ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2021Glücksspiel: Neuer Staatsvertrag umstritten

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Glücksspiel: Neuer Staatsvertrag umstritten

Haserück, André

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Ab dem 1. Juli werden in ganz Deutschland mit Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrages Onlinecasinos legal. Während einige in dem Vertrag einen Meilenstein für mehr Spielerschutz sehen, befürchten andere eine Erhöhung der Suchtgefahr.

Mehr als 400 000 Menschen in Deutschland gelten als problematische oder sogar abhängige Spieler. Foto: Wpadington/iStock
Mehr als 400 000 Menschen in Deutschland gelten als problematische oder sogar abhängige Spieler. Foto: Wpadington/iStock

Mit der Erlaubnis von Internetcasinos folgen jetzt alle Bundesländer Schleswig-Holstein, das 2012 bereits im Alleingang diesen Weg ging. Die politische Begründung damals wie heute: An illegale Anbieter verlorene Spieler sollen zurückgewonnen werden. Zugleich profitiert der Staat auch finanziell. Der Fiskus nahm laut Jahresreport der Aufsichtsbehörden im Jahr 2019 etwa 5,4 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben im erlaubten Glücksspielmarkt ein. Zwar enthält der Staatsvertrag einige Verbraucherschutzelemente – wie beispielsweise eine zentrale Sperrdatei für abhängige Spieler sowie eine zentrale Aufsichtsbehörde – Experten kritisieren dies jedoch als unzureichend.

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„Durch die Digitalisierung des Glücksspiels besteht die Möglichkeit zu spielen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, mahnte Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. Nötig sei deshalb ein noch besserer Verbraucherschutz – etwa was Kreditkartenzahlungen angeht. Positiv bewertete Füchtenschnieder die übergreifende Sperrdatei. Bisher mussten sich exzessive Spieler, die sich von ihrer Sucht lösen wollten, bei jedem Anbieter einzeln sperren lassen: Wenn sich ein Spieler künftig beim zentralen System OASIS anmeldet, wird er automatisch für Spielhallen, Spielbanken, Onlinecasinos sowie Sportwetten gesperrt.

In Deutschland sind laut aktuellen Studiendaten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rund 430 000 Menschen von einem problematischen Glücksspielverhalten oder sogar einer Glücksspielsucht betroffen. Mögliche Folgen sind soziale Isolation, Jobverlust, Überschuldung sowie das Abrutschen in Beschaffungskriminalität. Die Abwärtsspirale kann bis zu Suizidabsichten gehen.

Suchtgefahr erhöht

Für die meisten Menschen sei gelegentliches Glücksspiel kein Problem, bei gewissen psychischen Konstitutionen bestehe aber ein erhöhtes Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, erläuterte Dr. med. Alexander Glahn, Leiter der Abhängigenambulanz in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Erste Gewinnerfahrungen würden das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren, so seien besonders Personen mit geringem Selbstwertgefühl und gesteigerter Impulsivität gefährdet.

Unter den glücksspielabhängigen Patienten in der MHH hätten zudem mehr als 70 Prozent eine weitere psychische Erkrankung wie Depressionen, Alkoholsucht oder Angststörungen. Glahn geht davon aus, dass die Zahl abhängiger Spieler mit Bezug zu Onlinecasinos und Sportwetten steigen wird.

Die BZgA warnte in diesem Zusammenhang vor der Suchtgefahr beim Onlineglücksspiel und wies auf Angebote zur Prävention hin. „Das erhöhte Suchtrisiko ist dadurch bedingt, dass Onlineglücksspiele rund um die Uhr immer und überall gespielt werden können“, sagte der Kommissarische BZgA-Leiter Martin Dietrich.

Die Bundesländer würden sich vom Glücksspielstaatsvertrag klare Strukturen und einen besseren Spieler- und Jugendschutz erhoffen, betonte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig. Das sei dringend nötig. Die CSU-Politikerin warnte zugleich, die zuständige Aufsichtsbehörde dürfe „kein zahnloser Tiger“ sein, sondern müsse rigoros durchgreifen, sollte es irgendwelche Verstöße geben.

Zukünftig soll eine zentrale Glücksspielbehörde in Halle in Sachsen-Anhalt darüber wachen, dass die Anbieter die Regeln einhalten und Spieler geschützt werden. Sie sucht derzeit Personal und wird erst am 1. Januar 2023 voll funktionstüchtig sein. André Haserück

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