ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2021Ambulante Versorgung psychisch Kranker: Patientenlobby oder Interessenvertretung?
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Die Motivation des Gesundheitsministeriums hinsichtlich der „Rastertherapie“ war, mehr Patienten den Zugang zur Psychotherapie zu ermöglichen. Andere Maßnahmen dieser Art waren die Einführung telefonischer Sprechzeiten und die Einrichtung von Terminservicestellen. Aktuell wurde in Baden-Württemberg die Verpflichtung eingeführt, der Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Termine zur Verfügung zu stellen. Die niedergelassenen Psychotherapeuten werden gegängelt und erleben eine Einschränkung ihrer Therapiefreiheit.

Der Umstand, dass die Gesundheitspolitik aktionistisch agiert, ist im Zusammenhang mit der Politik der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) zu sehen, die nicht müde wird, das Thema Wartezeiten für einen Therapieplatz in der Öffentlichkeit zu lancieren. Es sei unzumutbar für Patienten, dass man vier bis fünf Monate warten müsse. Dass andere Fachgruppen (unter anderem Rheumatologen, Schmerztherapeuten, Endokrinologen) ähnliche Wartezeiten haben, wird nicht erwähnt. Woher das Geld für neue Therapeuten kommen soll – kein Konzept. Denkt die BPtK, dass der Kuchen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) neu verteilt wird? Die BPtK wirkt naiv in Sachen KBV. Und eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für eine bessere Finanzierung von Psychotherapie ist politisch nicht gewollt.

Als beschlossen wurde, dass Transgender-Personen zwölf Termine Psychologische Psychotherapie wahrnehmen sollen, bevor größere medizinische Interventionen beginnen, wurde dies nicht als Wertschätzung unserer psychotherapeutischen Kompetenz gelobt, sondern die „Pathologisierung“ dieser Gruppe kritisiert. Dass es unserer Reputation als Psychotherapeuten abträglich ist, wenn Patienten psychotherapeutische Begleitung mit „Pathologisierung“ assoziieren, wurde nicht bedacht. Dass es unserer Reputation abträglich ist, wenn die eigene Kammer immer wieder behauptet, wie würden unserem Versorgungsauftrag nicht hinreichend abdecken können, wird auch nicht bedacht.

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Man bekommt den Eindruck, die BPtK hat vergessen, dass sie sich primär um die Interessen der Mitglieder kümmern sollte. Dies zumindest gibt die Satzung vor. Sie ist nicht als eine Patientenlobby gedacht und entwickelt worden. Und sie wird nicht zuletzt auch von niedergelassenen Psychotherapeuten finanziert.

Dipl.-Psych. Stephan Hoyndorf, 70178 Stuttgart

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