ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2021Corona-Erblast: (K)ein Ende der Pandemie

SEITE EINS

Corona-Erblast: (K)ein Ende der Pandemie

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschland lässt die Masken fallen. Vor dem Rückzug in ihre Sommerpause hat die Politik die Tore für die ersehnte Rückkehr in alte Freiheiten geöffnet. Und die aktuellen Zahlen scheinen das Vorgehen in der Tendenz zu stützen. Legislative Notaggregate wie die um einen Monat verlängerte „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ werden noch beibehalten, aber das föderale Spiel um die Höhe versammelter Hundertschaften im Freien oder in geschlossenen Räumen hat Renaissance. Die Menschen vermissen das normale Leben. Die erlittenen Einschränkungen bleiben, wie prognostiziert, finanziell und gesundheitlich nicht ohne mittel- wie langfristige Folgen. Dennoch: Ein Rest an Vorsicht, so mahnt die wissenschaftliche Fachwelt, wäre mehr als nur schön, sie ist geboten. Diese Worte in der Gesetzgebung Ohr.

Klar: Deutsches Denken ist nicht komplett, wenn nicht gleichzeitig die Debatte um Schuldzuweisungen geführt würde. Jetzt, wo die Masken fallen, spricht man darüber, wie viele in den Hochphasen der Pandemie gekauft, geprüft, eingelagert – und vor allem, an wenn sie mit welcher Motivation verteilt wurden. Dabei gilt es, institutionelle Kritik wie die vom Bundesrechnungshof von der der Ex-Post-Besserwisser zu unterscheiden. Abgesehen von ethisch legitimen, aber wohl kaum beweisbaren Vorbehalten, ist die lange Liste der Vorwürfe aus Politik und Medien nicht nützlich.

Anzeige

Und sie deckt sich interessanterweise auch nicht mit der Einstellung der Bevölkerung zum nationalen Gesundheitswesen. Eine im Auftrag des Unternehmens Stada in 15 europäischen Ländern durchgeführte Repräsentativumfrage zur Zufriedenheit der Bürger mit ihren Gesundheitssystemen lässt vermuten, dass es hierzulande gar nicht so schlecht gelaufen ist. Während diese Zufriedenheit im europäischen Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr von 74 auf 71 Prozent sank, stieg sie in Deutschland von 80 auf 82 Prozent. Das Vertrauen in die Schulmedizin stieg von 72 auf 74 Prozent, im europäischen Vergleich sank es von 70 auf 68 Prozent.

Lessons learned? Zumindest den im System Handelnden haben die Deutschen gute Noten ausgestellt.

Jetzt muss der Reiz für Blicke zurück darin liegen, vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Zumindest in dieser Hinsicht scheint die Politik nicht untätig: Die Vorarbeiten zum Aufbau einer „Nationalen Reserve Gesundheitsschutz“ laufen, so wurde auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit seitens des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums erklärt. Aber das sogenannte „Sicherheits- und Versorgungsgesetz“ reiht sich ein in das Aufgabenheft der nächsten Legislatur. Wichtig ist: Es darf keine realitätsferne Vorgabe werden. Für den Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité Heyo Kroemer wäre zum Beispiel eine dezentrale Lagerhaltung von Schutzkleidung und Arzneien sinnvoller als die staatlich-zentrale. Die Lehren müssen eben praktischer Natur sein.

Auch andere aufgeschobene, aber unweigerlich notwendige Grundsatzfragen des deutschen Sozialsystems müssen gelöst werden. Die Begrifflichkeiten – um nur einige zu nennen – sind bekannt: Bürgerversicherung oder Beibehaltung des dualen Systems, die Krankenhausreform, vor allem die Lösung anderer Problemfelder wie die der Pflege und Notfallversorgung sind nicht gelöst und brauchen pragmatisches Gedankengut – am besten durch die, denen die Bürger gute Noten geben. Und die Pandemie ist ja auch nicht zu Ende.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote