ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2021Gerhart Hauptmann (1862–1946): Milieu- und Menschenstudien

KULTUR

Gerhart Hauptmann (1862–1946): Milieu- und Menschenstudien

Krämer, Sandra

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Gerhart Hauptmann: Bis zuletzt bleibt er ein „nicht irrezuführender Beobachter des Menschlichen und Allzumenschlichen“ Foto: picture-alliance/dpa
Gerhart Hauptmann: Bis zuletzt bleibt er ein „nicht irrezuführender Beobachter des Menschlichen und Allzumenschlichen“ Foto: picture-alliance/dpa

Frank Wedekind setzte ihm bereits zu Lebzeiten mit der Figur des Dichters Meier, der stets ein Notizbüchlein mit sich trägt, ein Denkmal. Für sein vielseitiges Werk schöpfte der Schlesier bis zu seinem Tod vor 75 Jahren aus diesem Fundus.

Man findet ihn „zwischen den Bahngleisen und an der Stelle sitzend, wo Tobiaschen überfahren worden“ ist. Er hält „das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es ununterbrochen wie etwas, das Leben hat …“ Auf insgesamt sieben Seiten zeichnet Gerhart Hauptmann 1888 minutiös das Psychogramm eines jungen Mannes, der sukzessiv in den Wahnsinn abgleitet. „Bahnwärter Thiel“ – mit seiner Ehefrau Minna, Mutter des gemeinsamen Sohnes Tobias, „durch eine mehr vergeistigte Liebe verbunden“ – gerät nach ihrem Tod „durch die Macht roher Triebe in die Gewalt“ der Kuhmagd Lene. Er verliert jegliche Entscheidungs- und Willensfreiheit, erträgt widerspruchlos deren „herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit“. Selbst der Misshandlung seines Sohnes, nach der Geburt von Lenes „kraftstrotzenden Balg“, steht er ohnmächtig gegenüber.

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Unaufhaltsame Katastrophe

Nur in der Einsamkeit seines Wärterhäuschens, das sich „in tiefer Mitternacht beim Scheine seiner Laterne“ in eine „Kapelle“ verwandelt, findet er Schutz und Zuflucht. Hier hält er Zwiesprache mit seiner verstorbenen Minna; sie erscheint ihm in seinen „stillen, hingebenden Gedanken“, aber auch in ekstatischen Visionen – „vor sich auf dem Tisch, Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die lange Nacht hindurch“. Doch Lenes Eindringen in sein „geheiligtes Land“ sowie Minnas Abwendung von ihm in einem Traum – „sie war an Thiels Häuschen vorübergekommen, ohne sich danach umzuschauen“ – zerstören die mühsam etablierte Balance zwischen brutaler Leidenschaft und spirituellem Zuspruch, zwischen Hörigkeit und Moralität. Das ebenfalls im Traum vorweggenommene Unglück – „auf einem der Bahngleise (…) etwas Schlaffes, Blutiges, Bleiches“ – tritt ein; die Katastrophe ist nicht aufzuhalten. Der nahe bei den Gleisen spielende Tobias wird von einem Schnellzug erfasst und stirbt; Lene und ihr Kind werden von Thiel im Zustand geistiger Umnachtung – „du, Minna, hörst du? (…) mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie verrecken“ – getötet. „Noch bei der Einlieferung“ in die Irrenabteilung der Charité „hielt er das braune Mützchen in seinen Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt und Zärtlichkeit“ (1).

„Novellistische Studie“ untertitelt Hauptmann seine Erzählung; damit knüpft er an traditionelle Narrativformen an, betont zugleich jedoch den wissenschaftlichen Anspruch zeitgenössischer naturalistischer Literatur.

Ist er 26-jährig mit diesem Prosatext – gefolgt von „Der Apostel“, eine ebenfalls „psychopathologische Studie“ – „als Schriftsteller in die Welt getreten“ (2), so gelingt ihm sein literarischer Durchbruch im dramatischen Metier. „Vor Sonnenaufgang – Soziales Drama“, dessen Uraufführung 1889 ihm gleich einen schlagzeilenträchtigen Bühnenskandal beschert. Dem schockierten Publikum im Berliner Lessing-Theater präsentiert sich eine – infolge unerwarteter Kohlefunde auf ihrem Hof zu Reichtum gelangt – moralisch vollkommen degenerierte Bauernfamilie im Suff. Während der permanent grölend und lallend durchs Stück taumelnde Vater lüstern nach seiner Tochter Helene grapscht, die sich – der Unentrinnbarkeit aus ihrem sozialen Milieu bewusst – ersticht, treibt Mutter Krause es munter mit deren zukünftigen Bräutigam Wilhelm. Schwiegersohn Hoffmann suhlt sich im saturierten Wohlstand, derweil seine hochschwangere Ehefrau Martha fröhlich dem Branntwein zuspricht, um vier Akte später für das Publikum lautstark vernehmbar auf der Hinterbühne ihr totes Kind zu gebären.

Spielarten elementaren Leids

Ungeschönt, brutal und drastisch bringt Hauptmann die Schicksale und sozialen Lebensverhältnisse seiner Protagonisten auf die Bühne; kaum eine Spielart elementaren Leids spart er aus. Sein Figurenarsenal umfasst gleichermaßen Bauern, Knechte und Mägde wie Gutsherren, Kommerzienräte und Pastoren; Arbeiter wie Fabrikanten, Waschfrauen wie Dienstmädchen, Fuhrleute wie Amtsvorsteher, Handwerker wie Künstler, Klein- wie Großbürger, aber auch mythische und historische Heroen. Das Theater ist für ihn die „größte Dichtungsform“; wird doch „alles Leben dramatisch gelebt. Es gibt kein irgendwie geartetes menschliches Hirn, das nicht sein Drama in sich herumtrüge“ (3). Und so werden immer wieder „Episoden aus dem großen Epos des eigenen Lebens vom Gegenwartsbewusstsein dramatisch geformt“ (4).

Bahnwärter Thiel in einer Aufführung am Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Armin Petras), Premiere des Stücks am 17. November 2012. Fotos: picture alliance/ Eventpress Hoensch
Bahnwärter Thiel in einer Aufführung am Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Armin Petras), Premiere des Stücks am 17. November 2012. Fotos: picture alliance/ Eventpress Hoensch

Epos des Lebens

Als jüngstes von vier Kindern wächst Hauptmann in Ober-Salzbrunn auf. Das elterliche Hotel „Zur preußischen Krone“, wo polnische und russische Adlige logieren, vermittelt ihm einerseits den Flair höfischen Lebens, zugleich jedoch „mit seinen Welten unterm Saal“ die „drängende Armut der Hintertreppe“ (5). Die Erzählung vom Großvater, „ein armer Weber“, der „in jungen Jahren hinterm Webstuhl gesessen“ (6) ist, legt bereits in seiner Kindheit den „Keim“ (7) für sein bekanntestes Werk, in dem ein ganzes Kollektiv von Unterdrückten die Bühne bevölkert. 1877 müssen die Eltern wegen erbrechtlicher Verpflichtungen das Hotel aufgeben, ihr Sohn Gerhart die Realschule in Breslau ohne Abschluss verlassen. Auf dem Gutshof seines Onkels in Lohing und später in Lederose findet der 16-jährige eine Anstellung als Landwirtschaftsgehilfe. Die Skizzen, die er von den auf dem Feld arbeitenden Menschen zeichnet, reifen später in seinen im ländlichen Milieu spielenden Dramen wie „Hanneles Himmelfahrt“ (1893) oder „Rose Bernd“ (1903) zu dramatis personae. 1880 schlägt Hauptmann mit seinem Eintritt in die Königliche Kunst- und Gewerbeschule Breslau eine neue Laufbahn ein – 1884 fortgesetzt durch ein Zeichenstudium an der Sächsischen Königlichen Akademie der Künste Dresden und Bildhauerei in Rom – und zugleich ein neues Kapitel seiner Milieustudien auf. Lehrer und Studienfreunde werden Modell stehen für seine in Künstlerkreisen spielende Komödie „Kollege Crampton“ (1891), das Familiendrama „Michael Kramer“ (1900) sowie sein Glashüttenmärchen „Und Pippa tanzt“ (1906). „Wissen um die menschliche Psyche“ (8) erwerben, das kann der Dichter 1888 während seines Aufenthaltes in Zürich bei August Forel, Direktor der Irrenanstalt Burghölzi. Die „hauptsächlichsten Formen des Irreseins“ betrachtet er hier, stets „mit dem Notizbuch in der Hand“: von der Paranoiakranken, die sich für die „natürliche Tochter Friedrich III.“ hält, über die getanzten „Exaltationen“ einer „maniakalischen Frau“, die ihn an die Euripidischen „Bakchen“ erinnern, bis hin zu den an Lues erkrankten Patienten, die im „Zustand der Paralyse“ ihm die Krankheit in „seiner ganzen Grausigkeit“ (9) vor Augen führen. Jahre später werden „Fuhrmann Henschel“ (1898), Vater Scholz in „Das Friedensfest“ (1890), „Gabriel Schilling“ (1912) und Sir Archie in „Winterballade“ (1917) – vom Wahn Getriebene – die deutschsprachigen Bühnen betreten.

Metier: Schriftstellerei

Ein Panorama großstädtischer Lebensformen – sinnbildlich verteilt vom Dachgeschoss bis hinunter ins Parterre in einer von den titelgebenden „Ratten“ zerfressenden Berliner Mietskaserne – eröffnet sich dem Theaterbesucher 1911. Stockwerkweise wird berlinert, in akzentfreiem Hochdeutsch gesprochen, in prätentiöser Bühnendiktion deklamiert oder dem Rotwelsch der Gasse und Gosse gefrönt. Das Hauptstadtpflaster eingehend kennengelernt hat der inzwischen mit einer Kaufmannstochter verheiratete Hauptmann Anfang der 1890er-Jahre. Hier findet er auch zu seinem eigentlichen Metier. Theoretische Anregungen gewinnt er durch die Berliner Vereinigung junger Schriftsteller „Durch!“, in der ästhetische Fragen in Kunst und Literatur sowie der aufkommende Naturalismus diskutiert werden. Bei der praktischen Umsetzung schöpft er aus seinen Eindrücken von Personen und Landschaften, seinen Erinnerungen an Redewendungen und Gesprächsfetzen – festgehalten in einem Notizbuch, das er immer und überall mit sich trägt. Bis zuletzt bleibt er ein „nicht irrezuführender Beobachter des Menschlichen und Allzumenschlichen“ (10). Sandra Krämer M. A.

sandra.kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0621

1.
Hauptmann G: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie aus dem märkischen Kiefernforst. Berlin 1888. In: Gerhart Hauptmann. Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe zum hundertsten Geburtstag; hrsg. von Hans-Egon Hass, fortgesetzt von Martin Machatzke und Wolfgang Bungies, 11 Bände. Berlin/Frankfurt a. M. 1962 – 1974 (im Folgenden: CA); Bd. VI Erzählungen. Theoretische Prosa.
2.
Hauptmann G: Das Abenteuer meiner Jugend. Autobiografie. Berlin 1937. In: CA; Bd. VII Autobiografisches.
3.
Hauptmann G: Einsichten und Ausblicke. In: CA; Bd. VI.
4.
Ebd.
5.
Hauptmann G: Das Abenteuer meiner Jugend. Autobiografie. Berlin 1937. In: CA; Bd. VII.
6.
Ebd.
7.
Ebd.
8.
Ebd.
9.
Ebd.
10.
Baginski M: Gerhart Hauptmann unter den schlesischen Webern. In: Praschek H (Hg): Gerhart Hauptmanns Weber. Eine Dokumentation. Berlin 1980.
11.
Bernhardt R: Gerhart Hauptmann. Eine Biografie. Fischerhude 2007/Hildebrandt K; Rohlfs S (Hg): Gerhart Hauptmann. Neue Studien zu seinem Werk. Schriften des Gerhart-Hauptmann-Museums. Berlin 2014/Leppmann W: Gerhart Hauptmann. Eine Biographie. Berlin 2007/Marx F: Gerhart Hauptmann. Stuttgart 1998/Nelles J: Gerhart Hauptmann. Baden-Baden 2018/Sprengel P: Gerhart Hauptmann: Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie. München 2012/Sprengel P: Gerhart Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung. München 1984.
1. Hauptmann G: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie aus dem märkischen Kiefernforst. Berlin 1888. In: Gerhart Hauptmann. Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe zum hundertsten Geburtstag; hrsg. von Hans-Egon Hass, fortgesetzt von Martin Machatzke und Wolfgang Bungies, 11 Bände. Berlin/Frankfurt a. M. 1962 – 1974 (im Folgenden: CA); Bd. VI Erzählungen. Theoretische Prosa.
2. Hauptmann G: Das Abenteuer meiner Jugend. Autobiografie. Berlin 1937. In: CA; Bd. VII Autobiografisches.
3. Hauptmann G: Einsichten und Ausblicke. In: CA; Bd. VI.
4. Ebd.
5. Hauptmann G: Das Abenteuer meiner Jugend. Autobiografie. Berlin 1937. In: CA; Bd. VII.
6. Ebd.
7. Ebd.
8. Ebd.
9. Ebd.
10. Baginski M: Gerhart Hauptmann unter den schlesischen Webern. In: Praschek H (Hg): Gerhart Hauptmanns Weber. Eine Dokumentation. Berlin 1980.
11. Bernhardt R: Gerhart Hauptmann. Eine Biografie. Fischerhude 2007/Hildebrandt K; Rohlfs S (Hg): Gerhart Hauptmann. Neue Studien zu seinem Werk. Schriften des Gerhart-Hauptmann-Museums. Berlin 2014/Leppmann W: Gerhart Hauptmann. Eine Biographie. Berlin 2007/Marx F: Gerhart Hauptmann. Stuttgart 1998/Nelles J: Gerhart Hauptmann. Baden-Baden 2018/Sprengel P: Gerhart Hauptmann: Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie. München 2012/Sprengel P: Gerhart Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung. München 1984.

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