ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Selbstheilungskräfte: Wertvoller Beitrag gegen gesundheitsschädliche Gewohnheiten

BÜCHER

Selbstheilungskräfte: Wertvoller Beitrag gegen gesundheitsschädliche Gewohnheiten

Kettler, Richard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Beim Essen interessiert mich der Magen ebenso wenig wie beim Denken das Hirn. (anonym)

Der Autor hatte sich auch schon vor dieser Publikation aus seinem ausgewiesenen Kompetenzbereich der Hirnfunktionen in das unwegsame Gelände der Gesundheitsphilosophie begeben. Es ergeht ihm dabei wie vielen Spezialisten, die ihre Expertise in einem Teilgebiet auf ein komplexes Ganzes übertragen, ohne jedoch ihr Paradigma zu ändern. Der Mensch funktioniert nicht wie sein Hirn. Und „Gesundheit“ gleicht eher einem Chamäleon als einem neurologischen Schaltkreis.

Anzeige

Und wer gar das seltene Gut der Liebe als verfügbares Heilmittel verordnet, darf sich nicht wundern, dass die Enttäuschung der Hoffenden auf dem Fuße folgt, wenn auf dem Beipackzettel weder die Verabreichungsform noch die Dosis „dreimal täglich“ angegeben sind.

Dem ärztlichen Leser fällt auf, dass der Autor mit seiner verlockenden Botschaft zur Selbst-Heilung offenbar darauf achtet, sich nicht auf die Erfahrungen der ganzheitlich denkenden, psychosomatischen Medizin zu beziehen. Er meidet auch deren Begrifflichkeit. Die hier beschriebenen Sachverhalte sind dort durchaus bekannt. Er hätte sonst eine uralte, ärztliche Erfahrung teilen können, wonach es bei dem Hilfe suchenden Kranken zu „kränkenden“ Enttäuschungen kommen kann, wenn er, dem Versprechen auf Heilung vertrauend, schließlich doch nur auf sich selbst zurückverwiesen wird. Will er vielleicht nicht „Heilkunst“ sein?

Auch der erfahrenste „Physicus“ ist noch kein „Arzt“. Der Hirnphysiologe Hüther könnte jedoch mit seiner naturwissenschaftlichen Expertise einen wertvollen Beitrag leisten für die psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung von gesundheitsschädlichen Gewohnheiten und Einstellungen. Die von ihm so genannten „Vorstellungen“ und deren Krankheitsfolgen führt er auf „Lieblosigkeit“ im Umgang mit sich selbst und mit anderen zurück – deutet aber an, mit diesem Begriff selbst nicht ganz glücklich zu sein. Im Gehirn fänden sich – was hier nicht zu bewerten ist – Entsprechungen in Form von Erregungsmustern, die er „Inkohärenzen“ nennt. Ein solcher Befund könnte in einem therapeutischen Kontext eine unterstützende Wirkung auf Therapeut und Patient entfalten, denn beide müssen sich bei ihrem Bemühen in Geduld üben in einer Zeit, in welcher es auf Geschwindigkeit ankommt – eben eine dieser krank machenden „Vorstellungen“. Und seinem Körper gesteht der Patient mit seinen Schuldgefühlen vielleicht mehr Zeit für eine Umstellung zu als sich selbst und seinen guten Absichten. Wünschenswert wäre es, wenn der Autor diesen „psychosomatischen Gesichtspunkt“ in einer nächsten Ausgabe berücksichtigen würde. Richard Kettler

Gerald Hüther: Lieblosigkeit macht krank. Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden. Herder Verlag, Freiburg 2021, 176 Seiten, gebunden 18,00 Euro

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote