rer. nat. habil. Stefan Busse, Psychologe an der Hochschule Mittweida, widmete sich im Anschluss der Frage, in welchem Maße die DDR-Psychologie überhaupt über ein eigenständiges Professionalitätsbewusstsein verfügt habe. Zunächst war die Psychologie nämlich wenig anschlussfähig an die politische Doktrin, denn ein „seelenabhängiges Subjekt“ sei eher als ein „bürgerliches“ Subjekt verstanden worden, dass man sozialistisch zu überwinden habe. Aber diese Haltung wurde nach und nach verändert, da die Psychologie die Leistungsfähigkeit des Systems verbessern konnte – ohne psychisch stabile Subjekte ging das eben nicht. Es fand eine „Psychologisierung des Alltags“ statt.

Zwar blieb es bei einer starken Reglementierung psychologischer Betrachtungsweisen, dennoch wurde nun die Stärkung des Subjekts nicht zuletzt für den wirtschaftlichen Aufbau des Sozialismus für nötig erachtet. So entstand eine eigene Art der „Zweisprachigkeit“ von offizieller Verlautbarung und kritischen Darstellungen in Nischen. Der Grad der Professionalität blieb aber immer eingeschränkt und war von zu vielen doktrinären Vorgaben geprägt, die das kritische Hinsehen und die Selbstreflexion verhinderten. So existierten in der DDR weder eine eigene Berufsordnung für Psychologen noch waren die Psychotherapeuten in einem eigenen Berufsverband organisiert.

Speziell der Psychotherapie waren zwei Vorträge gewidmet, die beide ihren Ausgang von persönlichen Erfahrungen nahmen: Zunächst berichtete die Psychoanalytikerin Annette Simon, daran anschließend Prof. Dr. med. Michael Geyer, Leipziger Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin.

Psychotherapie mit Vorsicht

Annette Simon begann ihren Bericht mit Schilderungen aus der eigenen frühen Berufsphase und schilderte Schwierigkeiten bei der (nicht freien) Themenwahl für Abschlussarbeiten und Dissertationen sowie bezüglich der Forschungsmethoden, wenn etwa bei Fragebogenuntersuchungen die Teilnehmenden aus Angst nicht ehrlich antworteten. Aber auch die Ausbildung der Psychologinnen und Psychologen war wenig von Vertrauen und Transparenz geprägt, wenn etwa die Selbsterfahrung so institutionalisiert war, dass die Teilnehmenden über einen Zeitraum von zehn Tagen in einem abgeschlossenen Setting untergebracht waren und dabei allen klar war, dass die Stasi Mitarbeiter eingeschleust hatte.

So herrschte in der psychotherapeutischen Arbeit immer eine große Vorsicht in den eigenen Äußerungen, denn sowohl die Therapeutin als auch der Klient konnten immer auch IM sein, sodass Psychotherapie ein zaghafter Prozess für beide war, um herauszufinden, was in den Stunden gesagt werden konnte und was lieber nicht. Es war immer „ein Leben (und Arbeiten) in Angst“. Deshalb blieb die Psychotherapie weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Michael Geyer, immerhin Professor schon zu DDR-Zeiten, berichtete ebenfalls zunächst über seine Erfahrungen mit der Staatsführung und den Erwartungen der Stasi an ihn, betonte im Anschluss aber – teilweise konträr zu Simon – auch die eben doch bestehenden Möglichkeiten innerhalb des Systems, wenn es beispielsweise einen freien Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungen gegeben habe und nicht erst nach ihrer Finanzierung gefragt worden sei. Er reklamierte, es habe durchaus eine gewisse Freiheit innerhalb des „therapeutischen Raumes“ gegeben, sodass selbst Personen, denen vom repressiven Apparat stark zugesetzt wurde, in der Psychotherapie eine Nische finden konnten. Er nannte das die „Subversivität“ der psychotherapeutischen Arbeit. Doch auch er versäumte nicht, die Repressionen und Überwachungen zu benennen: Bei einem Prozent der Patientinnen und Patienten habe man mit IM zu tun gehabt, auch die Verwanzung von Therapiezimmern habe man stets in Erwägung ziehen müssen.

Zwischen diesen beiden Referenten, aber dann auch in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr der Blick auf die DDR von den jeweiligen Positionen abhängig ist. Bei Personen mit DDR-Erfahrungen hängt die Bewertung stark vom Alter der Beteiligten und ihren damaligen beruflichen Stellungen ab.

Psychiatrische Kliniken

Mit insgesamt vier kürzeren Beiträgen wurde auf der Tagung auch die psychiatrische Versorgung abgebildet. Die frühe Phase der DDR-Psychiatrie war von biologistischen Annahmen à la Pawlow geprägt, wie Prof. Dr. med. Ekkehard Kumbier, Universitätsmedizin Rostock, referierte. Spätestens Mitte der 70er-Jahre bekam aber auch das Konzept der Therapeutischen Gemeinschaft eine größere Bedeutung und vermittelte damit einen eher demokratischen Ansatz. Die Psychiatrie konnte mithin Nischen schaffen. Einig war man sich auf der Tagung, dass die Psychiatrie mit ihren Kliniken keinesfalls generell einem systematischen politischen Missbrauch unterlag, anders als in der UdSSR.

Prof. Dr. med. Maike Rotzoll, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, gab einen Einblick in die psychiatrische Entwicklung in beiden deutschen Staaten nach 1945 und darin, wie sie sich nach der NS-Diktatur entwickelt hatten. Zunächst gab es viele Parallelen, wenngleich die Hinwendung im Westen zur Psychoanalyse in der DDR nicht mitvollzogen wurde, obwohl Rotzoll unterstrich, dass letztlich in beiden Staaten die Tendenzen hin zur individuellen Psychotherapie entgegen einem reinen Biologismus nicht aufzuhalten gewesen seien. In der DDR allerdings habe die Psychiatrie ein hohes „Beharrungsvermögen“ gezeigt.

Dr. phil. Christof Beyer, ebenfalls Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg, steuerte Beobachtung speziell zur „Reformpsychiatrie“ bei, insbesondere die Ansätze zur Gemeinde- oder Sozialpsychiatrie. Auch diese Konzepte allerdings setzten sich letztlich kaum durch, was auch an den fehlenden finanziellen Ressourcen lag. Sein Schwerpunkt lag auf dem Austausch der DDR- und BRD-Sozialpsychiatrie, wie sie sich im Westen insbesondere mit dem Namen Karl Peter Kisker in Hannover und Klaus Weise und Achim Thom in Leipzig verbindet.

Obwohl es auch sonst zu den Einzelprojekten des Forschungsverbundes gehört, Interviews mit Zeitzeugen zu führen und auszuwerten, war es auf der Tagung die Aufgabe von Thomas Müller, Leiter des Psychiatriemuseums in Leipzig, die Zeitzeugengespräche im psychiatrischen Kontext vorzustellen. Auch er betonte, dass die psychiatrischen Strukturen durchaus viele Nischen boten, wenngleich die ambulanten Strukturen eher nicht bestanden oder sehr schlecht ausgestattet waren. Selbsthilfegruppen bildeten sich gleichwohl informell, andere existierten als „Patientenclubs“.

So bestand am Ende der Tagung weitgehend Konsens darin, dass der psychiatrischen wie auch der psychotherapeutischen Versorgung in der DDR mit einem offenen Blick für Differenzierungen begegnet werden muss. Eine Bewertung allein aus einer Westsozialisation mit ihren vorbestehenden Wertsetzungen wird von Personen, die selbst über DDR-Erfahrungen verfügen, abgelehnt.

Sensibel für Vereinnahmungen

In zwei weiteren Punkten waren sich die Referentinnen und Referenten außerdem einig: Zum einen betraf das die Betonung, nach den DDR-Jahrzehnten im vereinten Deutschland endlich eine freie fachliche Diskussion jenseits staatspolitischer Vorgaben führen zu können, was als großer Zugewinn erlebt wird. Zum anderen zeigte sich, dass gerade die Personen mit DDR-Erfahrungen sehr sensibel auf politische Vereinnahmungen oder auch Restriktionen aus dem Gesundheitswesen selbst reagieren, wenn etwa unter den Vorgaben höherer wirtschaftlicher Effizienz Klientendaten in großem Maßstab weitergegeben werden müssen. So wurde die Frage aufgeworfen, ob sich nicht viel mehr Psychologen dem VSDM-(Versichertenstammdatenmanagement-)System verweigern müssten, auch wenn sie dafür auf Teile ihres Honorars verzichten müssten.

Es ginge, auch darin waren sich alle Referierenden einig, in den Forschungsvorhaben nicht allein darum, die diktatorischen Strukturen eines untergegangenen Staatssystem zu untersuchen, sondern vor diesem Hintergrund Konturen zu gewinnen, die auch sensibel machten für das heutige gesamtdeutsche Gesundheitssystem und seine (wirtschafts)politischen Imperative. Dann, so könnte man hinzufügen, müsste auch über Renditeerwartungen in Gesundheitskonzernen und über andere Bereicherungen im Rahmen von Gesundheitsleistungen gesprochen werden. Uwe Britten

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