ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2021Prävention und Früherkennung: Rote Karte dem Krebs

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Prävention und Früherkennung: Rote Karte dem Krebs

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: the.epic.man/ iStock
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Trotz vieler vermeidbarer Todesfälle durch Krebs wird der Krebsprävention in Deutschland zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, betonten Experten beim Interdisziplinären Symposium „Vision Zero – die Neuvermessung der Onkologie“.

Es ist nicht trivial: Jedes Jahr erkranken fast 500 000 Menschen in Deutschland neu an Krebs, rund 220 000 sterben daran. Dabei könnten schätzungsweise 70 Prozent aller durch Karzinome verursachten Todesfälle durch einen gesunden Lebensstil, Impfungen und Früherkennung verhindert werden – wenn der Krebsprävention mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde.

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Erreichen möchte dies das Netzwerk gegen Darmkrebs e.V., das Mitte Juni gemeinsam mit Medizinischen Fachgesellschaften und Partnern aus Wissenschaft, Industrie und Politik sowie Patientenvertretungen das 7. Interdisziplinäre Symposium „Vision Zero – die Neuvermessung der Onkologie“ veranstaltete und dabei dem Krebs sprichwörtlich die Rote Karte zeigte. „Wir zücken die Rote Karte gegen Krebs und bringen alle zentralen Kräfte in Deutschland zusammen, um gegen Krebserkrankungen stärker und effizienter vorgehen zu können“, sagte Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerin in seinem Grußwort zum Symposium. Die Prävention sei im Kampf gegen Krebs elementar und müsse in den Mittelpunkt der Bekämpfung gestellt werden – gerade auch während der Corona-Pandemie.

Die Nationale Dekade gegen Krebs sei die politische Antwort auf diese Herausforderung, betonte Rachel. Es gelte möglichst viele Krebsneuerkrankungen zu verhindern, Prävention und Früherkennung zu verbessern, die Entwicklung neuer Therapien zu unterstützen sowie Forschung und Versorgung – auch digital – stärker zu vernetzen, um Forschungsergebnisse schneller zu den Betroffenen zu bringen.

Die Interdisziplinarität betonte auch Prof. Dr. med. Christof von Kalle, Chair des Berlin Institutes of Health Lehrstuhls für klinisch translationale Wissenschaften an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „‚Vision Zero‘ heißt, wir müssen jeden einzelnen Stein umdrehen und alles anschauen: den Lebensstil, die Präventionsangebote, die (frühe) Diagnostik, die Therapie, die Ursachenforschung und den Studienstandort Deutschland“, sagte er.

Vernetzung von Daten nötig

Nach seiner Ansicht braucht es insbesondere rasch eine digitale Erfassung und Vernetzung von Daten. „Wir haben derzeit keine geeigneten Strukturen in Deutschland, um Daten zu sammeln und zu analysieren, und nehmen so vielen Patienten die Chance auf Heilung“, kritisierte von Kalle. Wolle man vermeidbare Todesfälle durch Krebs tatsächlich auf null bringen, müsse man endlich die Möglichkeiten, die zur Verfügung stünden, bündeln. „Derzeit herrscht eine enorme Aufbruchstimmung“, sagte der Onkologe. Jetzt bestehe die Aussicht, Dinge zu verbessern und „nach der Pandemie auch den anderen Ärmel hochzukrempeln“.

Mit dem Symposium wolle man Menschen und Institutionen dazu motivieren, den Kampf gegen Krebs aufzunehmen und die Ursachenforschung, Präventionsangebote, diagnostische Möglichkeiten und innovative Therapiekonzepte sowie letztlich auch den Studienstandort Deutschland neu zu denken, erläuterte auch Georg Ralle von Netzwerk gegen Darmkrebs.

„Die klinische Forschung wird in Deutschland noch unterschätzt“, bemängelte Prof. Dr. med. Michael Hallek vom Universitätsklinikum Köln. Sie habe zu wenig Raum im Bewusstsein von Politik und auch der Wissenschaft selbst. „Es geht nicht nur um die Zulassung von neuen Medikamenten, sondern auch um die Optimierung von Therapien mit komplexen Fragestellungen, den Vergleich von Medikamenten und die Prüfung von Therapien im Versorgungsalltag. Wir brauchen mehr akademische Studien und mehr Wertschätzung dafür“, forderte der Onkologe. Die Universitäten benötigten ein professionelleres Management im Bereich akademischer klinischer Studien, mehr qualifiziertes Personal und bessere IT-Strukturen für die Forschung. Zudem müssten Patientenorganisationen systematisch eingebunden und deren wissenschaftliche Kompetenz gefördert werden.

„Wir brauchen eine langfristige Investition in Grundlagenforschung“, unterstrich Prof. Dr. med. Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. Die Dekade gegen Krebs könnte nach seiner Ansicht dafür ein Aufschlag sein. Denn eigentlich sei Deutschland gut in der Krebsforschung gut aufgestellt und habe positive Grundvoraussetzungen.

Defizite werden bei spezifischen Präventionsprojekten sichtbar, beispielsweise bei der Bekämpfung des Zervix-, Darm- und Lungenkrebses. Besonders viel Luft nach oben besteht nach Expertensicht noch bei der Prävention des Zervixkarzinoms: Obgleich seit mehreren Jahren ein wirksamer Impfstoff gegen das Humane Papillomavirus (HPV) zur Verfügung stehe, seien hierzulande nur rund 50 Prozent der 15- bis 18-jährigen Frauen geimpft und somit vor Gebärmutterhalskrebs geschützt, bedauerte Prof. Dr. med. Christian Dannecker aus Augsburg. „Dabei ist die Impfung hocheffektiv und verhindert zuverlässig Zervixkarzinome.“

Enormes Präventionspotenzial

„Das Potenzial der Impfung ist unglaublich. Wir müssen es nur auf die Straße bringen“, betonte auch Prof. Dr. med. Peter Hillemanns von der Medizinischen Hochschule Hannover. 90 Prozent der Zervixkarzinome und 85 Prozent der Dysplasien seien vermeidbar. Ziel muss es nach seiner Meinung sein, eine Durchimpfung und Herdenimmunität zu erzielen. In Australien, Kanada, Norwegen und Schweden sei dies durch Schulimpfungen gelungen. „Länder mit Schulimpfprogrammen erreichen hohe Impfquoten von 80 Prozent.“ Deutschland liege dagegen bei der HPV-Impfung abgeschlagen im unteren Drittel. „Das können wir unserer jungen Generation nicht antun“, so Hillemann.

Auch bei Darm- und Lungenkrebs besteht nach Expertensicht noch ein enormes Präventionspotenzial, beispielsweise durch weitere Einschränkungen der Tabakwerbung. Dr. Christa Maar, Vorstand der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Netzwerks gegen Darmkrebs e.V., betonte, dass eigentlich niemand mehr an Darmkrebs sterben müsse. Wichtig sei, die Vorsorge niedrigschwelliger zu gestalten, wie beispielsweise in den Niederlanden. Dort liegt die Teilnahmerate seit Einführung des Einladungsverfahrens mit immunologischen Stuhltest bei 70 Prozent, in Deutschland nur bei 20 Prozent.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Europas Plan gegen den Krebs

Foto: bittedankeschön/ stock.adobe.com
Foto: bittedankeschön/ stock.adobe.com

In Deutschland soll die europäische Strategie zur Krebsbekämpfung „Europas Plan gegen den Krebs“ eng mit der nationalen Gesundheitspolitik verzahnt werden. „Wir können im Kampf gegen Krebs nur besser sein, wenn wir auf europäischer Ebene zusammenarbeiten“, sagte Ilka Wölfle, Präsidentin der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung, bei der gemeinsamen Hybridveranstaltung „Den Krebs in die Zange nehmen“ des GKV-Spitzenverbandes und der Deutschen Sozialversicherung Europavertretung Mitte Juni.

„Für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) stehen dabei Prävention, Krebsfrüherkennung und Arzneimitteltherapie im Vordergrund“, erläuterte Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes. Viele Krebserkrankungen seien vermeidbar, deshalb engagiere sich die GKV in diesen Bereichen besonders. Dies gelte auch für den Ausbau der Krebsregister.

Die gemeinsame europäische Verantwortung unterstrich auch der gesundheitspolitische Sprecher der EVP-Christdemokraten im Europäischen Parlament, Dr. med. Peter Liese. „Ohne die Zusammenarbeit in Europa werden wir den Krebs nicht besiegen“, sagte er. Dies gelte insbesondere für die Bekämpfung von seltenen Krebsformen und von Krebs bei Kindern. Aufgrund einer immer spezialisierteren Behandlung im Bereich der personalisierten Medizin und von niedrigen Fallzahlen bei seltenen Erkrankungen sei eine europäische Zusammenarbeit bei der Forschung und der Therapie dringend notwendig, erklärte der Arzt. Besonderes Augenmerk müsse auf die Möglichkeit der Datennutzung für die Forschung gerichtet werden. „Wir werden sicher keine europäische Superbehörde haben, aber eine gemeinsame Forschung“, meinte er.

Helfen könnte bei den gemeinsamen Anstrengungen in der Krebsbekämpfung das inzwischen größere Gesundheitsprogramm in der EU, meinte Stefan Schreck von der Generaldirektion Gesundheit der Europäischen Kommission. Vier Milliarden Euro würden in den nächsten Jahren für Implementierung des Krebsplans aufgebracht werden, berichtete er. Die Investitionen seien gerade im Bereich der Prävention nötig. Generell brauche es jedoch Ansätze und Anstrengungen in allen Politikfeldern, um tatsächlich qualitative Verbesserungen zu erreichen, betonte Schreck.

Die Kommission der Europäischen Union (EU) hatte im Februar dieses Jahres den europäischen Plan zur Krebsbekämpfung vorgelegt. Er beinhaltet zehn Leitinitiativen, die von verschiedenen Fördermaßnahmen ergänzt werden und den gesamten Krankheitspfad von der Prävention und der Vorsorge über die Diagnostik und Behandlung bis hin zur Förderung der Lebensqualität von Krebskranken und -überlebenden sowie den Aufbau eines Krebswissenszentrums (Knowledge Centre on Cancer) auf EU-Ebene abbilden. „Europas Plan gegen Krebs“ ist Teil der avisierten Stärkung der europäischen Krebsforschung im neuen EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizont Europa“, in dem die Forschung zu Krebs einer von fünf Schwerpunkten ist. Nicht ohne Grund: Im Jahr 2020 wurde bei 2,7 Millionen Menschen in der EU Krebs diagnostiziert. Nach der COVID-19-Pandemie könnte nach Ansicht von Experten die Zahl der Krebsfälle bis 2035 schätzungsweise um 25 Prozent steigen, sodass Krebs zur häufigsten Todesursache in der EU wird. ER

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*1044#002051042682000#2712*
am Samstag, 26. Juni 2021, 14:02

"Prävention und Früherkennung" - auch bei BERUFSKREBS?

Da es sich bei BERUFKRBS um die die häufigste tödliche arbeitsbedingte, also grundsätzlich präventable und daher ärztlicherseits anzeigepflichtige (§ 202 SGB VII) Berufskrankheiten-Art handelt, hätte man diese Fakten der Ärzteschaft eigentlich nicht vorenthalten dürfen.
MedDir a. D. Dr. Müsch

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