ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2021Muskuloskelettale Symptome von Kindern und Jugendlichen: Kriterien, um zwischen Arthritis und Tumor zu unterscheiden, prospektiv untersucht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Muskuloskelettale Symptome von Kindern und Jugendlichen: Kriterien, um zwischen Arthritis und Tumor zu unterscheiden, prospektiv untersucht

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: RFBSIP/ stock.adobe.com
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Circa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen haben anhaltende oder wiederkehrende Symptome im Bereich des Bewegungsapparates (zitiert nach [1]). Die Differenzialdiagnostik ist wegen der vielen Erkrankungen, die infrage kommen, komplex. Maligne Erkrankungen können symptomatisch unter anderem einer juvenilen Arthritis ähneln und werden häufig verzögert diagnostiziert. Erfolgt eine Behandlung mit Glukokortikoiden oder Immunsuppressiva wegen juveniler Arthritis, kann dies die Prognose bei Vorliegen eines Malignoms verschlechtern.

Bislang gibt es nur wenige größere prospektive Studien, die Häufigkeit und Charakteristika von muskuloskelettalen Symptomen bei pädiatrischen Malignomen erfassen und Diagnosefaktoren herausarbeiten, die zwischen Tumoren und Arthropathien wie Arthritis oder Arthralgien unterscheiden helfen.

Anhaltspunkte für eine solche Unterscheidung zu geben, war Ziel einer italienischen Studie an 25 pädiatrischen Zentren mit dem Schwerpunkt hämatoonkologischer Erkrankungen und an 22 Zentren für pädiatrische Rheumatologie (2). Es wurden 1 957 Patienten (< 16 Jahre) mit neu diagnostizierten Malignomen (n = 1 277) oder neu diagnostizierter rheumatoider Arthritis (n = 680) prospektiv rekrutiert. Unter den Tumorpatienten hatten 64 % Leukämien oder Lymphome und 36 % solide Tumoren. Die Arthritispatienten hatten zu 65 % eine Oligoarthritis, 19 % eine Rheumafaktor-negative Polyarthritis, 8 % eine systemische Arthritis und die übrigen 8 % eine Arthropathie anderer Kategorien.

25 % der Malignompatienten (n = 324) hatten muskuloskelettale Symptome, vor allem Schmerzen in Gelenken und in den Knochen der Extremitäten. Diese Beschwerden waren am häufigsten bei Knochentumoren, Langerhans-Zell-Histiozytose, Leukämien und Weichteilsarkomen. Bei 5 % der Teilnehmer mit Blutkrebs waren dies die einzigen Symptome und bei 12 % in der Gruppe mit soliden Tumoren.

Bei den Tumorpatienten mit muskuloskelettalen Beschwerden war bei 12 % zunächst eine rheumatische Erkrankung befundet worden wie transiente Synovitiden der Hüfte und idiopathische juvenile Arthritis. Neuroblastome, Langerhans-Zell-Histiozytose, Lymphome und akute lymphoblastische Leukämien waren am häufigsten als Arthritis fehldiagnostiziert worden.

Morgensteifigkeit, Symptome in Knie und/oder Knöchel, in den Handgelenken (symmetrisch) und polyartikuläre Symptome in oberen und unteren Extremitäten waren häufiger durch juvenile idiopathische Arthritis verursacht als durch Malignome. Eine multivariable Regressionsanalyse ergab, dass Knochenschmerzen in Extremitäten wiederum die am stärksten mit Malignomen assoziierte unabhängige Variable waren (Odds Ratio [OR]: 87,8), gefolgt von unbeabsichtigtem Gewichtsverlust (OR: 59,8), Thrombozytopenie (OR: 12,7), monoartikulären Beschwerden (OR: 11,3), Hüftschmerzen (OR: 3.3) und männlichem Geschlecht (OR: 2,4). Auch systemische Symptome – bis auf Rash – traten bei neoplastischen Erkrankungen häufiger auf als bei Arthritis.

Fazit: Jeder 5. Patient mit einem hämatologischen Malignom und muskuloskelettalen Beschwerden hat keines der für Leukämien oder Lymphome typischen Symptome. Die bei Tumorerkrankungen häufiger als bei Arthritis gefundenen Merkmale könnten Anhaltspunkte geben für die Differenzialdiagnose.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Muskuloskelettale Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen. AWMF-Leitlinie S2k, aktualisiert 2020; AWMF-Register 027/073.
  2. Civino A, Alighieri G, Prete E, et al.: Musculoskeletal manifestations of childhood cancer and differential diagnosis with juvenile idiopathic arthritis (ONCOREUM): a multicentre, cross-sectional study. Lancet Rheumatol 2021; https://doi.org/10.1016/S2665-9913(21)00086-2.

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