ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2021Berühmte Entdecker von Krankheiten: Zollinger und Ellison gelang gemeinsam ein großer Wurf

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Zollinger und Ellison gelang gemeinsam ein großer Wurf

Schuchart, Sabine

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Ihre bahnbrechende Erkenntnis, dass schwere peptische Ulzera durch hormonell aktive Tumore des Pankreas verursacht sein können, gilt als Meilenstein der gastrointestinalen Endokrinologie. Bereits ein Jahr später etablierte sich dafür der Begriff Zollinger-Ellison-Syndrom.

Seine Freunde nannten ihn „Zolly“, auf dem Campus hatte er den Spitznamen „the Big Z“, er war respektiert bei Kollegen, gefürchtet bei Studenten, geliebt von seinen Patienten – und in den USA berühmt wie Rudolf Virchow zu seiner Zeit in Europa: Robert M. Zollinger gehört zu den großen Chirurgen des 20. Jahrhunderts, er war Präsident des American College of Surgeons und der American Surgical Association, Chairman des American Board of Surgery. Er erhielt viele Auszeichnungen und bekleidete hohe Ehrenämter. Fast alle Zeitungen von der New York Times bis hin zu den Provinzblättern brachten Nachrufe, als er 1992 starb.

In die Medizingeschichte ging Zollinger zusammen mit einem Schüler und Kollegen ein, der weniger berühmt war als er und dessen Ende tragisch verlief: Edwin H. Ellison nahm sich im Alter von 52 Jahren aus unbekannten Gründen das Leben. Da war er schon 13 Jahre lang Professor und Leiter der Chirurgie einer Universitätsklinik im Bundesstaat Wisconsin. Ellison hatte Medizin und Biochemie an der Ohio State University studiert und danach mit seinem akademischen Lehrer Zollinger in Forschung und Klinik zusammengearbeitet. Dabei hatten sie 1955 gemeinsam die Krankheit entdeckt, die bereits im Jahr danach als Zollinger-Ellison-Syndrom bezeichnet wurde. Dass das Eponym mit Zollingers Name beginnt, obwohl er im Alphabet hinter Ellison steht, lag allein an seiner Berühmtheit und höheren Stellung. Geboren am 4. September 1903 als älterer von zwei Brüdern auf einer kleinen Farm im ländlichen Ohio, fiel er schon früh durch Intelligenz, Arbeitswillen und Ehrgeiz auf. Zur fünf Kilometer entfernten Highschool in der Stadt ritt er auf seinem Pony, nachmittags spannte er es vor einen Karren und verkaufte den Nachbarn Milch und Gemüse, um zum Familieneinkommen beizutragen. Er war auch der Erste, der von seiner Highschool aufs College ging. An der Ohio State University studierte er Medizin, absolvierte im Anschluss daran Praktika in Boston und Cleveland. Dass er dort als Bauernbub aus einer Kuhstadt geschmäht wurde, stachelte seinen Ehrgeiz an, er wollte zeigen, dass er mindestens so gut war wie seine Ivy-League-Kollegen.

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Und das war er. 1932 kehrte er als Assistenzarzt nach Boston zurück, stieg 1939 zum Assistenzprofessor für Chirurgie auf und ging zwei Jahre später, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als Arzt zur Armee. Nach Kriegsende wurde er als Professor für Chirurgie an seine alte Ausbildungsstätte, die Ohio State University, berufen, wo er kurz danach an die Spitze der chirurgischen Abteilung rückte und dort fast drei Jahrzehnte wirkte. Auch nach seinem Ruhestand mit 71 Jahren blieb er aktiv, hielt weltweit Vorträge und publizierte fleißig. Er starb hochgeehrt mit 88 Jahren an – eine böse Ironie der Medizingeschichte – einem Pankreaskarzinom. Da war sein 15 Jahre jüngerer Eponym-Partner Ellison schon seit 22 Jahren tot. Aber damit endet die Geschichte der beiden nicht. 1939 hatte Zollinger mit seinem damaligen Vorgesetzten einen „Atlas chirurgischer Operationen“ veröffentlicht, ein Standardwerk, das später „Zollingers Atlas chirurgischer Operationen“ hieß. 2016 erschien die 10. Auflage des mehr als 500-seitigen Werks. Erster Herausgeber ist E. Christopher Ellison, der Sohn von Edwin H. Ellison, der lange den nach Robert M. Zollinger benannten Chirurgie-Lehrstuhl an der Ohio State University innehatte. Zweiter Herausgeber ist Robert M. Zollinger jr., der Sohn des alten Zollinger und ebenfalls emeritierter Professor für Chirurgie an der University of Arizona. Sabine Schuchart

Fotos: National Library of Medicine
Fotos: National Library of Medicine

1955 elektrisierten Robert M. Zollinger (1903–1992), Bild links, und Edwin H. Ellison (1918–1970) bei einer Versammlung der American Surgical Association ihr Auditorium: Sie schilderten zwei Fälle von 36 und 19 Jahre alten Patientinnen mit aggressiven Dünndarmulzera, Hypersekretion von Magensäure und Durchfällen. Mehr noch als die ungewöhnliche Symptom-Trias faszinierte ihre These zu deren Entstehung: Ein Inselzelltumor in der Bauchspeicheldrüse, der ein Hormon produziert, das die Salzsäureflut auslöst. Damit lagen sie richtig, wie sich wenige Jahre später bestätigte, als die chemische Struktur des Gastrins und ein Gastrin bildender Tumor als Ursache des ZES identifiziert wurden. Obwohl für viele Patienten lebensrettend, ging die Bedeutung ihrer Entdeckung weit über das Gastrinom hinaus. Sie löste weltweit eine Forschungswelle aus, die das Verständnis des Darms und des Pankreas als exokrinem Organ revolutionierte.

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