ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Ambulante Versorgung psychisch Kranker: Therapie ohne Raster

EDITORIAL

Ambulante Versorgung psychisch Kranker: Therapie ohne Raster

Bühring, Petra

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Der „Bundesminister für Durcheinander“, wie er vor Kurzem im Tagesspiegel bezeichnet wurde, hat wieder zugeschlagen. Jens Spahn (CDU) sorgte unter den Psychotherapeuten für heftige Aufregung. Dann kam der Koalitionspartner zu Hilfe. Die SPD-Bundestagsfraktion hat dem umstrittenen Vorschlag von Spahn zur sogenannten Rasterpsychotherapie nicht zugestimmt. Damit ist der Änderungsantrag 49 zum Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) vom Tisch. „Auch wir halten den Vorschlag nicht für zielführend im Sinne der Versorgung der Patientinnen und Patienten, und haben einen solchen Eingriff in die Therapiefreiheit abgelehnt“, schreibt Bärbel Bas, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD für Gesundheit, auf Twitter.

Der Aufschrei war groß. Auf Twitter gibt es ein eigenes Hashtag #Rasterpsychotherapie. Eine Petition auf der Plattform change.org verzeichnete 180 000 Menschen, die die sofortige Streichung des Änderungsantrags 49 zum GVWG fordern. Der Antrag wurde kurzfristig via Omnibusverfahren quasi in ein Gesetz eingeschleust, ohne eine Anhörung von Experten zu ermöglichen. Danach sollte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bis Ende 2022 überprüfen, „wie die Versorgung von psychisch kranken Versicherten bedarfsgerecht und schweregradorientiert sichergestellt werden kann“. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) sah darin drohende Eingriffe in die Therapiehoheit der Psychotherapeuten mittels bürokratischer Vorschriften. Sollte künftig eine solche Versorgung nach groben Rastern treten, die festlegen, wie lange ein Patient je nach Erkrankung behandelt werden darf, so stelle dies das Ende qualitativ hochwertiger und am Individuum orientierter Versorgung dar. Auch ein Bündnis der größten psychotherapeutischen Berufsverbände, die nach eigenen Angaben zusammen rund 30 000 Psychotherapeuten vertreten, wandte sich gegen die „Rationierung von Leistungen ambulanter Psychotherapie“. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnte (KBV) die geplanten Änderungen ab. Sie forderte den Gesetzgeber auf, die Pläne fallen zu lassen und zunächst die Auswirkungen der vergangenen und aktuellen Strukturänderungen zu analysieren, bevor weitere Anpassungen vorgenommen werden. So ist der G-BA gerade dabei, Regelungen für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung, insbesondere für schwer psychisch kranke Menschen mit komplexem Versorgungsbedarf, zu treffen. Die KBV stellt klar, dass sie alle Vorhaben, bei denen in die Therapiehoheit der Psychotherapeuten eingegriffen werden soll, eindeutig ablehnt. Von der Wissenschaftsseite warnte Prof. Dr. phil. Cord Benecke, Universität Kassel, in einem offenen Brief (siehe #Rasterpsychotherapie) vor Einführung solch „normativer Überregulierungen“ in einem offensichtlich effizienten Versorgungssystem. Die Datenlage zeige eindeutig, dass Psychotherapie in Deutschland wirksam und nachhaltig, bedarfsgerecht und schweregradorientiert sei. Auch Patienten mit komplexen psychischen Störungen würden behandelt. Zudem weise Psychotherapie eine positive Kosten-Nutzen-Relation auf.

Der Aufschrei der Psychotherapeuten zeigte Wirkung – zum Glück. Und um bei Twitter zu bleiben: Ein „David“ schreibt: „Es wäre in Zukunft echt klasse, wenn Jens Spahn weitreichende Paragrafen, die die Psychotherapie betreffen, nicht so nebenbei in ein Gesetz hineinschmuggelt.“

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