ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2021Versorgung von Menschen mit Herzerkrankungen: Reduziert während der Pandemie

THEMEN DER ZEIT

Versorgung von Menschen mit Herzerkrankungen: Reduziert während der Pandemie

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der alljährlich von der Deutschen Herzstiftung und den Fachgesellschaften herausgegebene Deutsche Herzbericht zeigt in diesem Jahr, wie wichtig bei Herz-Kreislauf-Problemen die Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung im ambulanten und klinischen Sektor ist – auch und gerade während der Coronapandemie.

Während der Coronapandemie beobachtete die Deutsche Herz - stiftung einen deut - lichen Rückgang der stationären Behandlungen von Menschen mit Herz-Kreislauf- Problemen. Foto: mozart3737/stock.adobe.com
Während der Coronapandemie beobachtete die Deutsche Herz - stiftung einen deut - lichen Rückgang der stationären Behandlungen von Menschen mit Herz-Kreislauf- Problemen. Foto: mozart3737/stock.adobe.com

Die COVID-19-Pandemie hatte und hat starke Auswirkungen auf Herzpatientinnen und -patienten – zum einen, weil sie ein erhöhtes Risiko haben, einen schweren Verlauf zu erleiden oder zu sterben, zum anderen, weil auch viele Nichtinfizierte zögerten, bei akuten kardialen Beschwerden den Notarzt zu rufen“, sagte Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, anlässlich der Präsentation des Deutschen Herzberichts 2020 durch die Deutsche Herzstiftung und die ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) sowie Kinderkardiologie (DGPK).

Weniger Akutversorgung

Beispielsweise sei während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 die Zahl der stationär versorgten akuten Herzinfarkte um 31 Prozent gesunken, erklärte der Kardiologe und Intensivmediziner am Cardioangiologischen Centrum Bethanien (CCB) Frankfurt am Main. Die Sorge von älteren Menschen vor Corona sei bislang sicher adäquat und berechtigt gewesen, doch nun – nach den zumeist erfolgten Impfungen – sei es wichtig, dass sich die Situation entspanne.

Man müsse das Vertrauen der Patientinnen und Patienten für das Aufsuchen von ärztlicher Versorgung wiedergewinnen, „mit man nicht in ein dauerhaftes Problem hineinrutsche, betonte Prof. Dr. med. Stephan Baldus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Die COVID-19-Pandemie habe wie „unter einem Brennglas“ gezeigt, wie wichtig beispielsweise eine engmaschige und sorgfältige Betreuung von Herzinsuffizienzpatienten ist.

„Wir mussten leider beobachten, dass an Herzschwäche erkrankte Patientinnen und -patienten im letzten Jahr von einer deutlichen Übersterblichkeit betroffen waren, auch wenn sie nicht an COVID-19 erkrankt waren“, berichtete er. „Dies mag sicher daran gelegen haben, dass viele Eingriffe verschoben werden mussten, um die Intensivstationen zu entlasten, aber auch daran, dass viele aus Sorge vor einer Ansteckung nicht in die Krankenhäuser gekommen sind“, so Baldus. Jetzt gelte es, dieses Vermeidungsverhalten wieder aufzuholen.

Gerade in Pandemiezeiten sei eine konsequente Behandlung der Vorerkrankungen, beispielsweise eine Senkung des Blutdrucks bei Hypertoniepatienten oder die optimale Einstellung des Blutzuckers bei Diabetespatienten, wichtig, ergänzte Voigtländer.

Die Deutsche Herzstiftung weist diesbezüglich unter anderem auf eine deutsche, auf AOK-Versichertendaten basierende Beobachtungsstudie an mehr als 10 000 COVID-19-Patienten hin, die während der ersten Pandemiewelle im März und April 2020 stationär behandelt wurden. Diese zeigt, dass ein Großteil der Patientinnen und Patienten unter Vorerkrankungen litt, und zwar 55,6 Prozent unter arterieller Hypertonie und 27,9 Prozent unter Diabetes mellitus. 22,8 Prozent hatten Nierenversagen und 19,6 Prozent Herzinsuffizienz.

Mitreaktion des Myokards

„Vorerkrankungen wirken sich deutlich auf den Verlauf aus. Es ist daher wichtig, eine Phänotypisierung der Patienten vorzunehmen“, sagte Prof. Dr. med. Uwe Janssens, ehemaliger Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), anlässlich der diesjährigen Vorstellung des Herzberichts.

Häufig entwickelten COVID- 19-Patienten ein multisystemisches Hyperinflammationssyndrom, bei dem in vielen Fällen auch der Herzmuskel involviert wäre. „Derzeit gibt es allerdings noch keine Langzeitbeobachtung zu funktionellen Einschränkungen und noch keine Kenntnisse zu dauerhafter Linksherzinsuffienz“, ergänzte Prof. Dr. med. Andreas Zeiher, Past-Präsident der DGK. Man gehe jedoch derzeit von einer akuten Mitreaktion des Myokards ohne strukturelle dauerhafte Schäden aus.

Generell sind in Deutschland Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die Todesursache Nummer Eins. Dem aktuellen Deutschen Herzbericht zufolge starben 2019 allein an der Koronaren Herzkrankheit (KHK) 119 082 Menschen. Das sind 132 Verstorbene pro 100.000 Einwohner. Erfreulich sei allerdings, dass die Sterblichkeit von 2017 bis 2019 spürbar gesenkt werden konnte, und zwar bei den KHK-Sterbefällen um 9,1 Prozent, sagte Voigtländer.

Sterblichkeit verschiebt sich

Die Zahl der an Herzinsuffizienz Verstorbenen sank um zwölf Prozent von 42,7 auf 37,6 Verstorbene pro 100.000 Einwohner. Zudem verschiebe sich die KHK-Sterblichkeit in das höhere Alter und beginne dem aktuellen Herzbericht zufolge bei den Männern ab 55 Jahren und den Frauen erst ab 70 Jahren bedeutsam zu werden (Grafik 1).

Sterbeziffer der Herzkrankheiten nach Altersgruppen 2019 – Männer und Frauen
Grafik 1
Sterbeziffer der Herzkrankheiten nach Altersgruppen 2019 – Männer und Frauen

„Die Entwicklung geht in die richtige Richtung“, sagte der Kardiologe. „Diese sehr positiven Daten dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass die KHK immer noch die häufigste Todesursache ist.“ Die frühzeitige Diagnose und konsequente medikamentöse und interventionelle Behandlung oder seltener auch operative Behandlung von Plaques und Verengungen der Herzkranzgefäße, die unbehandelt zum Herzinfarkt führen könnten, seien ebenso wie die kardiovaskuläre Prävention unverzichtbar in der Bekämpfung der Sterblichkeit durch die KHK.

Gesenkt werden konnte von 2011 bis 2019 auch die vollstationäre Hospitalisationsrate wegen KHK, konkret um 12,5 Prozent auf 699 pro 100 000 Einwohner. Es zeigte sich aber, dass die jüngere Bevölkerungsgruppe der 45- bis unter 65-Jährigen mit 818 KHK-Fällen pro 100 000 Einwohner überdurchschnittlich häufig stationär behandelt werden müsse.

„Der Anstieg der Krankenhausaufnahmen wegen KHK setzt bei den Männern bereits mit dem 45. bis 50. Lebensjahr ein. Unser Ziel sollte sein, KHK-Patienten zu identifizieren und frühzeitig zu behandeln, noch bevor es zum therapeutischen Einsatz von Kathetereingriffen, Stentimplantationen oder der Bypass-Chirurgie kommt“, erklärte der Herzstiftungs-Vorstand.

Ein besonderes Augenmerk legt der Deutsche Herzbericht 2020 auch auf die weiterhin regionalen Unterschiede bezüglich der Sterblichkeit und der Krankenhausaufnahmen aufgrund von Herzkrankheiten. Die höchste Sterblichkeitsrate (alters- und geschlechtsstandardisiert) durch einen Herzinfarkt findet sich immer noch in den östlichen Bundesländern: Berlin mit 72,3, Sachsen-Anhalt mit 67,1, Brandenburg mit 67,0, Sachsen mit 60,4 und Mecklenburg-Vorpommern mit 65,4 Verstorbenen pro 100 000 Einwohnern (Grafik 2). „Allerdings hat sich mit Ausnahme von Berlin die Sterblichkeitsrate in diesen Bundesländern im Vergleich zum Vorjahr spürbar verbessert“, berichtete Voigtländer. Die niedrigsten Sterblichkeitsraten für Herzinfarkt hätten Schleswig-Holstein (25,5), Nordrhein-Westfalen (36,6) und Hamburg (40,2).

Sterblichkeit an Herzinfarkt nach Bundesländern (Verstorbene pro 100 000 Einwohner, 2019)
Grafik 2
Sterblichkeit an Herzinfarkt nach Bundesländern (Verstorbene pro 100 000 Einwohner, 2019)

Dafür kämen mehrere günstige Faktoren in Betracht, meint der Kardiologe, wie eingespielte Abläufe im Rettungssystem, Notarztsysteme mit hoher Effizienz auch fernab der Ballungsgebiete sowie eine Verkürzung der Prähospitalzeiten durch schnelles Handeln einer für die Infarktsymptomatik sensibilisierten Bevölkerung.

„In ländlichen Regionen mit längeren Anfahrtszeiten der Rettungsdienste könnten auch die für die Versorgung von Patienten mit unklaren Brustschmerzen wichtigen Chest-Pain-Units (CPUs) für eine Verbesserung der Versorgung von Patienten hilfreich sein,“ so Voigtländer.

Mittlerweile seien mehr als 320 CPUs von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zertifiziert und verfügten über eine 24-Stunden-Herzkatheterbereitschaft an sieben Wochentagen. Sie entstünden aber offensichtlich noch zu häufig in den Regionen, die ohnehin schon gut versorgt seien und zu wenig in den Regionen, die einer solchen Versorgung bedürfen.

Deutlich wird im aktuellen Herzbericht trotz steigender Fallzahlen eine anhaltende Verbesserung der Prognose beziehungsweise der Sterblichkeit an Herzinsuffizienz. Sie fiel im Jahr 2019 auf den niedrigsten Wert seit 2011 (Grafik 3). „Dies liegt nach unserer Ansicht an den neu verfügbaren Therapieoptionen und der besseren Etablierung leitliniengerechter Therapien“, sagte Baldus. Seit 2014 seien zwei neue Medikamentenklassen hinzugekommen, die einen deutlich positiven Einfluss auf die Lebenserwartung der Herzinsuffizienzpatienten hätten.

Alters- und geschlechtsstandardisierte Mortalitätsrate der Herzinsuffizienz
Grafik 3
Alters- und geschlechtsstandardisierte Mortalitätsrate der Herzinsuffizienz

Prognostisch steigende Zahlen

Ein Grund zur Entwarnung ist dies für Baldus jedoch nicht. „Wir werden in den nächsten Jahren steigende Patientenzahlen mit der Diagnose Herzinsuffizienz sehen“, ist er überzeugt. „Die Herzschwäche ist häufig die Folge und das Endstadium vieler anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen, deren Häufigkeit leider zunimmt.“

Die Zahl der Menschen in Deutschland, die an Herzrhythmusstörungen leiden, ist in den vergangenen Jahren bereits gestiegen. Die Ursache des deutlichen Anstiegs sieht Baldus zum einen in der verbesserten Diagnostik und in den verbesserten Möglichkeiten zur medikamentösen und instrumentellen Therapie von Patientinnen mit Herzrhythmusstörungen, und zum anderen in der weiter fortschreitenden Alterung der Bevölkerung. Seit 2015 verlangsame sich der Anstieg jedoch deutlich. Die positive Nachricht: Sterblichkeitsrate im Bereich der Rhythmusstörungen stagniere, unter anderem durch die Katheterablation. „Hierin zeigt sich eine Entwicklung, die der zunehmenden Bedeutung und Wichtigkeit dieser Therapiestrategie absolut gerecht wird“, meinte Baldus. „Eine der schwerwiegendsten Folgen von Vorhofflimmern kann ein Schlaganfall sein. Somit ist es eklatant wichtig, diese Herzrhythmusstörung frühzeitig zu erkennen und so effektiv wie möglich zu behandeln.“

Der Deutsche Herzbericht 2020 bescheinigt auch der Herzchirurgie ein hohes Niveau: Im Jahr 2019 wurden in den 78 deutschen Fachabteilungen für Herzchirurgie 96 404 Herzoperationen durchgeführt, davon zehn Prozent als Notfälle. „Unsere Patientinnen und Patienten erreichen ein hohes Lebensalter und können überaus erfolgreich operiert werden. Die Überlebenschance liegt bei über 97 Prozent – auch bei den über 80-Jährigen“, erklärte Prof. Dr. med. Andreas Böning, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG).

Im Jahr 2019 seien beispielsweise 44,8 Prozent der Patienten, die eine isolierte Bypass-Operation erhielten, älter als 70 Jahre gewesen, fast zehn Prozent sogar bereits über 80 Jahre. Trotz zunehmender Morbidität, die insbesondere im Kontext des demografischen Wandels zu betrachten sei, sinke seit 2011 die Mortalitätsrate.

Erfolge der Kinderkardiologie

Eine positive Bilanz zieht der aktuelle Herzbericht auch bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten angeborener Herzfehler (AHF). Während noch vor etwa 80 Jahren fast alle Kinder mit komplexen AHF in den ersten Lebensjahren verstarben, erreichten heutzutage mehr als 95 Prozent das Erwachsenenalter, bestätigte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK), Prof. Dr. med. Nikolaus Haas. Dies sei eine Erfolgsgeschichte.

„Diese gute Qualität ist jedoch akut gefährdet: durch sinkende Intensivbettenkapazitäten, einen zunehmenden Mangel im Pflegebereich und dadurch bedingte tägliche Verschiebungen von Operationen“, warnte Haas. Zum Erfolg hätten dagegen die Fortschritte in Diagnostik und Therapie als auch administrative Verbesserungen beigetragen. Dazu zähle die 2018 eingeführte neue Subdisziplin „Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler“.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Sterbeziffer der Herzkrankheiten nach Altersgruppen 2019 – Männer und Frauen
Grafik 1
Sterbeziffer der Herzkrankheiten nach Altersgruppen 2019 – Männer und Frauen
Sterblichkeit an Herzinfarkt nach Bundesländern (Verstorbene pro 100 000 Einwohner, 2019)
Grafik 2
Sterblichkeit an Herzinfarkt nach Bundesländern (Verstorbene pro 100 000 Einwohner, 2019)
Alters- und geschlechtsstandardisierte Mortalitätsrate der Herzinsuffizienz
Grafik 3
Alters- und geschlechtsstandardisierte Mortalitätsrate der Herzinsuffizienz

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote