ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2021SARS-CoV-2: Impfungen im Wettlauf mit Delta

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SARS-CoV-2: Impfungen im Wettlauf mit Delta

Eckert, Nadine

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Während die Delta-Variante des Coronavirus in Großbritannien bereits dominiert, liegt ihr Anteil hierzulande noch im niedrigen zweistelligen Bereich. Lange wird das aber nicht so bleiben, davon sind Experten überzeugt. Helfen kann nur eine möglichst rasche Durchimpfung der Bevölkerung.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, RKI-Präsident Lothar Wieler und Charité-Infektionsimmunologe Leif Erik Sander gaben einen Überblick über das aktuelle Pandemiegeschehen. Foto: picture alliance/Flashpic
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, RKI-Präsident Lothar Wieler und Charité-Infektionsimmunologe Leif Erik Sander gaben einen Überblick über das aktuelle Pandemiegeschehen. Foto: picture alliance/Flashpic

Die Ausbreitung der Delta-Variante von SARS-CoV-2 (B.1.617.2) wirft die Frage auf, ob wir auf eine erneute Infektionswelle im Herbst zusteuern. Dass Delta auch in Deutschland die Oberhand gewinnen werde, sei nur eine Frage der Zeit, sagte Prof. Dr. med. vet. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Mitte Juni: „Sie ist noch ansteckender als die Variante Alpha (B.1.1.7) und kann sich daher schneller verbreiten, vor allem in der ungeimpften Bevölkerung.“ In der zweiten Juni-Woche lag der Anteil von Delta an den SARS-CoV-2-Infektionen in Deutschland nach den jüngsten RKI-Zahlen schon bei 15 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass er mittlerweile schon höher sei, so Wieler.

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Es gibt Hinweise, dass die Delta-Variante des Coronavirus nicht nur ansteckender ist, sondern auch zu schwereren Verläufen führt: Erste Daten aus Schottland und England zeigten, dass Delta mit einem im Vergleich zu Alpha höheren Hospitalisierungsrisiko einhergeht.

Erste Erkenntnisse des RKI weisen auch für Deutschland in diese Richtung: „Wir haben noch nicht genügend Daten, um wirklich klar zu sagen, wie gefährlich oder ungefährlich (...) Delta ist“, sagte Wieler. Allerdings deuteten noch junge Zahlen aus dem deutschen Meldewesen auf eine rund doppelt so hohe Rate von Krankenhauseinweisungen hin verglichen mit der bislang dominierenden Alpha-Variante. Laut Wieler wurden elf Prozent der Delta-Infizierten in Kliniken behandelt, verglichen mit fünf Prozent bei einer Infektion mit Alpha. Besonders ausgeprägt sei dies bei Menschen zwischen 15 und 34 Jahren gewesen.

Delta vorwiegend bei Jüngeren

Betroffen von der Delta-Variante seien im Moment vor allem Menschen unter 60 Jahren. Die meisten Ansteckungen passierten gerade im privaten Haushalt. Größere Ausbrüche von Delta-Infektionen hätte es gegeben, aber bislang nur wenige.

„Wir wissen, dass Menschen, die vollständig geimpft sind, vor schweren Erkrankungen durch Delta geschützt sind“, ergänzte Wieler. Wer nur einmal geimpft sei, könne das Virus weitertragen.

Ob Deutschland auf eine vierte Welle zusteuert „liegt an uns“, betonte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU): „Wir können den Sommer genießen, aber mit Vorsicht. Aus einem zu sorglosen Sommer darf kein Herbst mit Sorgen werden.“ Die Impfung gilt weiterhin als die wichtigste Waffe im Kampf gegen die Pandemie. Und „impfen hilft auch gegen Delta“, so Spahn, betonte aber ebenfalls, wie wichtig es sei, auch die Zweitimpfung wahrzunehmen, um auch vor dieser Variante geschützt zu sein.

Mittlerweile habe man ausreichend Impfstoff in Erwartung, um allen Erwachsenen in Deutschland bis Ende Juli ein Angebot für eine Erstimpfung zu machen, so der Minister weiter. Bis Ende August sei dies dann auch für die 12- bis 18-Jährigen möglich. „Nutzen Sie die Chance, lassen Sie sich impfen, im eigenen Interesse, aber auch für das Gemeinwohl“, appellierte er. Wer sich nicht impfen lasse, werde sich früher oder später infizieren.

Auch Prof. Dr. med. Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, betonte, dass nur über Impfungen eine Rückkehr zur Normalität möglich sei: „Wir treten jetzt in eine Phase der Impfkampagne ein, in der wir, um eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen, auch diejenigen Menschen erreichen müssen, die bisher noch unsicher sind oder angesichts sinkender Inzidenz die Impfung als nicht mehr notwendig erachten.“

Zweitimpfung unabdingbar

Erfreulicherweise böten alle in Deutschland zugelassenen COVID-19-Impfstoffe einen „hervorragenden Schutz“. Dies gelte auch für die Delta-Variante, speziell vor schweren Verläufen, aber nur bei vollständiger Impfung. Erste Studien zu Infektionen mit Delta zeigen, dass der COVID-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer zu 96 Prozent und der Vektorimpfstoff Vaxzevria von AstraZeneca zu 92 Prozent vor einer Hospitalisierung schützen (1). Zu dem mRNA-Vakzin von Moderna gibt es bislang nur Labordaten, diese deuten aber ebenfalls auf eine Schutzwirkung bei der Delta-Infektion hin: In einer Studie war Rekonvaleszentenplasma von Moderna-Geimpften weiterhin in der Lage, Delta zu neutralisieren, wenn auch zu einem etwas geringeren Grad als andere Varianten (2). Experten gehen aufgrund der Ähnlichkeiten der beiden mRNA-Vakzine davon aus, dass Moderna einen ähnlichen Schutz bieten wird wie der Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Für das COVID-19-Vakzin von Johnson & Johnson fehlen Daten, Schätzungen belaufen sich auf eine Schutzwirkung um 60 Prozent (3).

Sander geht zudem davon aus, dass Delta aufgrund ihrer höheren Infektiosität eine höhere Impfquote erfordern wird. „Delta verfügt über Fluchtmutationen“, erklärte er. „Schützende Antikörper können sie weniger gut neutralisieren.“ Sander geht deshalb davon aus, dass es mit Delta zu mehr Durchbruchinfektionen kommen werde, schwere Verläufe würden aber durch die Impfung weiterhin verhindert.

Die meisten Menschen bildeten nach der Impfung so viele Antikörper aus, dass die Fluchtmutationen von Delta nicht wirklich zum Tragen kämen. Außerdem gebe es noch die zelluläre Immunantwort. Bei älteren Menschen mit einem ohnehin geschwächten Immunsystem könnte das aber anders aussehen.

„Ich gehe davon aus, dass wir bei älteren Menschen, die zu Beginn dieses Jahres ihre Erst- und Zweitimpfung erhalten haben, eine nachlassende Immunantwort sehen werden“, so Sander. Studien zeigen zum Beispiel, dass bei Menschen ab 80 Jahren nach einer Zweitimpfung sowohl die Antikörper- als auch die T-Zell-Antwort reduziert ist und auch verzögert auftritt.

Angesichts eines möglicherweise nachlassenden Impfschutzes bei vulnerablen Gruppen könnte Sander zufolge bei ihnen im Herbst eine dritte Impfung gegen das Coronavirus ratsam sein.

Eine Auffrischungsimpfung könnte Sander zufolge aber auch für Organtransplantierte empfohlen werden oder nach immunsupprimierenden Therapien. Das gelte auch für Kontaktpersonen dieser Risikogruppen, etwa Teile des Gesundheitspersonals. Für eine generelle Auffrischimpfung der gesamten Bevölkerung sieht der Infektionsimmunologe allerdings „keinen Anlass“, insbesondere, da weite Teile der Weltbevölkerung noch ungeimpft seien beziehungsweise nur schwächer wirksame Impfstoffe zur Verfügung hätten.

Gute Daten zum Thema Auffrischimpfung gibt es allerdings noch nicht. Kleinere Studien hätten einen guten Effekt einer dritten Impfung gezeigt, so Sander, auch bei Verwendung der vorhandenen Impfstoffe. Dass man einen an Varianten angepassten Impfstoff brauchen werde, sieht Sander als nicht gegeben. Möglicherweise könnte es aber sinnvoll sein, heterolog zu impfen. Studien, die dies untersuchen, laufen derzeit noch.

Wie die Verabreichung von Auffrischimpfungen künftig organisiert werden soll, ist noch unklar. Der Betrieb der Impfzentren über den 30. September hinaus steht derzeit zur Diskussion. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn berichtete, dass man das Augenmerk künftig auf die mobilen Impfteams legen wolle. Das seien die Teams, die in die Alten- und Pflegeheime oder zu den Menschen nach Hause kämen. Sollten insbesondere Ältere und Immungeschwächte dann im Herbst eine dritte Impfung benötigen, will die Bundesregierung ihnen auf diesem Weg ein weiteres Impfangebot machen können.

Darüber hinaus sei – wenn in Deutschland ausreichend Menschen geimpft seien – geplant, einen Teil des Impfstoffs mit der Welt zu teilen. „Aber wir werden auch einen Teil für Auffrischimpfungen bewahren“, so Spahn. Begleitstudien, die derzeit liefen, um die Dauer des Impfschutzes und die Notwendigkeit von Auffrischimpfungen zu untersuchen, würden unter anderem vom BMG gefördert, so der Minister.

Die oft gestellte Frage, nach dem Zeitpunkt, zu dem eine Auffrischimpfung nötig sein wird, könne derzeit schlicht noch nicht beantwortet werden, ergänzte Wieler. Dafür reiche der Beobachtungszeitraum seit Beginn der Impfkampagne noch nicht aus und deshalb gebe es dazu auch noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Schutzdauer noch unbekannt

Die noch fehlenden Daten über die Dauer des Immunschutzes nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion erschweren auch die Beantwortung der Frage nach Auffrischimpfungen für Genesene. Sander betonte, dass man „nicht alle Genesenen in einen Topf werfen“ könne. Die Sachlage bei Hochbetagten sei anders als zum Beispiel bei jungen Menschen, die nach einer Infektion meist hervorragend geschützt seien, besser als nach zweimaliger Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Was dem Infektionsimmunologen zufolge keinen Sinn ergebe, seien Antikörpertests, um den Immunschutz beurteilen zu wollen. Bislang existiert noch kein Antikörperkorrelat für den Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Auffrischimpfung ermöglichen

Spahn betonte allerdings, dass man es auf jeden Fall möglich machen wolle, dass jemand, der nach sechs oder zwölf Monaten eine dritte Impfung haben möchte, diese auch bekommen könne.

Mit Blick auf die wieder ansteigenden Infektionszahlen in anderen Ländern, etwa Israel, betonte RKI-Chef Wieler aber auch, dass Impfungen alleine nicht vor einem erneuten Anstieg der Infektionen im Herbst schützen würden. „Wir müssen die Inzidenz weiter niedrig halten“, betonte er. Jede Impfung trage dazu bei, den Anstieg im Herbst möglichst flach zu halten. Aber unverzichtbar seien weiterhin auch alle Basismaßnahmen: Er erinnerte noch einmal an AHA-L-Regel, Corona-Warn-App, chirurgischen Mund-Nasen-Schutz – speziell in Innenräumen –, Kontaktreduktion, Selbstisolation und rasche Testung bei Symptomen und die Wahrnehmung der kostenlosen Testangebote. Im Moment lägen die bundesweiten 7-Tage-Inzidenzen mit 6,2 (Stand: 25. Juni) erfreulich niedrig. Grund dafür sei auch das verantwortungsbewusste Handeln der Bevölkerung. „Lassen Sie uns diese niedrigen Inzidenzen verteidigen!“, appellierte Wieler. Nadine Eckert

Impfbereitschaft nimmt ab

Die Ergebnisse der 45. Befragungswelle des COSMO-Projekts Mitte Juni zeigen, dass die Impfbereitschaft in Deutschland sinkt. Nur knapp die Hälfte (49 Prozent) der derzeit Ungeimpften will sich noch gegen Corona impfen lassen. Dabei ist zu beachten, dass mehr als die Hälfte der Befragten nicht in diese Berechnung eingeflossen sind, da sie bereits mindestens eine Erstimpfung erhalten haben. Sollten sich alle, die dazu bereit sind, auch tatsächlich impfen lassen, so ergäbe sich aus den Geimpften und den Impfbereiten eine Impfquote unter Erwachsenen von 79 Prozent. Aktuell geht man davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen, um eine ausreichende Grundimmunisierung zu erreichen.

Die Befragung zeigt auch, dass das Vertrauen in die Impfung sinkt. Gleichzeitig steigt die Wahrnehmung, dass man sich nicht impfen lassen muss, wenn es viele andere tun – auch das senkt die Impfbereitschaft. Unter den Ungeimpften verbreitet sich außerdem zunehmend die Einstellung, dass die Impfung überflüssig ist, da COVID-19 keine Bedrohung darstellt.

Etwa 40 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass eine Impfung auch andere schützt. Wer (unter den Ungeimpften) davon ausgeht, dass seine Impfung auch andere schützt, ist auch deutlich eher impfbereit. Personen, die die Impfung eher ablehnen, nehmen zwar wahr, dass es häufiger positive als negative Informationen (zum Beispiel in den Medien) zum Thema Impfen gibt, sie finden die positiven Informationen jedoch nicht so überzeugend wie negative. Bei Geimpften ist es andersherum: Diese finden negative Informationen weniger überzeugend.

Das COSMO-Konsortium warnt, dass nicht aus jeder hohen Impfbereitschaft auch eine Impfung wird. Deshalb sollten praktische Barrieren abgebaut werden, um die Impfung zu erleichtern: Einen Impftermin zu bekommen und sich impfen lassen, sollte so einfach wie möglich sein, empfehlen die Experten. Sehr relevant werde vermutlich das Impfen am Arbeitsplatz und im Bildungssektor werden – so könnten große Gruppen mit vielen Kontakten erreicht und der Aufwand, an eine Impfung zu kommen, reduziert werden.

Erwachsenen, die bislang noch ungeimpft sind, weisen verstärkt Anzeichen verstärkter Impfhindernisse auf. Dies sollte, so das Konsortium, zielgerichtete Interventionen nach sich ziehen. Gerade wenn Impfzentren in Zukunft wegfallen, sollten Personen ohne Hausarzt unterstützt werden, einen alternativen Impfort zu finden. Außerdem sollte die Rolle des Schutzes anderer prominenter in der Kommunikation genutzt werden. Ärztinnen und Ärzte benötigen ausreichend Informationen, um kompetent und sicher zu beraten, da ihre Empfehlungen ein großes Gewicht haben. Unentschlossene sollten vor allem über den individuellen Nutzen und Risiken der Impfung aufgeklärt werden. Das Konsortium rät außerdem zu Bereitstellung laienverständlicher Risikoinformation. Von Nutzen könnte darüber hinaus eine exakte Kommunikation darüber sein, wie Geimpfte zur Pandemiekontrolle beitragen und wie durch das Impfen der Weg zur Normalität möglich werden kann.

Das COSMO-Projekt

Alle zwei Wochen wird im Rahmen des COSMO-Projekts (https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/web) das Wissen, die Risikowahrnehmung, das Schutzverhalten und das Vertrauen der Deutschen während der COVID-19-Pandemie erhoben. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt, des RKI, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und anderer Institutionen. Befragt wird eine Stichprobe, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bundesland der erwachsenen Allgemeinbevölkerung entspricht. Aus den Befragungen leitet ein Expertenkonsortium dann Empfehlungen zur weiteren Gestaltung der COVID-19-Lage in Deutschland ab.

1.
Public Health England: Effectiveness of COVID-19 vaccines against hospital admission with the Delta (B.1.617.2) variant; http://daebl.de/LD86.
2.
Edara VV, Lai L, Sahoo MK, et al.: Infection and vaccine-induced neutralizing antibody responses to the SARS-CoV-2 B.1.617.1 variant. bioRxiv 10 May 2021, DOI: 10.1101/2021.05.09.443299 CrossRef
3.
CBS News, 15. Juni 2021: Gottlieb says Delta virus variant likely to become dominant U.S. strain; http://daebl.de/AS15.
1.Public Health England: Effectiveness of COVID-19 vaccines against hospital admission with the Delta (B.1.617.2) variant; http://daebl.de/LD86.
2. Edara VV, Lai L, Sahoo MK, et al.: Infection and vaccine-induced neutralizing antibody responses to the SARS-CoV-2 B.1.617.1 variant. bioRxiv 10 May 2021, DOI: 10.1101/2021.05.09.443299 CrossRef
3.CBS News, 15. Juni 2021: Gottlieb says Delta virus variant likely to become dominant U.S. strain; http://daebl.de/AS15.

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