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Digitales Impfzertifikat: Noch viele Unklarheiten

Reichardt, Alina

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Seit dieser Woche können vollständig Geimpfte einen QR-Code erhalten, mit dem sie ihren Status nachweisen können. Ausstellen sollen ihn Apotheken, ärztliche Praxen und Impfzentren. Doch die technische Infrastruktur ist dafür vielerorts noch gar nicht bereit.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn zeigte bei einer Pressekonferenz, wie das digitale Impfzertifikat in der Corona-Warn-App aussehen wird. Foto: picture alliance/dpa, Michael Kappeler
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn zeigte bei einer Pressekonferenz, wie das digitale Impfzertifikat in der Corona-Warn-App aussehen wird. Foto: picture alliance/dpa, Michael Kappeler

Seit vergangenem Freitag ist die App CovPass verfügbar. Sowohl in dieser Anwendung als auch in der Corona-Warn-App können Geimpfte, Getestete und Genesene ab dieser Woche ihr digitales Impfzertifikat speichern, um damit ihren jeweiligen Status nachweisen zu können. Apotheken, Impfzentren und auch Arztpraxen sollen die Zertifikate ausstellen.

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Ab sofort solle das Schritt für Schritt möglich sein, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) bei der Vorstellung der neuen Smartphone-Anwendung. Doch die Mehrheit der Arztpraxen hat dazu noch gar keine Möglichkeit. Verlässliche technische Möglichkeiten stehen flächendeckend voraussichtlich erst Anfang Juli bereit.

Seit Montag werden die Zertifikate für vollständig Geimpfte bereits in einigen Apotheken ausgestellt, das hatte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) bereits in der vergangenen Woche bekannt gegeben. Auch die Impfzentren in einigen Bundesländern sind einsatzbereit.

In den Arztpraxen sollen die Zertifikate jedoch aus dem Praxisverwaltungssystem (PVS) erstellt werden, um den Verwaltungsaufwand möglichst gering zu halten und händische Eintragungen zu vermeiden. Das entsprechende Update, das von der Bundesregierung finanziert wird, steht jedoch voraussichtlich erst Ende Juni flächendeckend zur Verfügung.

Viele Ärzte können noch keine Zertifikate ausstellen

Niedergelassene Hausärzte und Fachärzte könnten digitale Impfzertifikate noch nicht ausstellen, außer wenn sie in Modellvorhaben eingebunden seien, betonte Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

„Noch sind die technischen Voraussetzungen und Klarheit über genaue technische Abläufe in den Praxen nicht gegeben. Für eine flächendeckende Anwendung wird das die Voraussetzung sein“, erklärte auch der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister.

Auch in der Pressekonferenz des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters hatte es geheißen, dass die Arztpraxen spätestens Anfang Juli angebunden sein sollen. Der sogenannte Roll-out in den Praxen beginne aber sofort. Dort, wo Praxen noch keinen Zugriff auf das Software-Update hätten, gebe es eine Übergangslösung, mit der Ärztinnen und Ärzte schon jetzt Zertifikate ausstellen könnten.

Gemeint ist der sogenannte Impfzertifikatsservice des Robert Koch-Instituts (RKI). Über den Log-in ihrer jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gelangen Ärztinnen und Ärzte über eine Weiterleitung auf die vom RKI bereitgestellte Serviceseite.

Übergangslösung funktioniert nicht einwandfrei

In eine Eingabemaske können händisch die erforderlichen Daten der Impflinge – Name, Geburtsdatum und Impfstoffinformationen – eingetragen werden. Über den Server des RKI wird dann das digital signierte Impfzertifikat generiert. Der entsprechende QR-Code kann anschließend für die Patienten ausgedruckt werden. Diese können ihn mit der CovPass- oder der Corona-Warn-App einscannen und das Zertifikat so etwa in Flughäfen und Restaurants vorweisen. Der QR-Code lässt sich aber auch auf Papier als Nachweis nutzen.

Vergütung des COVID-19-Impfzertifikats
Tabelle
Vergütung des COVID-19-Impfzertifikats

Allerdings funktioniert die Brückenlösung für die Praxen offenbar bislang nicht einwandfrei. „Die Übergangslösung wurde in Brandenburg im Feldtest geprüft und wir empfehlen unseren Ärzten eher abzuwarten, bis die Funktion zum Monatswechsel über das PVS zur Verfügung steht“, erklärte Holger Rostek, Vorstand der KV Brandenburg (KVBB) auf Anfrage des Deutschen Ärzteblatts.

Wer die Brückenlösung verwenden wollte, müsse die Weiterleitung von der KV-Seite zum RKI-Server manuell einrichten. „Wenn man da etwas Falsches verstellt, kann es passieren, dass das ganze System nicht mehr funktioniert. Dafür übernimmt keiner die Gewähr“, so Rostek. Wer Computer-affin sei und schnell selbst Zertifikate ausstellen wolle, könne die Möglichkeit schon nutzen. „Den meisten Praxen wäre es aber wichtiger, jetzt impfen zu können und sich nicht mit Bürokratie zu beschäftigen“, sagt Rostek.

Die technische Infrastruktur der Impfzentren sei in Brandenburg hingegen ab heute bereits zur Zertifikatserstellung im Einsatz. Dort könnten Impflinge, die nun ihre zweite Impfung erhalten, ab sofort einen digitalen Nachweis erhalten. Wer bereits vollständig geimpft sei, erhalte den nötigen QR-Code per Post vom Impfzentrum. Doch auch das funktioniert noch nicht überall. Wo welche Anlaufstellen für Geimpfte bereit stehen, ist derzeit von Land zu Land unterschiedlich.

Im Moment könnten in den Vertragsarztpraxen sowie auch in den Impfzentren noch keine elektronischen Impfzertifikate ausgestellt werden, sagte Thomas Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Viele Softwarehersteller befänden sich derzeit noch in der technischen Entwicklung und Erprobung der Verfahren. Es müssten noch Datenschutzaspekte geklärt werden.

Auch in Hamburg dämpften die Behörden die Erwartungen. „Die technische Infrastruktur besteht derzeit noch nicht, weshalb in Hamburg derzeit noch keine digitalen Zertifikate ausgestellt werden können“, teilte die zuständige Sozialbehörde mit.

In Baden-Württemberg geben die Impfzentren zwar bereits ab dieser Woche QR-Codes an vollständig Geimpfte aus, die Arztpraxen werden die digitalen Nachweise aber erst ab Mitte Juli ausstellen können, wie das Ge­sund­heits­mi­nis­terium des Landes bekannt gab.

In Niedersachsen stünden hingegen sowohl Impfzentren als auch Arztpraxen noch in dieser Woche bereit, erklärte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Hannover. Hier sollen Impflinge das Zertifikat zudem über das Impfportal des Landes sowie über die Impfhotline ordern können.

Ähnliche Möglichkeiten sind in Bayern geplant. Hier seien die Impfzentren bereit, ab sofort bei Impfungen einen QR-Code auszugeben. Die nachträgliche Erstellung benötige hingegen noch etwas Zeit, sagte der bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­ter Klaus Holetschek (CSU). Arztpraxen sollen ab spätestens Mitte Juli digitale Zertifikate ausstellen können.

Erleichterung durch digitale Lösung für alle

Allen Geimpften eine rein digitale Lösung anzubieten, hätte für viele Beteiligte eine Entlastung sein können, kommentierte der Digitalverband Bitkom den derzeitigen Flickenteppich. „Etwa mit einem Online-Portal, auf dem anhand von Chargennummer, Name, Geburtsdatum und Impfdatum das Zertifikat beantragt werden kann“, so Bitkom-Präsident Achim Berg, „eine solche Variante sollte künftig noch zur Verfügung gestellt werden“.

Eine Umfrage des Verbandes hätte ergeben, dass unter denjenigen, die ein Smartphone besitzen und sich grundsätzlich impfen lassen wollen, 75 Prozent das digitale Impfzertifikat nutzen wollten. Berg: „Ihnen muss der Download des digitalen Impfzertifikats nun schnell und unbürokratisch ermöglicht werden.“ Alina Reichardt

Vergütung des COVID-19-Impfzertifikats
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