ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2021Sedierung von Sepsispatienten während invasiver Beatmung: Dexmedetomidin und Propofol sind in Bezug auf Delir und Koma vergleichbar sicher

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Sedierung von Sepsispatienten während invasiver Beatmung: Dexmedetomidin und Propofol sind in Bezug auf Delir und Koma vergleichbar sicher

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: picture alliance/SZ Photo Alessandra Schellnegger
Foto: picture alliance/SZ Photo Alessandra Schellnegger

Aktuelle Konzepte zur Sedierung beatmeter Patienten haben das Ziel, die Sedierung flach zu halten. Der Patient sollte möglichst erweckbar, kooperativ und in der Lage sein, Schmerzen zu signalisieren. Für die Analgosedierung in der Intensivmedizin werden unter anderem das Hypnotikum/Narkotikum Propofol oder der α2-Rezeptor-Agonist Dexmedetomidin verwendet.

Diese Medikamente könnten auf die immunologischen und hyperinflammatorischen Prozesse während einer Sepsis unterschiedlich wirken und damit das klinische Outcome der Patienten beeinflussen, so die Hypothese eines Teams US-amerikanischer Forscher. Deshalb haben sie in einer randomisierten, kontrollierten und doppelblinden Studie beide Substanzen in Bezug auf neurologische Sicherheitsaspekte miteinander verglichen.

An 13 intensivmedizinischen Zentren wurden 422 Teilnehmer rekrutiert. Es waren erwachsene Patienten mit Sepsis, die intubiert und beatmet werden mussten. Das durchschnittliche Alter lag bei 59,5 Jahren, der durchschnittliche Body- Mass-Index bei 29,5 kg/m2. Sie wurden randomisiert in eine Gruppe, die 0,2–1,5 μg Dexmedetomidin/kg KG pro Stunde erhielt (n = 214) und in eine 2. Gruppe, die mit Propofol (5–50 μg/kg KG pro Minute) sediert wurde (n = 208). Es sollte eine Sedierungstiefe zwischen 0 und −2 nach der Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS) erreicht werden (RASS von −5 [nicht ansprechbar] bis +4 [unruhig bei Intervention]).

Der primäre Endpunkt war die Anzahl der Tage innerhalb der ersten beiden Wochen, an denen die Patienten ohne Delirium und Koma am Leben waren, sekundäre Endpunkte unter anderem die Zahl der beatmungsfreien Tage innerhalb eines 28-Tage-Zeitraums und die Überlebensraten im Verlauf von 90 Tagen. Die durchschnittlichen Dosierungen betrugen 0,27 μg/kg KG pro Stunde für Dexmedetomidin und 10,21 μg/kg KG pro Minute bei Propofol. Der mediane RASS-Score lag bei −2,0 (−3,0 bis −1,0). Die mediane Anzahl der Tage, an denen die Patienten ohne Delirium oder Koma am Leben waren, betrug 10,7 vs. 10,8 Tage (Dexmedetomidin vs. Propofol). Dies war weder ein klinisch relevanter noch ein statistisch signifikanter Unterschied.

Die Zahl der beatmungsfreien Tage lag bei median 23,7 vs. 24,0 Tagen (Dexmedetomidin vs. Propofol), auch dies keine signifikante Differenz. Nach 90 Tagen waren 38 % aus der Dexmedetomidingruppe am Leben und 39 % der Patienten, die mit Propofol sediert worden waren. Auch nach 6 Monaten unterschieden sich die Studiengruppen nicht in Bezug auf kognitive und neurologische Veränderungen.

Fazit: Zwischen dem hoch selektiven α2-Rezeptor-Agonist Dexmedetomidin und dem Narkotikum Propofol lassen sich bei invasiv beatmeten Patienten mit Sepsis keine Unterschiede in der Häufigkeit, Dauer und Schwere von intensivmedizinischem Delir oder Koma erkennen. Die Substanzen sind bei Patienten mit hyperinflammatorischen Syndromen vergleichbar sicher. „Dass Dexmedetomidin bei beatmungspflichtigen Intensivpatienten mit Sepsis in keinem Endpunkt besser war als Propofol, war eigentlich zu erwarten“, kommentiert Prof. Dr. med. Frank M. Brunkhorst, Direktor der Abteilung Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena und Generalsekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft. „Die verwendeten Dosen – bei Dexmedetomidin eine mittlere Dosierung von 0,27 μg/kg/h und bei Propofol von 10 μg/kg/Min.) – waren allerdings zu niedrig und reichten nicht aus, um die beabsichtigten RASS-Ziele für eine leichte Sedierung zu erreichen. Tatsächlich mussten Fentanyl und andere Medikamente zusätzlich eingesetzt werden, um die Sedierungsziele zu erreichen.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Hughes CG, Mailloux PT, Devlin JW, et al.: Dexmedetomidine or propofol for sedation in mechanically vantilated adults with sepsis. N Engl J Med 2021; 384: 1424–36.

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