ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Kardiologische Rehabilitation: patientenberichtete Ergebnisparameter ausschlaggebend für Erfolg

MEDIZIN: Kurzmitteilung

Kardiologische Rehabilitation: patientenberichtete Ergebnisparameter ausschlaggebend für Erfolg

Cardiac rehabilitation: patient-reported outcomes are decisive for success

Salzwedel, Annett; Völler, Heinz

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Die kardiologische Rehabilitation wird in Deutschland grundsätzlich als 3- bis 4-wöchiges multimodales Intensivprogramm durchgeführt, in dem medizinisch-physische Faktoren wie auch psychische und sozialmedizinische Aspekte der Erkrankung positiv beeinflusst werden sollen. Obgleich die Rehabilitation (Reha) spezifische unterstützende Angebote im Rahmen des ganzheitlichen Behandlungsansatzes (wie etwa sozialdienstliche Beratungen) vorhält, kehren 27 % der Rehabilitanden im arbeitsfähigen Alter nicht in den Berufsalltag zurück (1). Lange Arbeitsunfähigkeitszeiten und vorzeitige Berentungen sind mit hohen Kosten für die Solidargemeinschaft assoziiert und können sich zudem ungünstig auf die Lebensqualität und die klinische Prognose der Patienten auswirken (2). Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt „Outcome of Cardiac Rehabilitation“ (OutCaRe) durchgeführt, um relevante Parameter für den Reha-Erfolg von unter 65-Jährigen zu identifizieren und zu evaluieren sowie letztlich Anhaltspunkte für eine Optimierung von Reha-Maßnahmen abzuleiten. Diese Kurzmitteilung fokussiert Parameter, mit denen der kurz- und mittelfristige Reha-Erfolg gleichermaßen abgebildet werden kann.

Methoden

Das zweiphasige Projekt beinhaltete zunächst eine vierstufige webbasierte Delphi-Expertenbefragung mit mehr als 60 erfahrenen Medizinern, Sport-/Physiotherapeuten und Psychologen der kardiologischen Reha. Die Experten bewerteten kardiovaskuläre Risikofaktoren sowie Parameter der körperlichen Leistungsfähigkeit, Sozialmedizin und subjektiven Gesundheit hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Reha-Erfolg. Daraus resultierten 20 konsentierte „Erfolgsparameter“ der kardiologischen Reha (3). Diese Indikatoren wurden in einer prospektiven Registerstudie mit 1 586 Patienten in zwölf Reha-Zentren (05/2017–05/2018) in Bezug auf Modifizierbarkeit während der Reha und auf die Vorhersagekraft für die berufliche Wiedereingliederung und die gesundheitsbezogene Lebensqualität sechs Monate nach der Reha evaluiert (4, 5).

Hierfür wurden die Parameter der subjektiven Gesundheit und der Sozialmedizin weitgehend anhand generischer Fragebögen operationalisiert, um die Validität für alle Entitäten in der kardiologischen Reha zu gewährleisten. Erfasst wurden insbesondere Depressivität, Herzangst, subjektives Wohlbefinden, somatische Gesundheit, Schmerzen und psychisches Befinden, gesundheitsbezogene Lebensqualität sowie ein vorhandener Rentenwunsch und die Selbsteinschätzung der Erwerbsprognose durch den Patienten. Zudem wurde eine Vielzahl soziodemografischer und medizinisch-physischer Faktoren in der Reha dokumentiert. Sechs Monate nach Entlassung wurden der Erwerbsstatus (primärer Endpunkt) sowie die Lebensqualität (sekundärer Endpunkt) der Patienten erfragt.

Die Modifizierbarkeit der Parameter wurde aufgrund von statistischer Signifikanz (Prä-/Posttest nach Wilcoxon beziehungsweise McNemar) und standardisierten Effektstärken > 0,35 beziehungsweise Änderungen von mehr als fünf Prozentpunkten für kategoriale Variablen beurteilt (4). Für die Vorhersage der beruflichen Wiedereingliederung beziehungsweise der Lebensqualität wurden multivariable, multipel imputierte logistische (primärer Endpunkt) beziehungsweise lineare (sekundäre Endpunkte) Regressionsmodelle mit Rückwärtsselektion angepasst (5).

Die Studie wurde von den zuständigen Ethikkommissionen geprüft und im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS00011418) registriert.

Ergebnisse

Die Mehrheit der geprüften Parameter zeigte sich sowohl statistisch als auch klinisch relevant während der Reha modifizierbar. Insbesondere die Trainingsausdauerbelastung, der Blutdruck, das Wohlbefinden, die Skalen somatische Gesundheit, psychisches Befinden und Schmerzen des IRES-24-Fragebogens (IRES, Indikatoren des Reha-Status) sowie die Motivation zur Lebensstiländerung, das Rauchverhalten und die Selbsteinschätzung der gesundheitlichen Prognose der Patienten konnten positiv beeinflusst werden. Diese Parameter bildeten damit den unmittelbaren Erfolg der kardiologischen Reha bei Entlassung gut ab.

In der Nachbefragung waren von 1 262 Patienten (54 ± 7 Jahre, 77 % Männer) 864 (69 %) berufstätig. Dieser mittelfristige Erfolg war vor allem mit einer ungünstigen subjektiven Berufsprognose (Odds Ratio [OR]: 0,34; 95-%-Konfidenzintervall: [0,24; 0,48]) beziehungsweise einem geäußerten Rentenwunsch (OR 0,33; [0,22; 0,50]) negativ assoziiert, während eine höhere gesundheitsbezogene Lebensqualität und Ausdauertrainingsbelastung positiv prädiktiv waren (Tabelle). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität sechs Monate nach Entlassung (46 ± 10 und 49 ± 11 Punkte im körperlichen beziehungsweise psychischen Summenscore des Kurzfragebogens zum Gesundheitszustand SF-12) wurde in erster Linie durch patientenberichtete Parameter bestimmt (vor allem Rentenwunsch, herzbezogene Angst, gesundheitsbezogene Lebensqualität, körperliche/psychische Gesundheit im IRES-24).

Indikatoren des kurzfristigen und mittelfristigen Rehabilitationserfolgs
Tabelle
Indikatoren des kurzfristigen und mittelfristigen Rehabilitationserfolgs

Während der Reha modifizierbare Parameter, die gleichzeitig die berufliche Prognose beziehungsweise die gesundheitsbezogene Lebensqualität vorhersagten, umfassten neben der Ausdauerbelastung im Ergometertraining die Mehrheit der patientenberichteten Parameter der subjektiven Gesundheit (Tabelle).

Diskussion

Die patientenseitige Einschätzung der eigenen beruflichen Zukunft einschließlich einer gewünschten oder erwarteten Berentung erwies sich als hoch prädiktiv sowohl für die tatsächliche Rückkehr in den Beruf als auch für die gesundheitsbezogene Lebensqualität ein halbes Jahr nach der Reha. Sie sollte daher bereits bei Reha-Beginn differenziert hinterfragt werden, um die determinierenden Faktoren zu explorieren. So können zum einen therapeutische Strategien zielgerichtet eingeleitet werden; zum anderen ist die kontinuierliche sozialdienstliche Begleitung frühzeitig initiierbar, in deren Rahmen auch individuelle Maßnahmen für den Übergang in den Lebensalltag des Patienten zu besprechen und gegebenenfalls einzuleiten sind. Darüber hinaus kommt der wahrgenommenen psychischen Gesundheit der Patienten eine große Bedeutung zu. Diesem Aspekt sollte während der Reha etwa durch den routinemäßigen Einsatz entsprechender Assessments konsequent Rechnung getragen werden.

Im Projekt OutCaRe wurde die essenzielle Aussagekraft patientenberichteter psychosozialer Parameter für das kurz- und mittelfristige Reha-Ergebnis nachgewiesen, wodurch die Bedeutung des multimodalen transprofessionellen Ansatzes der kardiologischen Reha, der die psychologische wie auch sozialdienstliche Unterstützung einschließt, unterstrichen wird.

Annett Salzwedel, Heinz Völler für die OutCaRe-Studiengruppe
Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg, Universität Potsdam (Salzwedel, Völler), annett.salzwedel@fgw-brandenburg.de
Klinik am See, Rüdersdorf (Völler)

Interessenkonflikt
Die Förderung des Projekts OutCaRe erfolgte durch die Deutsche Rentenversicherung Bund. Die Autoren erklären, dass keine weiteren Interessenkonflikte bestehen.

Manuskriptdaten
eingereicht: 16. 12. 2020, revidierte Fassung angenommen: 12. 04. 2021

Zitierweise
Salzwedel A, Völler H: Cardiac rehabilitation: patient-reported outcomes are decisive for success.
Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 505–6.
DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0211

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Deutsche Rentenversicherung Bund: Reha-Bericht 2019. www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken-und-Berichte/Berichte/rehabericht_2019.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (last accessed on 21 April 2021).
2.
Cauter JV, Bacquer D, Clays E, Smedt D, Kotseva K, Braeckman L: Return to work and associations with psychosocial well-being and health-related quality of life in coronary heart disease patients: results from EUROASPIRE IV. Eur J Prev Cardiol 2019; 26: 1386–95 CrossRef MEDLINE
3.
Salzwedel A, Haubold K, Barnack B, Reibis R, Völler H: Indikatoren der Ergebnisqualität kardiologischer Rehabilitation. Rehabilitation (Stuttg) 2019; 58: 31–8 CrossRef MEDLINE
4.
Zoch-Lesniak B, Dobberke J, Schlitt A, et al.: Performance measures for short-term cardiac rehabilitation in patients of working age: results of the prospective observational multicenter registry OutCaRe. Arch Rehabil Res Clin Transl 2020; 2: 100043 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Salzwedel A, Koran I, Langheim E, et al.: Patient-reported outcomes predict return to work and health-related quality of life six months after cardiac rehabilitation: results from a German multi-centre registry (OutCaRe). PLOS ONE 2020; 15: e0232752 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Indikatoren des kurzfristigen und mittelfristigen Rehabilitationserfolgs
Tabelle
Indikatoren des kurzfristigen und mittelfristigen Rehabilitationserfolgs
1.Deutsche Rentenversicherung Bund: Reha-Bericht 2019. www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken-und-Berichte/Berichte/rehabericht_2019.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (last accessed on 21 April 2021).
2. Cauter JV, Bacquer D, Clays E, Smedt D, Kotseva K, Braeckman L: Return to work and associations with psychosocial well-being and health-related quality of life in coronary heart disease patients: results from EUROASPIRE IV. Eur J Prev Cardiol 2019; 26: 1386–95 CrossRef MEDLINE
3.Salzwedel A, Haubold K, Barnack B, Reibis R, Völler H: Indikatoren der Ergebnisqualität kardiologischer Rehabilitation. Rehabilitation (Stuttg) 2019; 58: 31–8 CrossRef MEDLINE
4.Zoch-Lesniak B, Dobberke J, Schlitt A, et al.: Performance measures for short-term cardiac rehabilitation in patients of working age: results of the prospective observational multicenter registry OutCaRe. Arch Rehabil Res Clin Transl 2020; 2: 100043 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Salzwedel A, Koran I, Langheim E, et al.: Patient-reported outcomes predict return to work and health-related quality of life six months after cardiac rehabilitation: results from a German multi-centre registry (OutCaRe). PLOS ONE 2020; 15: e0232752 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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