ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2021Verschwörungstheorien und Radikalisierung: Die Motive der Leugner

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Verschwörungstheorien und Radikalisierung: Die Motive der Leugner

Bühring, Petra

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Die Bereitschaft, sich Verschwörungstheorien zuzuwenden, ist in der Coronaepidemie nicht gestiegen. Wenn es dazu kommt, stecken meist vielfältige psychologische Beweggründe dahinter.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, ist deutlich höher. Foto: picture alliance/ Jochen Eckel
Die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, ist deutlich höher. Foto: picture alliance/ Jochen Eckel

Die Anhänger von Verschwörungstheorien nehmen nicht zu, obwohl Medienberichte mitunter diesen Eindruck erzeugen. „Der Glaube an Verschwörungen liegt in Deutschland über die letzten Jahre relativ konstant bei 20 bis 30 %“, berichtete die Sozialpsychologin Pia Lamberty bei einer Veranstaltung der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Sie forscht seit Jahren unter anderem an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz dazu, warum Menschen an Verschwörungen glauben und welche Konsequenzen dieses Weltbild für die Gesellschaft hat.

Ablehnung von Wissenschaft

Zu den psychologischen Motiven hinter einem Verschwörungsglauben zählt die Expertin existenzielle Motive wie das Streben nach Kontrolle und Sicherheit. Zudem spielen soziale Motive, etwa das Zielen auf die positive Wahrnehmung des Selbst oder der eigenen Gruppe ebenso eine Rolle wie epistemische, also der Wunsch nach Verstehen und subjektiver Gewissheit. Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus und das Bedürfnis nach Einzigartigkeit begünstigen außerdem eine solche Entwicklung.

Verschwörungsglauben hat Lamberty zufolge Konsequenzen für die Gesundheit und die Gesellschaft. „Je stärker Menschen an eine Verschwörung glauben, die hinter allem steht, desto eher lehnen sie die medizinische Wissenschaft ab und wenden sich alternativen Ansätzen zu“, sagte sie. In Bezug auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie sei die Wahrscheinlichkeit, dass Verschwörungsgläubige sich nicht impfen lassen, keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und keinen Abstand einhalten, deutlich höher. Vermeintlich alternative Mittel gegen das Coronavirus wie ein als „Miracle Mineral Supplement“ verkauftes Bleichmittel hätten dabei in den USA sogar zu Todesfällen geführt.

Konsequenzen für die Gesellschaft habe dies auch aufgrund der größeren Gewaltbereitschaft und Radikalisierung. „In der Coronapandemie haben die Angriffe auf die Presse zugenommen, ebenso wie Hass und Hetze gegenüber Wissenschaftlern, insbesondere Virologen.“ Verschwörungsgläubige seien meist immun gegen jegliche Kritik, was wiederum in ihrem Denken auch den Einsatz von Gewalt legitimiere. Widerspruch in Gruppen, etwa in dem Messengerdienst Telegram, werde von Verschwörungsgläubigen meist nicht geduldet.

Die Coronapandemie mit ihren tiefgreifenden Umbrüchen stellt die Lebenswirklichkeit vieler Menschen fundamental infrage. Das gebe einigen die Möglichkeit, sich als Wissende zu inszenieren. Erzählt werde zum Beispiel, die Pandemie sei nur erfunden worden, damit sich die Wissenschaft und Pharmaindustrie daran bereichern könnten. Corona sei ein Schwindel, um per Gesetz die Freiheit der Menschen massiv einschränken zu können. Die Legitimierung von Gewalt von Verschwörungsgläubigen habe sich in der Pandemie unter anderem in den Übergriffen auf Impfzentren, dem Brandanschlag auf das Robert Koch-Institut und Morddrohungen gegen Politiker und Virologen, die strenge Coronamaßnahmen fordern, gezeigt.

Einen Zusammenhang von Verschwörungsglauben und kollektivem Wahn und psychischer Erkrankungen verneinte Lamberty: Halluzinationen seien bei Verschwörungsgläubigen eher selten, bei Menschen mit psychotischen Störungen häufig. Soziale Beeinträchtigung könne bei Verschwörungsgläubigen vorkommen, bei Menschen mit Psychosen sei dies oft stark ausgeprägt. Letztere hätten meist kein starkes Misstrauen gegen „die da oben“, Verschwörungsgläubige schon. Petra Bühring

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