ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Neurologie 1/2021Ischämischer Schlaganfall: Kernpunkte der Leitlinie

SUPPLEMENT: Perspektiven der Neurologie

Ischämischer Schlaganfall: Kernpunkte der Leitlinie

Dtsch Arztebl 2021; 118(27-28): [26]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2021.07.12.04

Grunert, Dustin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Neu sind Aspekte des Post-Stroke-Delirs, der kardiovaskulären Diagnostik sowie der geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Schlaganfall.

Foto: Science Photo Library Zephyr
Foto: Science Photo Library Zephyr

Ende Mai wurde von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) e.V. und der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG) die aktualisierte und erweiterte S2e-Leitlinie zur Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls publiziert. Die bisherige S1-Leitlinie stammt aus dem Jahr 2012, eine Ergänzung zu den Rekanalisationstherapien kam 2015 hinzu. Nun folgte eine komplette Überarbeitung.

Anzeige

In Deutschland erleiden jedes Jahr etwa 270 000 Menschen einen Schlaganfall. Die meisten sind ischämischer Natur (85 %) – sie entstehen durch den Verschluss oder die hochgradige Verengung einer hirnversorgenden Arterie durch einen Thrombus oder Embolie. Daher ist ein schneller Behandlungsbeginn entscheidend: Die Behandlung erfolgt entweder durch intravenöse Thrombolyse oder bei Großgefäßverschlüssen mittels interventioneller Thrombektomie in einem entsprechenden Zentrum.

Was ist neu?

  • Alle Patienten mit einem ischämischen Insult sollen in einer Stroke-Unit behandelt werden.
  • Die sofortige zerebrale Diagnostik mit CT oder MRT erfolgt, um zwischen Ischämie und Blutung zu unterscheiden und somit das therapeutische Prozedere festlegen zu können.
  • Wenn eine mechanische Thrombektomie infrage kommt, sollte stets auch eine Gefäßdiagnostik (vom Aortenbogen aufwärts) stattfinden.
  • Falls bei Ankunft in der Klinik das Zeitintervall von 4,5 Stunden überschritten ist, sollte eine erweiterte Bildgebung erfolgen (z. B. Perfusionsuntersuchung mit MRT oder CT), da auch dann befundabhängig noch therapeutische Schritte zur Reperfusion möglich sind.
  • Die Standardtherapie für die systemische Thrombolyse erfolgt mit dem rt-PA Alteplase.
  • Tenecteplase könnte als modifiziertes Molekül zwar eine noch bessere Wirksamkeit haben. In der EU ist diese Substanz bisher nur zur Behandlung des Herzinfarktes zugelassen, die Studienlage beim Schlaganfall ist bislang nicht einheitlich. Gemäß Leitlinie soll Tenecteplase daher außerhalb von klinischen Studien nur in Einzelfällen eingesetzt werden.
  • Ein Post-Stroke-Delir tritt je nach Studie bei bis zu 48 % der Patienten auf (durchschnittlich bei 26 %). Dabei entwickeln sich in kurzer Zeit fluktuierende Störungen von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, die nicht allein durch den Schlaganfall erklärt werden können. Das Post-Stroke-Delir geht einher mit einer fast 5-fach erhöhten Sterblichkeit, längeren Klinikaufenthalten und häufigeren Entlassungen in Pflegeeinrichtungen.
  • Neue Forschungsergebnisse zum Post-Stroke-Delirs sind rar und die Therapien kaum standardisiert. Die Leitlinien empfehlen das gezielte Screening mit etablierten Scores. Neben der Behandlung mit speziellen Medikamenten ist es besonders wichtig, frühzeitig die Reorientierung der Patienten zu stimulieren (Kommunikation, Mobilisation, Brille, Hörgeräte, Tag-Nacht-Rhythmus).
  • Eine duale antithrombotische Sekundärprophylaxe (ASS plus Clopidogrel oder Ticagrelor) sollte nicht routinemäßig erfolgen. Sie kann bei ausgewählten Patienten nach TIA oder leichten Schlaganfällen über einen Zeitraum von 21–30 Tagen Vorteile haben (nichttödliche Rezidive reduzieren), möglicherweise jedoch zulasten des Blutungsrisikos bei insgesamt unveränderter Mortalität und nur geringem Einfluss auf bleibende Behinderung und Lebensqualität.
  • Bei erhöhtem Blutungsrisiko sollte keine duale Plättchenhemmung erfolgen.
  • Die systematische Suche in Datenbanken brachte keinen Anhalt dafür, dass Frauen mit einem Schlaganfall anders behandelt werden sollten als Männer.
  • Es zeigten sich jedoch je nach Studie variable epidemiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern: So waren weniger Frauen von Schlaganfällen betroffen als Männer. Frauen waren jedoch durchschnittlich circa 5 Jahre älter als Männer, hatten häufiger Bluthochdruck und Vorhofflimmern. Alkohol- oder Nikotinkonsum sowie Hyperlipidämie und Diabetes mellitus waren bei Männern häufiger.
  • Bei uneinheitlicher Datenlage gibt es Hinweise darauf, dass Frauen seltener auf Stroke-Units behandelt wurden, eine erhöhte Krankenhaussterblichkeit hatten (2017 verstarben 8,8 % der Frauen und 5,8 % der Männer) sowie ein schlechteres funktionelles Ergebnis.
  • Frauen wurden etwas seltener mit rt-PA behandelt, jedoch häufiger mit einer Thrombektomie (2013–2017).

„In Schlaganfallstudien waren Frauen häufig unterrepräsentiert, da dort die Altersgrenze oftmals bei 80 liegt. Da Schlaganfallpatientinnen durchschnittlich älter waren als männliche Patienten, ist also denkbar, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede in den Behandlungsergebnissen der Studien nicht abzeichnen konnten“, erläutert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. „Hierauf sollte bei der Konzipierung künftiger Studien besonders geachtet werden, denn wenn geschlechtsspezifische Besonderheiten bei der Behandlung sicher belegt werden könnten, wären das gegebenenfalls leicht realisierbare Therapieoptimierungen für beide Geschlechter.“

DOI: 10.3238/PersNeuro.2021.07.12.04

Dustin Grunert

Quelle: Ringleb P, Köhrmann M, Jansen O et al.: Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls, S2e-Leitlinie, 2021, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 25.05.2021). https://dgn.org/leitlinien/ll-030–046-akuttherapie-des-ischaemischen-schlaganfalls-2021.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote