ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Pflegende Angehörige und deren Unterstützung durch Hausärzte
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Schätzungsweise fünf Millionen Menschen in Deutschland pflegen Angehörige im häuslichen Umfeld (1). Zu den vielfältigen Folgen der informellen Pflegearbeit für die Gesundheit zählen allgemeine Erschöpfungszustände, Defizite in der Schlafqualität oder Rückenschmerzen; häufig kommt es zu psychischen Belastungen (1, 2). Die physischen und psychischen Belastungen scheinen sich in der COVID-19-Pandemie aufgrund weggefallener Dienstleistungen und Hilfestrukturen im Wohnumfeld noch zu verstärken (3). Hausärzte sind für Pflegende wichtig als Ansprechpartner und Beratungsinstanz. Das zeigte sich bereits bei der Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 2018.

Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, mögliche Ungleichheiten bei der hausärztlichen Unterstützung pflegender Angehöriger anhand ihrer soziodemografischen Merkmale zu ermitteln. Die Ergebnisse basieren auf einer Teilstichprobe mit 355 pflegenden Angehörigen, die aus den Daten der KBV-Versichertenbefragung des Jahres 2020 gezogen wurde (N = 2 036). Die telefonische Befragung von zufällig ausgewählten Versicherten fand zu Beginn der COVID-19-Pandemie vom 16.–25. März 2020 statt. Es wurde eine regional geschichtete, zweifach gestufte Zufallsauswahl verwendet. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die erwachsene deutschsprechende Wohnbevölkerung (4). Die statistischen Analysen erfolgten anhand multipler logistischer Regressionen, wobei das Signifikanzniveau auf 5 % festgelegt wurde. Die Auswertungen erfolgten mittels IBM SPSS Statistics for Windows, Version 25.0 (IBM Corp., Armonk, NY, USA).

Ergebnisse

Pflegende Angehörige

Die pflegenden Angehörigen sind überwiegend weiblich (61,4 %), 40–64 Jahre alt (51,3 %), in Vollzeit erwerbstätig (39,2 %) oder in Rente (31,1 %) (Tabelle 1). 78,3 % der Pflegenden beschrieben ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut, mehr als die Hälfte gab eine chronische Erkrankung an (55,5 %). 30,3 % der Befragten pflegen ihren Angehörigen wegen einer Demenzerkrankung.

Stichprobenbeschreibung pflegende Angehörige
Tabelle 1
Stichprobenbeschreibung pflegende Angehörige

Kontakt und Unterstützung durch den Hausarzt

Von den Pflegenden waren 68,5 % in dem Jahr vor der Befragung beim Hausarzt, wobei der Großteil den Hausarzt ein- bis fünfmal konsultierte (75,7 %) (Tabelle 1). Rund drei Viertel der Pflegenden, die beim Hausarzt waren, sprachen mit diesem auch über ihre Pflegesituation (77,0 %). Hierbei waren es in erster Linie Angehörige vulnerabler Gruppen, wie Ältere (≥ 65 Jahre, Odds Ratio [OR]: 5,56; 95-%-Konfidenzintervall: [1,24; 25,02]), Pflegende mit einer selbsteingeschätzten schlechten Gesundheit (OR: 8,19 [2,21; 30,35]) oder einer chronischen Erkrankung (OR: 5,78 [2,11; 15,83]), die im Vergleich zur jeweiligen Referenzgruppe häufiger mit ihrem Hausarzt sprachen (Tabelle 2). Bezogen auf die Bildungsgruppen lässt sich ein gegenteiliger Effekt erkennen: Nicht diejenigen aus der vulnerabelsten Gruppe beziehungsweise diejenigen mit formal niedriger Bildung, sondern Personen mit mittlerer (OR: 4,03 [1,19; 13,68]) oder höherer Bildung (OR: 3,27 [0,99; 10,72]) wenden sich besonders häufig an den Hausarzt, um mit ihm über ihre Pflegesituation zu sprechen (Tabelle 2).

Auswahl: pflegende Angehörige im vergangenen Jahr beim Hausarzt
Tabelle 2
Auswahl: pflegende Angehörige im vergangenen Jahr beim Hausarzt

Diskussion

Hausärzte sind ein wichtiger Bestandteil des Unterstützungsnetzwerks pflegender Angehöriger. Zur Aufrechterhaltung dieser Funktion benötigen Hausärzte sowohl Fortbildungen rund um das Thema Pflege (5) als auch verlässliche Spielräume zur Ausübung ihrer Beraterfunktion. Erforderlich ist dazu, dass die dringend notwendige Beraterfunktion angemessen vergütet wird. Andererseits brauchen Pflegende die präventive ärztliche Expertise, wenn es um den Erhalt ihrer Gesundheit trotz der belastenden Pflegesituation geht. Wie die vorliegenden Ergebnisse zeigen, sind es hierbei insbesondere Pflegende mit einer schlechten Gesundheit, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Gerade hier ist es empfehlenswert, die belastende Pflegesituation zu berücksichtigen, die den Gesundheitszustand weiter beeinträchtigen könnte. Inwiefern der schlechtere Gesundheitszustand der Pflegenden bereits durch die Pflegesituation beeinflusst wurde, konnte anhand der Datenlage nicht untersucht werden und sollte in weiteren Untersuchungen überprüft werden.

Auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse scheint es für Hausärzte weiterhin empfehlenswert, besonders Patienten mit formal niedriger Bildung auf eine mögliche Pflegesituation und damit einhergehende Belastungen anzusprechen. Gründe dafür, dass diese seltener als höher Gebildete über ihre Pflegesituation sprechen, könnten in der starken Asymmetrie der Arzt-Patienten-Beziehung sowie einer geringer ausgeprägten Gesundheitskompetenz liegen. Zukünftige Studien sollten die identifizierten Ungleichheiten anhand von qualitativen Studien näher beleuchten, sodass zugrunde liegende Haltungen und Einstellungen auf Seiten von Patienten und Ärzten ermittelt werden können.

Susanne Schnitzer, Adelheid Kuhlmey, Fabian Engelmann, Andrea Budnick
Charité – Universitätsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universität Berlin
and Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaften (Schnitzer, Kuhlmey, Budnick)
andrea.budnick@charite.de
Kassenärztliche Bundesvereinigung (Engelmann)

Interessenkonflikt
Prof. Dr. Kuhlmey und PD Dr. Schnitzer geben an, die Kassenärztliche
Bundesvereinigung bei deren Versichertenbefragungen beraten zu haben, ohne
dafür ein persönliches Honorar erhalten zu haben.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Finanzierung
Die vorliegende Arbeit ist Teil des Verbundprojekts „NAVICARE – Patientenorientierte Versorgungsforschung“. NAVICARE wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderschwerpunkts „Strukturaufbau in der Versorgungsforschung“ (01GY1911).

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 1. 2021, revidierte Fassung angenommen: 19. 4. 2021

Zitierweise
Schnitzer S, Kuhlmey A, Engelmann F, Budnick A: Informal caregivers and how primary care physicians can support them.
Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 507–8.
DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0217

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Wetzstein M, Rommel A, Lange C: Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst. GBE kompakt 2015: 6; 1–12.
2.
Oedekoven M, Amin-Kotb K, Gellert P, Balke K, Kuhlmey A, Schnitzer S: Associations between informal caregivers’ burden and educational level. GeroPsych 2019: 32; 19–29 CrossRef
3.
Eggert S, Teubner C, Budnick A, Gellert P, Kuhlmey A: Pflegende Angehörige in der Covid-19-Krise: Ergebnisse einer bundesweiten Befragung. Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (eds.), Berlin 2020. www.zqp.de/wp-content/uploads/ZQP-Analyse-Angeh%C3%B6rigeCOVID19.pdf (last accessed on 9 March 2021).
4.
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2020. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. www.kbv.de/media/sp/Berichtband_Ergebnisse_KBV_Versichertenbefragung_2020.pdf (last accessed on 9 March 2021).
5.
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (eds.): Pflegende Angehörige von Erwachsenen. S3-Leitlinie, Berlin 2018. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053-006l_S3_Pflegende-Angehoerige-von-Erwachsenen_2019-03.pdf (last accessed on 9 March 2021).
Stichprobenbeschreibung pflegende Angehörige
Tabelle 1
Stichprobenbeschreibung pflegende Angehörige
Auswahl: pflegende Angehörige im vergangenen Jahr beim Hausarzt
Tabelle 2
Auswahl: pflegende Angehörige im vergangenen Jahr beim Hausarzt
1.Wetzstein M, Rommel A, Lange C: Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst. GBE kompakt 2015: 6; 1–12.
2.Oedekoven M, Amin-Kotb K, Gellert P, Balke K, Kuhlmey A, Schnitzer S: Associations between informal caregivers’ burden and educational level. GeroPsych 2019: 32; 19–29 CrossRef
3. Eggert S, Teubner C, Budnick A, Gellert P, Kuhlmey A: Pflegende Angehörige in der Covid-19-Krise: Ergebnisse einer bundesweiten Befragung. Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (eds.), Berlin 2020. www.zqp.de/wp-content/uploads/ZQP-Analyse-Angeh%C3%B6rigeCOVID19.pdf (last accessed on 9 March 2021).
4. Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2020. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. www.kbv.de/media/sp/Berichtband_Ergebnisse_KBV_Versichertenbefragung_2020.pdf (last accessed on 9 March 2021).
5. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (eds.): Pflegende Angehörige von Erwachsenen. S3-Leitlinie, Berlin 2018. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053-006l_S3_Pflegende-Angehoerige-von-Erwachsenen_2019-03.pdf (last accessed on 9 March 2021).

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