ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2021Pandemie: Wechsel beim Impfschema
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Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ein neues heterologes Impfschema gegen das SARS-CoV-2-Virus empfohlen. Ärztinnen und Ärzte sowie Gesundheitspolitiker erreichte diese Information unvorbereitet und sind entsprechend verärgert. Die Logistik für Praxen ist noch unklar.

Die überraschende Änderung der Impfempfehlung gegen das Coronavirus hat die Vertreter der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie die Ministerinnen und Minister auf Landes- und Bundesebene unvorbereitet erreicht: „So eine Empfehlung kann natürlich leicht viele, die sich impfen lassen wollen, im ersten Moment verunsichern“, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein. Er und die Gesundheitsminister der Länder (GMK) seien von der Entscheidung überrascht worden. Beim Chef der Ständigen Impfkommission, Prof. Dr. med. Thomas Mertens, der bei den Ministerberatungen zugeschaltet gewesen sei, hätten die Politiker deshalb dafür geworben, „dass wir miteinander noch etwas besser die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik abstimmen“. Auch andere Minister zeigten sich sichtlich verärgert. So erklärte der Bayerische Gesundheitsminister und diesjährige GMK-Vorsitzende Klaus Holetschek (CSU): „Wir haben der STIKO aber auch zu verstehen gegeben, dass kurzfristige Kommunikation zu dem in unserer Bevölkerung so wichtigen Thema des Impfens gegen das Coronavirus Irritationen auslösen kann.“ Über neue Kommunikationsstrukturen wolle man sich nach der Pandemie austauschen, kündigte Holetschek an.

Änderung ohne Vorankündigung

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Die STIKO hatte Anfang Juli die Impfempfehlung per Pressemitteilung verändert: Das ursprünglich aus der Not geborene heterologe Impfschema aus dem Vektorimpfstoff Vaxzevria (AstraZeneca) und einem mRNA-Impfstoff (BioNTech/Pfizer oder Moderna) hat sich als überraschend wirksam erwiesen. Nach aktueller Studienlage ist die Immunantwort nach heterologem Impfschema der Immunantwort nach homologer Vaxzevria-Impfung deutlich überlegen.

Heterolog Geimpfte müssen allerdings hart im Nehmen sein. Zu rechnen ist mit spürbar mehr vorübergehenden Nebenwirkungen: Fieber, Schüttelfrost, Erschöpfung und Kopfschmerzen gehen aber in der Regel nach 48 Stunden zurück. Mehr schwere Nebenwirkungen sind den Studien zufolge nicht zu befürchten.

Logistik für Praxen noch unklar

Die aktuelle Empfehlung der STIKO zielt darauf ab, angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante eine möglichst schnelle Zweitimpfung zu ermöglichen. Denn es hat sich gezeigt, dass eine Erstimpfung nicht ausreichend Schutz bietet. Und mit einem mRNA-Impfstoff kann schneller zweitgeimpft werden als mit Vaxzevria. Aber auch das abgeschlossene homologe Impfschema bietet hervorragenden Schutz vor der Delta-Variante: Nach aktuellem Kenntnisstand liegt die Schutzwirkung vor einer Hospitalisierung auch bei Infektionen mit Delta bei 86 bis 92 Prozent.

Über die genaue Logistik für Arztpraxen gebe es momentan keine weiteren Informationen, hieß es von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Wir brauchen hier dringend eine Lösung, zumal die Gesundheitsministerkonferenz allen bereits mit AstraZeneca Erstgeimpften zugesagt hat, ihnen ,baldmöglichst‘ zur Vervollständigung der Impfserie eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff anzubieten. Dies können nicht die Praxen ausbaden“, erklärte KBV-Vizevorsitzender Dr. med. Stephan Hofmeister. KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen geht davon aus, dass in den nächsten Wochen drei Millionen AstraZeneca-Zweitimpfungen anstehen. „Dafür brauchen die Ärztinnen und Ärzte schnell ausreichend mRNA-Impfstoff wie von BioNTech/Pfizer“, so Gassen.

Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, beklagte den Mehraufwand in den Praxen, „der schon am ersten Tag“ enorm zugenommen habe. „Patientinnen und Patienten sind verunsichert, erfragen, welchen Impfstoff sie nun bei der Zweitimpfung erhalten werden und wollen auch ihren Termin entsprechend vorziehen.“

Für die Umsetzung des neuen Impfschemas hat Minister Spahn ausreichend Impfstoff zugesichert. „Es wird sehr zügig gehen können, die Empfehlung umzusetzen, weil ausreichend mRNA-Impfstoff da ist“, sagte der CDU-Politiker. Laut dem GMK-Beschluss „beabsichtigt“ der Bund, „sicherzustellen, dass jede mit AstraZeneca begonnene Impfserie mit einem mRNA-Impfstoff abgeschlossen werden kann“. Dies solle „baldmöglichst“ geschehen, betonten Bund und Länder in ihrem Beschluss. Viele Länder kündigten an, die veränderte Empfehlung schon kurz nach Bekanntwerden, umzusetzen. Da größere Lieferungen von mRNA-Impfstoff vorhanden seien, ergäben sich aber keine Kapazitätsprobleme, hieß es.

Allein in der kommenden Woche sind nach Schätzungen Spahns 500 000 bis 700 000 Menschen betroffen, bei denen eigentlich eine Zweitimpfung mit AstraZeneca ansteht. Etwa 2,5 Millionen Menschen haben eine vollständige Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Rebecca Beerheide, Nadine Eckert

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