ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2021Von schräg unten: Normal

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Normal

Böhmeke, Thomas

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Was der Mensch Gutes hat, weiß er häufig nicht zu schätzen. Wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, kennen dies nur zu gut. Wie oft haben wir in enttäuschte Gesichter geblickt, wenn das CT oder MRT, das Labor oder der Ultraschall ohne krankhaften Befund, also völlig normal ausfiel. Noch heute irritiert mich diese Reaktion auf Befunde, die eigentlich Grund zur Freude sein sollten. Na ja, jedenfalls so lange, bis ich den Antrag auf Schwerbehinderung oder Erwerbsminderungsrente auf dem Tisch habe.

Den Segen der Normalität wusste man bis vor einiger Zeit einfach nicht zu schätzen. Note 3 in einer Prüfung, das 1:1 auf dem Platz, das ‚hat die Aufgaben stets zu unserer Zufriedenheit erledigt‘ im Arbeitszeugnis waren bislang das schlecht verschorfende Geschwür auf der Makellosigkeit des Lebenslaufes unserer Leistungsgesellschaft. Diese will lieber mit dem Kraxeln auf den Everest, dem Shoppen in Shanghai oder der Anhäufung akademischer Titel glänzen.

Das hat sich mit der Pandemie grundlegend geändert, das Normale ist jetzt das Außergewöhnliche, das wir plötzlich zu schätzen wissen. Sei es der Besuch im nächsten Restaurant oder der Ferienflug ans Mittelmeer.

Außergewöhnlich waren die vergangenen eineinhalb Jahre auch für uns, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir konnten unsere rhetorischen Fähigkeiten schulen, um unseren Schutzbefohlenen den Segen der Seuchenprävention nahezubringen, wir lernten durch die Impfungen neue Blüten der Bürokratie zu bewundern, wir entdeckten die unendlichen Möglichkeiten der ambulanten Versorgung unserer Patienten.

Auf letztere Erkenntnis hätte ich allerdings äußerst gerne verzichtet. War ich es präpandemisch in meiner kleinen kardiologischen Blase gewohnt, Patienten ambulant zu versorgen, die entweder drei Liter Wasser in der Lunge, Herzfrequenzen über 200 oder Sauerstoffwerte knapp oberhalb der Daseinsberechtigung aufwiesen, so war ich in den vergangenen Monaten gezwungen, Menschen zu behandeln, die unter all diesen lebensverneinenden Zuständen gleichzeitig litten. Und partout nicht ins Krankenhaus wollten. Nun, glücklicherweise ist bisher alles gut gegangen. Trotzdem sehne ich mich danach, diese schwerstkranken Patienten wie früher einfach stationär einweisen zu können.

Hoffentlich bringt mich jetzt mein nächster Patient, der als höchst dringlicher Notfall die Praxis gestürmt hat, nicht wieder in eine solch üble Bredouille. Was kann ich für Sie tun? „Also ... meine Tante hat Rheuma!“ Sehr bedauerlich für die Dame, aber jetzt geht es um Sie. „Hmmm ... ich kann das gar nicht so sagen ...“ Nicht sagen? Hatten Sie eine Gedächtnisstörung, eine Sprachstörung, eine motorische Aphasie? „Nein, nein, wo denken Sie hin!“ Haben Sie Schmerzen? Luftnot? Fieber? Rhythmusstörungen? Druck über dem Herzen? „Äh, nichts von alledem!“

Wenn die Anamnese ziellos mäandert wie der Wurm im Gedärm, müssen faktenfreundliche Befunde her. Also untersuche ich ihn gründlich und finde – nichts. Also ausschließlich Normales. Ziemlich frustriert schicke ich ihn zu meiner Fachangestelltin ins EKG. Kurz danach vermeldet sie freudig: „Herr Doktor, ich weiß, warum der Patient als Notfall hier ist!“ Nein! Ehrlich?! „Er fliegt nächste Woche auf die Kanaren und wollte eigentlich nur wissen, ob alles in Ordnung ist!“ Ich strahle wie eine Cobalt-60-Quelle, was meine Fachangestelltin reichlich verunsichert. „Herr Doktor, was ist los, Sie gucken so fröhlich? Früher hätten Sie sich geärgert, wenn jemand wegen so etwas als Notfall in die überfüllte Sprechstunde platzt.“

Ach, ich freue mich einfach nur wahnsinnig. Es wird alles wieder wunderbar normal!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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