ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2021Geburtsmedizin: Kaiserschnitt erhöht das Risiko für Autoimmunerkrankungen doch nicht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Geburtsmedizin: Kaiserschnitt erhöht das Risiko für Autoimmunerkrankungen doch nicht

Lenzen-Schulte, Martina

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Foto: Burlingham/stock.adobe.com
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Der Verdacht, eine Sectio könne das Risiko für Autoimmunkrankheiten des Babys erhöhen, bestätigt sich nicht. Er beruht auf der Hypothese, das Immunsystem von Kaiserschnittkindern sei durch fehlenden Kontakt mit den Scheidenkeimen der Mutter beeinträchtigt. Dies ist jedoch nach wie vor umstritten.

Dass eine solche Annahme für Autoimmunerkrankungen nicht zutrifft, lässt nun eine große Längsschnittstudie aus Kanada erkennen. Die Daten von 934 873 Kindern, die zwischen 2006 und 2019 in kanadischen Geburtskliniken vaginal (73 %) oder per Kaiserschnitt (27 %) geboren wurden, sind in die Studie eingeflossen (Follow-up: 7,4 Jahre). Komplizierte vaginale Geburten mit Saugglocke oder Zange waren sogar ausgeschlossen, da diese Geburtsmodi eigene immunologische Risiken für die Kinder bergen.

Das Team um Nathalie Auger von der McGill University in Montreal/Quebec prüfte in einer Datenbank für alle Kliniken in Quebec, wie viele Kinder der beiden Kohorten bis Ende März 2020 je bis zum Alter von 14 Jahren wegen einer Autoimmunerkrankung stationäre Behandlung erhalten hatten.

Ein Vergleich zwischen Sectio und natürlicher Geburt ergab für alle Autoimmunkrankheiten zusammen keinerlei Unterschied (Hazard Ratio [HR] 1,02; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0,96–1,10). Die Sectio war weder mit einem erhöhten Risiko für eine Einweisung wegen Typ-1-Diabetes (HR 1,00; 95-%-KI 0,85–1,17), noch Zöliakie (HR 0,86; 95-%-KI 0,71–1,04) oder chronisch entzündliche Darm­er­krank­ungen (HR 1,15; 95-%-KI 0,88–1,49) assoziiert, wie etwa die Auswertung für einzelne Diagnosen ergab.

Fazit: Die Studie liefere nun Evidenz gegen die Annahme, Kaiserschnittkinder hätten eine gestörte Immunbalance, da sie der vaginalen mütterlichen Flora nicht ausgesetzt waren, so das Resümee aus Kanada.

Die Autoren schlussfolgern, dass die bisher widersprüchlichen Befunde durch eine Prädisposition der Eltern bedingt sein könnten. So erhöhe die Autoimmunkrankheit der Mutter teilweise das Risiko für eine Sectio, aber auch für eine solche Erkrankung beim Kind. Wird für solche Confounder adjustiert, verschwindet etwa die Assoziation zwischen Typ-1-Diabetes und Sectio. Dies gilt auch für andere Erkrankungen, etwa Allergien wie Asthma bronchiale.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Soullane S, Henderson M, Kang H, et al.: Cesarean delivery and risk of hospitalisation for autoimmune disorders before 14 years of age. Eur J Pediatr 26. Mai 2021, DOI: 10.1007/s00431–021–04132-w.

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