ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Risikofaktoren für die Infektion von Gefäßkathetern – Ergebnisse einer Punkt-Prävalenzstudie an 78 Krankenhäusern
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Periphere und zentralvenöse Gefäßkatheter (PVK, ZVK) werden bei stationären Patienten häufig eingesetzt. Als Fremdkörper und durch die Verletzung der Hautbarriere stellen sie ein Infektionsrisiko dar. Über die Häufigkeit der Verwendung und von Infektionen in Deutschland gibt es noch wenig Daten. Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, über eine Punkt-Prävalenz-Analyse (PPA) die Prävalenz der Anwendung von ZVKs und PVK von assoziierten Infektionen und möglichen Risikofaktoren zu ermitteln.

Methodik

Die PPA wurde im Mai 2019 an 78 Akutkrankenhäuser der Helios-Gruppe durchgeführt. Grund- bis Maximalversorger waren in einem Verhältnis vertreten, das mit der Gesamtverteilung der Krankenhäuser in Deutschland vergleichbar ist. Unangekündigt visitierten Hygienefachkräfte alle Stationen und erfassten alle vorliegenden PVK und ZVK, inklusive getunnelter Katheter und Ports. Die Patienten wurden auf Infektionszeichen wie Rötung, Schmerz oder Thrombophlebitis untersucht. Wenn kein Transparentverband vorlag, wurde der Verband zur Inspektion entfernt. In der Patientenakte wurde nach gefäßkatheterassoziierten Bakteriämien gesucht, die innerhalb der vorausgegangenen drei Tagen nachgewiesen wurden. Bei peripheren Verweilkathetern wurde zusätzlich die Indikation hinterfragt: als Zugang ohne Indikation wurden PVKs gewertet, die in den letzten 24 Stunden nicht verwendet worden waren und bei denen keine intravenöse Therapie in den nächsten 24 Stunden vorgesehen war.

Ergebnisse

800 Stationen wurden visitiert (darunter 78 Intensiv- oder Intermediate-Care-Stationen sowie 10 Neo-Intensivstationen). 39,5 % der Patienten hatten mindestens einen Gefäßkatheter. Bei 1 574 der Zugänge (21,7 % aller Zugänge mit entsprechender Dokumentation, 95-%-KI: [20,8; 22,7]) lag die letzte Inspektion mehr als 2 Tage zurück. Der Zugang, der über den längsten Zeitraum hinweg ohne Verwendung belassen worden war, war ein 19 Tage alter PVK, seit 18 Tagen nicht verwendet und mit deutlichen Entzündungszeichen. 678 (9,4 % [8,8; 10,1]) der peripheren Verweilkatheter hatten keine nachvollziehbare Indikation. 251 Zugänge (3,1 %, [2,7; 3,5]) zeigten Infektionszeichen. Damit lag zum Zeitpunkt der PPA bei 1,4 % [1,3; 1,6] der Katheter von stationären Patienten eine Gefäßkatheter-assoziierte, nosokomiale Infektion vor. In den meisten Fällen (97 % der infizierten Katheter) wurden nur lokale Entzündungszeichen beobachtet (Tabelle 1).

Ergebnisse der Punkt-Prävalenz-Analyse mit N = 17 586 beobachteten Patienten in der Punkt-Prävalenz-Analyse*1
Tabelle 1
Ergebnisse der Punkt-Prävalenz-Analyse mit N = 17 586 beobachteten Patienten in der Punkt-Prävalenz-Analyse*1

In der multivariaten logistischen Regressionsanalyse stellten sich als unabhängige Risikofaktoren für eine Infektion eines PVK der unsaubere Verband und die länger zurückliegende Inspektion dar (Tabelle 2).

Risikofaktoren für die Infektion eines peripheren Venenkatheters*
Tabelle 2
Risikofaktoren für die Infektion eines peripheren Venenkatheters*

Diskussion

Über 17 000 Patienten wurden untersucht. Im Mittel hatte jeder 3. Patient mindestens einen peripheren oder zentralen Gefäßzugang. Rund 3 % aller Devices zeigten zum Zeitpunkt der Punkt-Prävalenz-Analyse Infektionszeichen. Es handelte sich hier meist (97 %) um eine lokale Entzündung. Ähnlich hohe Infektionsprävalenzen sind in anderen Untersuchungen beschrieben (1).

Einige Risikofaktoren für die Infektion von Gefäßkathetern sind bekannt und werden mittlerweile in Standards berücksichtigt. Die Anlage von ZVKs unter maximalen Barrieremaßnahmen, die Hautantisepsis mit einem Remanenzwirkstoff und die bevorzugte Lage von PVKs an Handrücken oder Unterarm sind etabliert. Ziel dieser Untersuchung war es, Risikofaktoren zu ermitteln, die bisher nicht im Fokus von Untersuchungen standen. Als zugangs-immanente Risikofaktoren für die Entwicklung einer Infektion bei PVKs detektierten wir den unsauberen Verband und die länger zurückliegende Inspektion. Eine Inspektion der Einstichstelle und des Verbandes sollte täglich erfolgen (2), um einen sicheren Verband zu gewährleisten und um Infektionen frühzeitig zu erkennen. Zusätzlich erinnert die Inspektion daran, die Indikation zu überprüfen. In unserer Untersuchung lag bei fast einem Viertel aller Gefäßkatheter die letzte Inspektion mehr als zwei Tage zurück, 16 % aller Verbände waren nicht in Ordnung und 9 % aller Zugänge hatten keine nachvollziehbare Indikation. In früheren Prävalenzuntersuchungen wurden Anteile nicht gebrauchter Zugänge zwischen 7 % und 38 % beschrieben (1, 3). In vielen Kliniken werden PVKs in der Notaufnahme durch Pflegekräfte gelegt, bevor Ärzte die Patienten untersuchen und eine intravenöse Medikation verordnen. Oft werden sie anschließend nicht gebraucht und nur belassen, um Blut abzunehmen oder prophylaktisch, weil der Zustand des Patienten sich verschlechtern könnte.

Die Verweildauer gehört zu den diskutierten Risikofaktoren für eine Infektion von Gefäßkathetern. Ein Wechsel der Zugänge in bestimmten Zeitintervallen vermeidet keine Infektionen (4). Vermutlich stellt nicht die Verweildauer an sich, sondern die Gesamtexposition gegenüber Gefäßkathetern ein Risiko für Infektionen dar. Wird die Exposition reduziert, indem man nicht benötigte Zugänge so früh wie möglich entfernt, führt dies zu einer Reduktion von Infektionen. Einfache Maßnahmen zur Erinnerung können dabei sehr wirksam sein (5). Eine Limitation dieser nicht konfirmatorischen Observationsstudie ist, dass trotz der großen Stichprobe aus einer Breite an Kliniken die Repräsentativität der Ergebnisse nicht gesichert ist.

Zusammenfassend fanden wir unter den stationären Patienten eine hohe Prävalenz an Gefäßkathetern. Einige Katheter waren infiziert, meistens jedoch nicht schwer. Risikofaktoren für eine Infektion waren vor allem solche, die auf ein mangelndes Problembewusstsein im Umgang hinweisen. Mit geeigneten Schulungsmaßnahmen sowie stringenten Vorgaben zur Indikation, Dokumentation und Pflege könnten Infektionen reduziert werden.

Marzia Bonsignore, Sascha Tafelski, Karin Schwegmann, Andreas Meier-Hellmann, Oliver Witzke, Irit Nachtigall
Zentrum für Hygiene, Evangelische Kliniken Gelsenkirchen (Bonsignore)
bonsignore@evk-ge.de

Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt
operative Intensivmedizin und akkreditierter Statistiker der Promotionskommission
(Tafelski, Nachtigall)

Hygiene, Helios Kliniken Hildesheim (Schwegmann)

Helios Kliniken GmbH, Berlin (Meier-Hellmann)

Westdeutsches Zentrum für Infektiologie, Universität Duisburg-Essen (Witzke)

Helios Kliniken Ost and Bad Saarow (Nachtigall)

Interessenkonflikt Formblatt fehlt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 21. 10. 2020, revidierte Fassung angenommen: 6. 4. 2021

Zitierweise
Bonsignore M, Tafelski S, Schwegmann K, Meier-Hellmann A, Witzke O, Nachtigall I: Risk factors for vascular catheter infections—findings of a point-prevalence study in 78 hospitals. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 503–4. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0204

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Ritchie S, Jowitt D, Roberts S, Service ADHBIC: The Auckland City Hospital Device Point Prevalence Survey 2005: utilisation and infectious complications of intravascular and urinary devices. N Z Med J 2007; 120.
2.
KRINKO: Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsblatt 2017; 2: 207 CrossRef MEDLINE
3.
McHugh SM, Corrigan MA, Dimitrov BD, et al.: Role of patient awareness in prevention of peripheral vascular catheter-related bloodstream infection. 2011 CrossRef MEDLINE
4.
Webster J, Osborne S, Rickard CM, Marsh N: Clinically‐indicated replacement versus routine replacement of peripheral venous catheters. Cochrane Database Syst Rev 2019 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Seguin P, Laviolle B, Isslame S, Coué A, Mallédant Y: Effectiveness of simple daily sensitization of physicians to the duration of central venous and urinary tract catheterization. Intensive Care Med 2010; 36: 1202–6 CrossRef MEDLINE
Ergebnisse der Punkt-Prävalenz-Analyse mit N = 17 586 beobachteten Patienten in der Punkt-Prävalenz-Analyse*1
Tabelle 1
Ergebnisse der Punkt-Prävalenz-Analyse mit N = 17 586 beobachteten Patienten in der Punkt-Prävalenz-Analyse*1
Risikofaktoren für die Infektion eines peripheren Venenkatheters*
Tabelle 2
Risikofaktoren für die Infektion eines peripheren Venenkatheters*
1.Ritchie S, Jowitt D, Roberts S, Service ADHBIC: The Auckland City Hospital Device Point Prevalence Survey 2005: utilisation and infectious complications of intravascular and urinary devices. N Z Med J 2007; 120.
2.KRINKO: Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsblatt 2017; 2: 207 CrossRef MEDLINE
3.McHugh SM, Corrigan MA, Dimitrov BD, et al.: Role of patient awareness in prevention of peripheral vascular catheter-related bloodstream infection. 2011 CrossRef MEDLINE
4.Webster J, Osborne S, Rickard CM, Marsh N: Clinically‐indicated replacement versus routine replacement of peripheral venous catheters. Cochrane Database Syst Rev 2019 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Seguin P, Laviolle B, Isslame S, Coué A, Mallédant Y: Effectiveness of simple daily sensitization of physicians to the duration of central venous and urinary tract catheterization. Intensive Care Med 2010; 36: 1202–6 CrossRef MEDLINE

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