ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Israel: Dialog weder möglich noch erwünscht

SPEKTRUM: Leserbriefe

Israel: Dialog weder möglich noch erwünscht

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-663 / B-539 / C-507

Schmidt, Wolfhart-Dietrich

Zu dem Beitrag "Medizin und Antisemitismus: Deutsch-israelischer Dialog" von Gisela Klinkhammer in Heft 5/2000:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nach der Lektüre Ihres Artikels fragte ich mich, wie man das Treffen in Yad Vashem als "Deutsch-
israelischen Dialog" bezeichnen kann. Dialog bedeutet, dass beide Seiten ihren Standpunkt darlegen und dann darüber reden können. In Yad Vashem hat aber nur die eine Seite geredet. Die deutschen Ärzte haben wie immer bei deutsch-jüdischen Kontakten nur schuldbewusst die Köpfe gesenkt und allem zugestimmt, ohne ihrerseits anzusprechen, was auf jüdischer Seite nicht in Ordnung ist oder war.
Auch noch so großes Unrecht verbietet nicht, über Unrecht zu reden, das der begeht, dem seinerseits Unrecht zugefügt wurde. Unrecht kann nicht durch anderes Unrecht gesühnt werden. Dies ist in anderem Kontext allgemein anerkannter Konsens. Nur wenn es um Juden und Deutsche geht, gilt dieser Konsens nicht mehr, weil die Juden dies so wollen.
Gerade das Beispiel Walser zeigt, welche Kampagne Kritik an Juden trotz aller Anerkennung des ihnen zugefügten Unrechts auslöst. An dieser Stelle ein Wort für Walser einzulegen war den deutschen Teilnehmern offensichtlich nicht möglich.
Nun kann ich mir lebhaft Ihr Entsetzen vorstellen bei dem Gedanken, das Deutsche Ärzteblatt sollte eine öffentliche Kritik an Juden üben. So weltfremd bin ich nicht, dies zu erwarten. Man begeht nicht kollektiven Selbstmord. Warum aber muss das DÄ unbedingt auch noch den täglichen Holocaust mitmachen, wenn doch klar ist, dass ein echter Dialog gar nicht möglich und nicht erwünscht ist. Geht es auch Ihnen nur darum, in selbstquälerischer Weise unsere Schande hinauszuschreien? Warum nicht einfach den Mund halten beziehungsweise nichts darüber schreiben?
Bevor ich bei Ihnen jetzt aber ganz in der antisemitischen Ecke lande, möchte ich Folgendes klarstellen:
Bedingt durch den Beruf meines Vaters, wusste unsere Familie schon vor Kriegsende mehr über die Judenverfolgung als die übrige Bevölkerung. Unsere Eltern sprachen schon damals offen mit uns über das Unrecht, das Juden angetan wurde, und gingen damit ein großes Risiko ein, das nur der abschätzen kann, der in einem totalitären Regime mit Aushorchung der Kinder nicht linientreuer Familien gelebt hat. Nach Kriegsende gehörten wir zu den Multiplikatoren bei der Verbreitung der Wahrheit über die Gräuel der Konzentrationslager, als die Mehrheit unseres Volkes das Grauenvolle nicht glauben und nicht wahrhaben wollte, und wir ließen uns dafür schief ansehen oder beschimpfen. Wir glaubten an eine Versöhnung mit den Juden (nicht an ein Vergessen oder Totschweigen der Verbrechen). Wir standen auch voll hinter den Wiedergutmachungsleistungen und waren uns bewusst, dass damit das Unrecht nicht etwa abgegolten werden konnte. Auch heute bin ich mir des ungeheuren Unrechts an den Juden und der übergroßen Schuld, die unser Volk auf sich geladen hat, bewusst. Aber heute fällt es mir schwer, an eine Versöhnung zu glauben, so wie die Juden sich heute verhalten. Da man niemand zur Versöhnung zwingen kann, werden wir mit unserer Schuld alleine fertig werden müssen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, auch die Würde der deutschen Menschen nach dem Holocaust. Wer dies bestreitet, muss sich fragen lassen, ob er die Menschenrechte noch anerkennt.
Dr. med. Wolfhart-Dietrich Schmidt, Aachener Straße 9, 72760 Reutlingen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema